(openPR) Aus PISA gelernt? - Ein Symposium in Berlin zog nach fünf Jahren gesteigerten Reformeifers und Beharrungsvermögens eine kritische Zwischenbilanz.
"Aus PISA gelernt?" - Die Leitfrage des Symposiums, das die Software AG-Stiftung am 24.11.2006 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften veranstaltete, konnte leider nur mit "ungenügend" beantwortet werden. Ausgehend von den Erkenntnissen der OECD-Studien zur Bildungssituation in über 30 Staaten, befassten sich Schulpraktiker, Erziehungswissenschaftler und Journalisten mit den Auswirkungen auf das deutsche Bildungswesen. Andreas Schleicher, PISA-Koordinator der OECD, unterstrich erneut, dass mit den PISA-Resultaten weder alle schulischen und persönlichen Entwicklungen von Kindern und Jugendlichen erfasst werden können, noch ein umfassendes Urteil über einzelne Schulen abgegeben werden solle. Der Wert der Untersuchungen liege vielmehr in der Aufforderung zum Vergleich mit anderen Bildungssystemen, was sinnvoller Weise auch zu einer Rechenschaftslegung bezüglich der Stärken und Schwächen der Systeme führe.
Zur in Deutschland besonders intensiv diskutierten Thematik der Standards führte Schleicher aus, sie sollten Bildungsziele beschreiben, denen die stärker eigenständigen Schulen je nach lokalen Erfordernissen entgegenarbeiten sollten. Am deutschen Bildungssystem kritisierte Schleicher vor allem, dass das öffentliche Schulwesen unverändert auf Selektion setzt. Die Ausführungen verschiedener Erziehungswissenschaftler und Schulpraktiker machten deutlich, dass alternative Methoden des Schule-Haltens seit Jahrzehnten erforscht und an einer größeren Zahl von Schulen mit Erfolg praktiziert werden. Zu Wort kamen Vertreterinnen und Vertreter der Laborschule Bielefeld, der Helene-Lange-Schulen Wiesbaden und der Montessori-Schule in Potsdam. Neben den Erfahrungen dieser staatlichen Schulen spielte die wachsende Zahl der vielfältigen Schulen in freier Trägerschaft eine wichtige Rolle, von denen sich über 50 in einem Netzwerk "Blick über den Zaun" zur gegenseitigen Anregung verabredet haben.
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde einerseits deutlich, dass PISA Anstöße für die überfällige Bildungsdebatte gegeben hat, die föderale Struktur der Bundesrepublik Deutschland jedoch das Dilemma der Unversöhnlichkeit der Positionen zwischen Fördern und Selektieren 16-fach widerspiegelt. Schon die Frage, ob ein Test für alle Schulkinder bereits in der dritten oder erst in der vierten Klasse stattfinden solle, wird vor diesem Hintergrund unbeantwortbar: Für die dritte Klasse spricht die Chance, etwaige Schwächen noch ausgleichen zu können; für den Test in der vierten Klasse spricht die datengestützte Zuweisung ans Gymnasium - oder eben die begründete Zurückweisung.
Man darf gespannt sein, welche "OECD-Ohrfeigen" Deutschland noch braucht, welche Gewaltakte gegen und in Schulen noch ertragen werden müssen, wie niedrig der Anteil der Schüler mit Schulabschluss noch werden muss - damit die politisch Verantwortlichen einen Konsens finden, der überfälligen Reformen den Weg frei macht.
Walter Hiller







