Neuss/Potsdam – Klagen gehört auch für viele Mittelständler mittlerweile zur Routine. Doch nicht jede Kritik ist ungerechtfertigt oder bloßes Ritual. Eine von TNS Infratest im Auftrag der Commerzbank durchgeführte Umfrage unter 4.000 Firmen in ganz Deutschland brachte folgendes Bild zutage: Die deutschen Unternehmer klagen in erster Linie nicht über zu viel Bürokratie oder zu hohe Steuern. 73 Prozent der Mittelständler sehen in der Suche nach qualifiziertem Nachwuchs die größte Herausforderung für die kommenden fünf Jahre. „Ich kann nicht nachvollziehen, wenn die meisten Hochschulabsolventen eine berufliche Karriere bei einem Mittelständler als zweitrangig empfinden“, kommentiert Michael Müller, Geschäftsführer der auf IT-Dienstleistungen spezialisierten a & o-Gruppe, die Ergebnisse der Umfrage. „Natürlich gibt es den Reiz der großen Namen. Ich bringe mal ein Beispiel aus dem Sport: Wenn man als Fußball-Profi beginnt, spielt man auch nicht sofort für Bayern München oder Werder Bremen. Und wenn man bei einem solchen Top-Verein spielt, ist die Konkurrenz für einen Neuling sehr stark. Er muss sich erst durchbeißen. Übertragen auf das Berufsleben heißt das: Die Chance, als Berufseinsteiger bei der Deutschen Bank oder Daimler-Chrysler direkt eine Spitzenposition zu bekommen, ist nicht besonders hoch. Bei einem soliden mittelständischen Betrieb hat man die Möglichkeit, viel schneller aufzusteigen und Karriere zu machen.“
Zwei Drittel der Akademiker arbeiten hier zu Lande im Mittelstand, auch wenn die beruflichen Pläne früher anders aussahen. Die Nachwuchskräfte verbinden mit den kleineren Unternehmen aber oft Provinz, schlechtere Bezahlung und eine weniger interessante Tätigkeit. Nach einem Bericht des „Handelsblattes“ erweisen sich diese Urteile aber oft als Vorurteile. Das Gehalt sei in vielen Familienunternehmen nicht niedriger als in größeren Betrieben. Dass Mittelständler häufig auf dem Land angesiedelt seien, habe auch seine Vorteile. Denn dort sei das Leben nicht so teuer wie in den Städten. Außerdem böten Mittelständler oft bessere Aufstiegschancen: „Wo ein Trainee im Konzern mühsam und langwierig in zwei bis drei Jahren Personalführung üben muss, kann der Ingenieur oder Jurist im mittelständischen Unternehmen schnell Führungsverantwortung übernehmen.“
Doch die Bedeutung des Mittelstandes wird meistens unterschätzt. Nach Berechnungen des Instituts für Mittelstandsforschung (IM) waren 2004 über 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland bei Mittelständlern beschäftigt. Und ohne Studium geht fast nichts mehr: Zwei Drittel der Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen hatten 2003 einen Hochschulabschluss. „Während meiner beruflichen Laufbahn habe ich sowohl für große Konzerne als auch für Mittelständler gearbeitet“, so Müller. „Auch wenn Vergütungsstudien belegen, dass man als Berufseinsteiger bei einem Großunternehmen zunächst mehr verdient, sollte dies niemanden abschrecken, den Einstieg bei einem mittelständischen Unternehmen zu wagen. Dort gibt es flachere Hierarchien, so dass sich auch ein Uni-Absolvent schnell einbringen kann. Um Bewerber anzulocken, ködern zahlreiche kleinere Firmen gut qualifizierte Nachwuchskräfte mit mehr Geld und mehr Verantwortung. Meiner Meinung nach ist Größe nicht alles. Für Mittelständler spricht, dass man als Berufseinsteiger einen direkten Draht zu seinem Chef und einen engen Kontakt zu seinen Kunden hat. Zudem kann man dort in kleinen Teams eigenverantwortlich arbeiten und geht nicht in einer anonymen Masse auf.“ Experten weisen darauf hin, dass profilierten Top-Managern im Mittelstand sogar die Chance zur späteren Firmenübernahme locke, da viele Unternehmen keinen Nachfolger aus der Familie hätten.
Bei Mittelständlern geht es oft etwas familiärer zu als in größeren Betrieben. „Bei uns zählt der einzelne Mitarbeiter noch sehr viel“, betont Müller, der sich als Wirtschaftssenator im Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) engagiert. Doch selbstverständlich gehe es auch bei den KMU’s knallhart zur Sache: „Mittelständler tun viel für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, sie unterstützen kulturelle oder Sportvereine und übernehmen Ehrenämter. Doch dabei vernachlässigen sie auch nicht das Geschäft. Allerdings tun sie das mit Augenmaß und einem Blick für die langfristigen Folgen ihres Handelns. Kein Wunder, dass Mittelständler überdurchschnittlich viel ausbilden.“ Im Branchenvergleich hätten Dienstleistungsunternehmen die besten Beschäftigungsaussichten. Müller verweist auf die eigene Erfolgsgeschichte: „Dass a & o mal im rheinischen Neuss relativ bescheiden angefangen hat, sagt nicht, dass wir provinziell sind. Ganz im Gegenteil. Wir haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass wir ein interessantes Unternehmen sind und immer besser werden. Zuerst gelang uns die Übernahme und erfolgreiche Sanierung der IT-Siemenstochter Sinitec. Und kürzlich haben wir Teile des Traditionsunternehmens AgfaPhoto gekauft. Die Folge davon ist, dass wir unsere Serviceleistungen nicht nur in ganz Deutschland anbieten. Wir agieren mittlerweile auch stark auf dem internationalen Markt. Aufgrund der Servicekompetenz von a & o bedienen meine Mitarbeiter mittlerweile auch die Märkte in Europa, den Vereinigten Staaten und Kanada.“