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Szczesny aux Baux-de-Provence

08.08.201915:37 UhrKunst & Kultur
Bild: Szczesny aux Baux-de-Provence
Stefan Szczesny Bilder in Les Baux-de-Provence
Stefan Szczesny Bilder in Les Baux-de-Provence

(openPR) Bevor das Dorf seit Juni definitiv von den täglich herbei strömenden Touristen überflutet wird, hat es bereits eine ganz besondere, nämlich künstlerische Vereinnahmung erlebt. Stefan Szczesny, der gebürtige Münchner und Weltbürger mit seit Jahren etabliertem Wohnsitz in Saint Tropez, ist gekommen, um aus dem Dorf die Bühne für eine quantitativ und qualitativ beeindruckende Kunst-Show zu machen. Von Alfred Thum



Und dieses mittelalterliche Dorf bietet in der Tat ungeahnte, reichhaltige Möglichkeiten zur Darbietung von Kunst, und erstaunlicherweise gerade von moderner Kunst. Es versammelt alles, was zu einem echten provenzalischen Dorf dazugehört: eine imponierende Burgruine auf der Spitze des Berges und eine Siedlung, die sich zu Füßen des Berges entlang zieht längs einer Straße, die sich Grande Rue nennt und zum Rathaus und schließlich zu einem Platz mit einer Kapelle und einer Kirche führt. Alle Häuser sind im schlichten hellen Grau des Steins der Umgebung gehalten. Das Rathaus selbst ist im Renaissance-Stil errichtet, die anderen Häuser könnten wesentlich älter sein.

Wenn der Besucher unterhalb der Burgruine, also auf Dorfhöhe, ankommt, wird er von einem Fanfarenstoß moderner Skulptur begrüßt. Entlang einer Straße, die eher als Plateau zu bezeichnen ist, reihen sich überlebensgroße Skulpturen auf, die das Fest des Lebens zu inszenieren scheinen. Sie sind in lebendigen starken Farben bemalt und zeigen als Motive Palmen und andere tropische Pflanzen – und Menschen, die mit diesen Pflanzen in Harmonie leben. Sie sind zwei- und dreidimensionale Zwitter-Skulpturen: Sie sind zunächst aus Metallplatten ausgeschnitten, also zweidimensional, sind dann aber häufig in einem schrägen Hintereinander kombiniert mit anderen Figuren, sodass sie am Ende dreidimensional auftreten. Sie wirken leicht und luftig, weil sie ja nur Silhouetten sind, in Wirklichkeit sind sie natürlich ziemlich schwer und zudem in gewaltigen Sockeln verankert, sodass sie dem provenzalischen Mistral standhalten können.
Das anschließende Schlendern durch das Dorf wird zu einer Entdeckungsreise auf den Spuren des Künstlers. An mehreren Stellen öffnen sich halb versteckte Innenhöfe die zum Beispiel unter freiem Himmel die neuesten Gemälde von Szczesny zeigen, wobei er natürlich Trägermaterial und Farben benutzt hat, die dem Wetter standhalten. In einem anderen solchen Hof sind Fotos, die ihn selbst zeigen, aneinandergereiht. Es sind besonders gelungene Fotografien von bekannten Fotografen, Biopics also, die ihn in den verschiedenen Phasen seines Lebens und Schaffens zeigen.

Es fängt an mit Fotos aus der Frühzeit des Künstlers in Deutschland, als er Teil der Gruppe die Neuen Wilden war. Diese «wild» entschlossenen Neuerer hatten den Malstil der damaligen Zeit revolutionär aufgemischt. Ihre Ausstellungen erregten großes Aufsehen. Die beteiligten Künstler wurden schlagartig bekannt.

Für einen aufsteigenden Künstler wie Szczesny wie für viele andere war New York ab dem Ende der 80er-Jahre der wichtigste kulturelle Bezugspunkt, und so verlagerte er sein Atelier für sieben Jahre dorthin. Von seinem Atelier im südlichen Teil von Manhattan konnte er auf diese außerordentliche Stadt blicken. Fotos dokumentieren diese Phase ebenso wie diejenigen aus der Karibik, wohin er anschließend das Zentrum seiner Aktivitäten verlagerte. In dieser tropischen Umgebung machte seine Kunst einen entscheidenden Wandel durch: Die üppige, paradiesische Natur mit ihren kräftigen Farben bestimmte nun die Motivwelt seiner Kunst. Der zweite Wohnsitz in Saint-Tropez, der im Laufe der Jahre mehr und mehr zum Hauptwohnsitz wurde, bestärkte diese Richtungsänderung entscheidend. Fotos vom Atelier in Saint-Tropez und dem Garten, der es umgibt, lassen übrigens erahnen, in welchen Dimensionen und Formaten der Künstler heute arbeitet.

