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Wiedervereinigung aus Sicht eines "Spätgeborenen"

18.05.202012:59 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Wiedervereinigung aus Sicht eines "Spätgeborenen"
Christian Langhoff, Unternehmer und Spicaautor
Christian Langhoff, Unternehmer und Spicaautor

(openPR) "Beginnen möchte ich mit der Erzählung von meiner Kindheit"; sagt Christian Langhoff, als wir ihn nach seinen prägendsten Erinnerungen nach der Wiedervereinigung gefragt haben. "Ich bin an der Küste aufgewachsen, obgleich nicht richtig an der Küste, wie so vieles in meinem Leben nicht gänzlich so war, wie es der Beschreibung entspricht, immer kurz davor, oder knapp daneben, etwas an der Eindeutigkeit vorbei, aber ich glaube, auch das ist nicht unbedingt selten. Ich bin im sogenannten Hinterland aufgewachsen, ein Bereich zwischen Festland und Küste, der nicht eindeutig zu greifen ist, ein Übergangsland sozusagen, in dem die Menschen sich entscheiden können, wem sie sich mehr zugehörig fühlen, dem Festlandbewohnern oder den Küstenbewohnern. Ich glaube, sie sind da ziemlich zerrissen. Es ist schwer den Zustand dieser Zeit zu beschreiben, in der ich Kind war. Sie verläuft langsamer, wenn niemand da ist und schneller, wenn viele an den sich in ihr abspielenden Ereignissen teilhaben. Aber wie könnte maneine Zeit beschreiben, in der sich unglaublich viel abspielt, was dazu führt, dass sich fast zeitgleich gar nichts mehr abspielt? In jedem Fall spürte man etwas Verlorenes in diesem Landstrich, auch oder gerade als Kind, welches nicht sonderlich viel von den politischen Ereignissen und deren Ausmaß verstand, war diese Verlorenheit so klar spürbar. Die Dinge funktionierten noch, es gab einen Konsum und einen Arzt in unserem Dorf, einen Sportraum für die Kinder, Gott, was habe ich Sport im Kindergarten und in der Schule gehasst, aber man sah es an den Menschen, diese Verlorenheit trug jeder an sich, und für ein Kind bedeutet dies nichts anderes als, alles ist hinüber, egal, was kommt, es war hinüber. Und was auch immer das war, was hinüber war, es war in jedem Fall besser als dieGegenwart und die Zukunft. Diese Botschaft trugen die Menschen aus meinem gürtelhohen Blickwinkel an sich und nach außen, aber ob es wirklich so war, oder nur in meiner Vorstellung, kann ich dir heute nicht mehr sagen.


Meine Eltern hatten ein kleines Haus, dass nicht ganz dicht war, es tropfte dort
wo es nicht tropfen sollte und zog an Stellen, die dicht hätten sein sollen. Aber es war ein schönes Haus. Ich mochte es sehr. Wir hatten einen kleinen Hof, umringt von Hecken, ich stelle es mir so vor, aber ich weiß es eigentlich nicht mehr, ein Garten hinter einem Scheunengebäude, welches fast so groß und kaputt war, wie das eigentliche Haus und dann dahinter das Feld. Unser Garten grenzte direkt an die Saat, nur ein kleiner Grünstreifen und eine Holzbank an der Hecke, mit Blick auf die Baumgruppe inmitten des Feldes. Noch heute habe ich sie vor Augen und möchte meinen, dass ich selten etwas gesehen habe, was so viel Ausstrahlung besitzt. Sie wirken noch immer magisch auf mich. Es hätten Elfen dort leben können, wenn es nicht Ameisen gewesen wären. Auf jener Bank saß mein Vater immer und schälte Kartoffeln. In meiner Erinnerung saß ich daneben, aber ich glaube nicht, dass es so war. Ich liebte dieses kreisrunde Feld mit seinen Ähren und die bemooste alte Bank.
Es gab viel Schutt in unserem Garten, zumindest so viel, dass ich mir mit einem Nachbarskind einen Bunker bauen konnte, aus dem wir dann mit Stöckern wie Gewehre schossen. Schutt und Krieg scheinen mir ein wesentlicher Bestandteil meiner Kindheit gewesen zu sein. Überhaupt gab es in unserem Dorf so unglaublich viel Schutt, leerstehende Scheunen mit Gerümpel, leerstehende Produktionshallen mit Gerümpel, Gerümpel auf Höfe, auf dem ehemaligen Fabrikgelände, auf dem Hang an dem ehemaligen Kiesaushub. Wir schmissen die vergilbten Akten aus den Büros der oberen Stockwerke alter Fabrikgebäude durch die Fertigungshallen, ließen sie fliegen über all das alte Öl im Beton. Mit den blanken Fäusten schlugen wir die Fenster ein, noch heute sehe ich die Splitter der Scheiben an meinen Händen und doch war es nie an mir, die Hakenkreuze zu malen, die solche Gebäude in unserem Landstrich trugen. Ich hätte nie daran gedacht und trotzdem waren sie überall.
Meine Eltern arbeiteten viel an ihre Unternehmerschaft, ebenso hatte ich zwei Schwestern, deren Pubertät eher schwierig mit meiner Kindheit in Einklang zu bringen war, somit blieb mir also ausreichend Zeit für das Studium des morgendlichen Kinderfernsehens. Ich liebte es und schaute wahrscheinlich genug für zwei Leben. Und doch blieben mir aus dieser Zeit nur vereinzelte Bilder im Kopf. Ein seltsamer Traum, der mir Zeit meines Lebens wahr zu sein schien, es aber schlichtweg einfach nicht war. In diesem Traum steckte mir ein riesiger rostiger Nagel im Fuß, ich hätte schwören können, dies wäre wirklich passiert, mehrmals im Leben habe ich meinen Fuß nach Narben abgesucht und keine gefunden. Ein Abend, an dem ich mit meinem Vater auf der Bank vor dem Haus saß und er mir den Unterschied zwischen Fledermäuse und Schwalben erklärte. Unser Hund, der ständig durchs Scheunenfenster kläffte und den wir immer einsperren mussten, weil er alle Menschen biss, die den Hof betraten, die nicht zur Familie gehörten. Ich weiß nicht mal mehr, wie er hieß. Irgendwann war er dann nicht mehr da, erst viel später, hörte ich, dass er zum Nachbarn gebracht wurde, damit dieser ihn erschoss.
Ein Silvester, an dem ich mit meiner Mutter tanzte. Es war ein so glücklicher Abend für mich, nicht nur deswegen, irgendwie herrschte an dem Abend eine familiäre Fröhlichkeit, die ich wohl sonst vermisste. Meine Erinnerung gleicht einem Foto und ich versuche die Pigmente zu deuten. Ich weiß noch, dass ich darauf drängte, dass dieser Abend wieder genauso stattfinden sollte im nächsten Jahr. Meine Eltern bemühten sich, aber irgendwas stimmte nicht mehr. Möglich
das dieser Abend dann tatsächlich genauso war, aber ich wusste nun, dass es Momente gab, die nicht zu wiederholen sind.
Dann kam der Sommer, in dem wir unser Haus verließen. Wir zogen in die Unternehmerschaft und mein Heim blieb für mich nur noch durch meine Großeltern zugänglich, die dort einzogen. Ich glaube in diesem Sommer hatten wir alle etwas verloren. Der rollende Plattenwagen mit den Möbeln über das Kopfsteinpflaster, die leeren Räume und der Schimmel hinter abgezogenen Schränken konnten es nicht rechtfertigen. Ich war viel bei meiner Großmutter, aß die Äpfel aus dem alten Ofen im Winter, Brot mit Butter und Zucker, erst wenn man etwas größer wurde, gab es Brot mit Salz. Ich war viel im örtlichen Konsum und las die neuesten Comics, die Inhaberin kannte mich mittlerweile gut und erlaubte es mir, ohne sie zu kaufen, ohnehin wurde nur noch selten dort gekauft und das Ende dieser Zeit nahm längst ihren Lauf."

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