(openPR) "Manche Leser meinten schon, einen Bezug von 'Buddhas heiteres Lächeln' zu Hermann Hesses Werk 'Siddhartha' zu erkennen. Nicht ganz zu Unrecht, vermutlich. In beiden Romanen geht es um eine Emanzipationsgeschichte. Hermann Hesse nennt im "Siddhartha" die ganz normalen, gewöhnlichen Menschen "Kindermenschen", ein Schlüsselwort, wie ich meine. Doch was bedeutet es? - Die Kindermenschen sind für den Dichter diejenigen, die durchs Leben hasten, ohne sich dieses Lebens überhaupt inne zu werden, die sich freuen, sich vergnügen, sich mühen und abrackern, sich lieben und Kinder zeugen, ihre Geschäfte machen. betrügen und sich betrügen lassen, sich aber nie fragen, woher, wohin oder wozu das alles.
Anders, ganz anders Hesses Protagonist Siddhartha, der sich im Grunde genommen verrennt, vom Brahmanensohn zum Asketen und Waldmenschen, vom Waldmenschen zum erfolgreichen, dann des Lebens überdrüssigen Geschäfts- und Lebemann wird und schließlich - nachdem er dies alles bis zum Grund und Überdruss durchlebt und durchschaut hat -, am Ende zu einem Flößer wird, der mit dem einfachen, aber tiefsinnigen Vasuveda immerzu auf den Fluss starrt und begierig ist, vom Fluss, der ihm zur Metapher des Lebens selbst wird, zu lernen. Und tatsächlich wird Siddhartha mit den Jahren genauso klarsichtig und geläutert wie dieser alte Weise, der vor seinem Abscheiden beschließt fortzugehen, um seine letzten Tage in den Wäldern zu verbringen.
Und wahrlich, es gibt keine andere große Dichtung, - zumindest kenne ich sie keine -, die dieses Leben in solcher Schlichtheit, jedoch zugleich Transparenz auf den Punkt bringt. Hesse hat mit Siddhartha einen zweiten Buddha erschaffen, wobei dieser Hesses eigenes, ganz persönliches Misstrauen gegenüber allen "Lehrern" und "Lehren" deutlich erkennen lässt: Denn worauf es ankommt, was wesentlich ist, das lässt sich so wenig lehren wie Weisheit sich mitteilen lässt. Nach dieser kann der Suchende nur streben, indem er dieses Leben bewusst erlebt und erfährt, durchlebt, aber auch durchleidet.
Und nur diejenigen, die sich aufzumachen wagen, um nicht länger das vordergründige Leben von Kindermenschen zu führen, haben nach Siddhartha eine Chance, die Wirklichkeit zu erkennen. Aber was ist diese Wirklichkeit? Auch daran lässt der Dichter keinen Zweifel: Sie ist nie eindimentional, sondern komplex, ja steckt voller Widersprüche, und gerade diese Widersprüche lassen für den Verständigen und zur Einsicht Gekommenen die tiefere Wahrheit und den Sinn des Lebens aufleuchten. Denn Werden und Vergehen, Leben und Tod sind keine Widersprüche, sondern die zwei Seiten derselben Medaille. Alles ist der Veränderung unterworfen und nichts bleibt wie es ist. Allein das Bewusstsein ist die geistige Kraft, diese Widersprüche auszuhalten und zu einen, denn das Sein der Dinge ist Schein und die sichtbare Welt ist nichts als ein Aufleuchten des Ewigen und Bleibenden. "
Hubert Michelis, freier Schriftsteller, ehemaliger Priester und Bankangestellter
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