Die «Hauptschlagader» des Dorfes, die Grande Rue, führt in die Mitte des Dorfes zum Rathaus, der Maison «Manville». Der Besucher dieses Renaissance-Gebäudes wird begrüßt von einem suggestiven Innenhof. Dort wartet eine drei Meter hohe, eigens für diesen Platz geschaffene Skulptur von Szczesny auf ihn. In zwei bogenförmigen Seitennischen sind große Vasen aufgebaut. Man sieht, wie geschickt der Künstler seine Kunstwerke inszeniert, ja, wie die Inszenierung selbst Teil des Kunstwerks wird.

Vom Innenhof des Rathauses geht eine Tür in einen Ausstellungsraum, der mit seinen bogenförmigen Gewölben selbst schon sehenswert ist. Dort sind Glasskulpturen aufgebaut, die Szczesny erst vor kurzem in Venedig von einem kongenialen Glasbildhauer unter seiner Anleitung hat herstellen lassen. Die verschiedensten Möglichkeiten des Formens von Glas bei entsprechend hoher Temperatur sind dabei angewendet worden: etwa das Mundblasen, aber auch das Nach-unten-ziehen-Lassen unter Ausnutzung der Schwerkraft und das Miteinander-Verbinden im heißen Zustand, sodass komplexe Skulpturen aus verschiedenen Elementen entstehen können. Die Präsentation auf gleich hohen und gleich weißen Sockeln mit dem dezentfarbigen Hintergrund dieses Renaissancegewölbes lassen die Glasskulpturen in ihrem ganzen farbenprächtigen Glanz zur Wirkung kommen.

Die Augen des Besuchers müssen einiges an Kontrasten aushalten. Denn sobald er diesem suggestiven Glasskulpturenraum den Rücken gekehrt hat, schlägt ihm die Sonne in die Augen. Er kann allerdings schnell, nach guten 20 Metern, in einen nächsten Ausstellungsraum flüchten, wo es Keramiken zu sehen gibt. Wieder fällt die perfekte Platzierung der einzelnen Stücke auf. Diese gewölbeartigen Räume haben ihre eigene starke Ästhetik. Umso wichtiger ist, dass der Künstler nicht dagegen ankämpft, sondern die Harmonie sucht zwischen den eigenen Werken und der Kulisse, innerhalb derer sie sich präsentieren. Fast alle Keramiken sind aus der engen langjährigen Zusammenarbeit mit einem Keramiker der Côte d’Azur entstanden. Die angewendeten Arbeitstechniken sind kompliziert, die Brenntemperaturen außerordentlich hoch, die Abkühlungsdauer dementsprechend sehr lang. Resultat sind extrem wetter- und altersfeste Keramiken!

Ein weiterer Höhepunkt bezüglich der Innenraum-Ausstellungen wird dem Besucher nach einer Wanderung von 50 Metern geboten. Großformatige Bilder von 130 x 190 Zentimetern vom Ende der 80er-Jahre sind zu sehen. Es sind Portraits von großen Künstlern, die ihre Zeit geprägt und das Schaffen von Szczesny beeinflusst oder ihn jedenfalls zur Auseinandersetzung herausgefordert haben. Diese Bilder wollen einerseits die Charakteristika des Gesichts und der Silhouette des dargestellten Künstlers einfangen, andererseits aber auch spezifische Merkmale seines Werks herausstreichen: bei Alberto Giacometti zum Beispiel die Art, wie er seine Modelle porträtiert und wie sehr er dabei seine Farbskala reduziert. Außer bedeutenden Malern und Bildhauern des späten 19. bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind auch Filmregisseure wie etwa Jean-Luc Godard portraitiert. Der ganze Raum vibriert von Farben und Formen. Der Stil der Neuen Wilden ist absolut präsent.

Geht man von dieser letzten Innenraum-Show noch ein bisschen weiter, gelangt man an das Ende des Dorfes, wo sich ein weiträumiges Plateau öffnet, für Szczesny natürlich der geeignete Ort, um noch einige Großskulpturen in Szene zu setzen. Angesichts der riesigen Fläche und des unbegrenzten Himmels ist es ein Titanenkampf um Selbstbehauptung, den die Großskulpturen gegen den unendlichen Raum führen!

Alles in allem haben wir es mit einem Ausstellungsprojekt von ungewöhnlichen Dimensionen zu tun. Es war nur möglich, weil es zu einer Synergie kam, die einerseits vom Bürgermeister von Les Baux und andererseits vom Künstler mit seinem Arbeitsteam (der «Szczesny-Factory») getragen wurde. Der Einsatz von Kreativität und praktischer Arbeitskraft, von Maschinen und sonstigen Mitteln war enorm. Die großen Skulpturen an diesen Ort zu bringen, sie aufzustellen und windsicher zu machen, hat allein schon einen großen Aufwand erfordert. Was dabei herausgekommen ist, ist einmalig. Ein ganzes Dorf zur Bühne seiner Kunst zu machen, das macht Szczesny so schnell niemand nach. Er selbst hat es indessen schon einmal vorgemacht: 2007, also vor zwölf Jahren, hat er die Insel Mainau im Bodensee in ähnlicher Weise zur Plattform seiner Werke gemacht. Damals gab es allerdings noch ein spektakuläres megalomanes Glanzstück, die Bemalung eines Zeppelins!

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