(openPR) Am Freitag, den 16. Oktober 2020 machte „Werde DEMOKREATIV!“ Station in der Justizvollzugsanstalt Iserlohn. Der in Wiesbaden lebende Künstler Georg Joachim Schmitt hatte zwei Unterrichtsräume der JVA-eigenen Schule in ein Wahllokal verwandelt. An jedem Platz war ein Sichtschutz aus Kunststoff aufgestellt. Nach einigen einführenden Worten konnte sich jeder Teilnehmer einen Blanko-Wahlzettel von einem Stapel nehmen und ihn sich erst einmal in Ruhe ansehen. Anschließend stand es jedem frei, dieses Herzstück der Demokratie zu gestalten. Zu diesem Zweck hatte Schmitt Mal- und Zeichenutensilien jedweder Art mitgebracht. An den Wänden hatte Schmitt – als Anregung – bereits gestaltete Wahlzettel aus vorhergehenden Aktionen aufgehangen.
Es war nicht das erste Mal für ihn, dass seine Initiative „Werde DEMOKREATIV!“ Schmitt in eine Justizvollzugsanstalt führte. Bereits zum wiederholten Mal gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung, sucht der Künstler herkömmlicherweise Schulen, Berufsschulzentren oder Jugendzentren auf. Das Angebot, sich jenseits des echten Wahlvorgangs einmal ganz sinnlich und unverkrampft mit dem Akt des Wählens auseinanderzusetzen, kommt an und findet bei Lehrkräften und Teilnehmern rege Resonanz. Aufgrund der deutschlandweiten Coronabestimmungen kam Schmitt dann auf den Gedanken, sich denjenigen zu widmen, die sich aufgrund ihrer Haft quasi in Dauer-Quarantäne befinden. Das Konzept überzeugte Jennifer Eckelt, die die als Rehabilitationspädagogin in Iserlohn arbeitet und die Strafgefangenen sozialpädagogisch betreut. Sie ermöglichte den Aktionstag im Knast.
Coronabedingt konnte nur eine begrenzte Anzahl von Strafgefangenen an der Aktion teilnehmen. Daher hatte man sich vor Beginn der Aktion dazu entschlossen, zwei benachbarte Unterrichtsräume zu Wahllokalen umzufunktionieren. Die sechs bzw. sieben Teilnehmer zeigten anfänglich große Vorbehalte, was das Ganze denn überhaupt solle. Nachdem sich die Ersten ein Herz gefasst hatten und loslegten, entspann sich in den mittäglichen Stunden so manch lebhafte Diskussion über Verantwortlichkeit, Demokratie und Fatalismus. Während die Gruppe mit jüngeren Strafgefangenen länger brauchte, um Revierkampfverhalten und alberne Späßchen abzulegen, waren die Älteren ruhiger und konnten sich recht schnell auf eine Diskussion einlassen. Hierbei stellte sich heraus, dass einige der Teilnehmer schlimme Kriegserfahrungen hinter sich gebracht hatten. Immer wieder fielen Anspielungen auf traumatische Erlebnisse, die freilich nicht in aller Deutlichkeit zur Sprache kamen. Doch nach etwa 90 Minuten trat eine konzentrierte Stille in beiden Räumen ein: Die jungen Männer waren offensichtlich in die Gestaltung ihrer Wahlzettel wirklich vertieft. Immer wieder kamen Fragen auf, was das Programm der auf dem Wahlzettel verzeichneten Parteien anging. Persönliche Lebensgeschichte, Zukunftspläne, das Leben im Hier und Jetzt der JVA, politische Ansichten und die eigene Gefühlswelt – all dies floss in diesen Stunden zusammen. Am Ende waren viele beeindruckende Bilder entstanden. Eines der schönsten Arbeiten war ein Geschenk an eine verehrte Lehrerin, die in lockerem aber stets souveränen Umgang den jungen Strafgefangenen Sympathie und Respekt entgegenbrachte. Man hatte sich an diesem Tag für eine gewisse Zeit einer künstlerischen und politischen Fragestellung geöffnet. Dann holte einen der Gefängnisalltag wieder ein.
Mittlerweile hat Schmitt viele hundert künstlerisch gestaltete Wahlzettel sammeln können. Die Arbeiten werden im Frankfurter Kunstverein Familie Montez vom 13. bis zum 20. Dezember 2020 der Öffentlichkeit vorgestellt. Auch dort wird man die Möglichkeit haben, selbst Hand anzulegen und Blanko-Wahlzettel künstlerisch zu bearbeiten. Für die Strafgefangenen ist die Ausstellung etwas ganz Besonderes: Sie merken, dass sie ernstgenommen werden. Der Kunstverein ist ein äußerst prominenter und begehrter Veranstaltungsort. Dort hat der Deutsche Fußballbund seine Jahresversammlung abgehalten. Fernsehsendungen werden von dort live ausgestrahlt. Und weltberühmte Künstler wie die New Yorker Photographin Annie Leibovitz hatten hier ihre Ausstellung.











