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«Die Universität Bern ist flott unterwegs»

02.12.201715:00 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: «Die Universität Bern ist flott unterwegs»
Dies Academicus 2017 der Universität Bern. (Universität Bern / Stefan Wermuth.)
Dies Academicus 2017 der Universität Bern. (Universität Bern / Stefan Wermuth.)

(openPR) Am 183. Dies academicus der Universität Bern thematisierte Rektor Christian Leumann die Freiheit von Lehre und Forschung und zog Bilanz über die erste «Halbzeit» der Universitätsstrategie. Regierungspräsident Bernhard Pulver betonte die Bedeutung der politischen Rahmenbedingungen für den Erfolg der Universität – und blickte auf zwölf Jahre als Erziehungsdirektor zurück. Zoë Lehmann sprach für die Mittelbauvereinigung MVUB und über Aristoteles als Vorbild. Neun Persönlichkeiten wurden mit einem Ehrendoktortitel und elf Forschende mit akademischen Preisen geehrt.



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«Das Erfolgsrezept der Universität liegt in der Freiheit von Lehre und Forschung, sowie in ihrer Autonomie», betonte Rektor Christian Leumann in seiner Begrüssung. Forschungsfreiheit würde jedoch zuweilen hinterfragt, und es gäbe immer wieder Bestrebungen, sie stärker regulieren zu wollen – sei es, indem wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage gestellt oder der Forschungs- und Technologiefortschritt auf Ablehnung stosse. Leumann plädierte dafür, dass wissenschaftliche Prozesse mit hoher Transparenz, aber ohne Einschränkungen an Universitäten stattfinden können, und nicht anderswo im «pseudowissenschaftlichen Dunkel» verhandelt würden: «Denn die Vielfalt und Kreativität an Problemlösungen ergibt sich nur, wenn die Freiheit der methodischen Herangehensweise gegeben ist».

Internationalisierung und Interdisziplinarität

Zur «Strategie 2021» der Universität Bern, die sich nun in der Halbzeit ihrer Umsetzung befindet, zitierte Leumann den einflussreichsten Alumnus der Universität Bern, Albert Einstein: «Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muss sich vorwärtsbewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. – Mit Freude kann ich sagen, dass die Universität Bern flott unterwegs ist». Ausgezeichnet entwickle sich etwa das Projekt sitem-Insel, an welchem die Universität zusammen mit Bund, Kanton, Inselspital und privaten Unternehmen im Bereich der translationalen Forschung beteiligt ist. Weiter ziele die Universität Bern mit ihrer Strategie auf interdisziplinäre Forschung, indem sie den Austausch der verschiedenen Wissenschaftszweige untereinander fördert. Die erste von drei Forschungskooperationen, «One Health» sei gestartet, in der 10 Forschungsgruppen aus der medizinischen, der naturwissenschaftlichen und der Vetsuisse-Fakultät zusammen erforschen, wie Veränderungen in Populationen von Mikroorganismen in sich über die Nahrungskette auf die Gesundheit von Tier und Mensch auswirkt.

Ein Highlight seien auch dieses Jahr viele wichtige Preise und Auszeichnungen an Berner Forschende gewesen, wie die Verleihung des diesjährigen Schweizerischen Wissenschaftspreises «Marcel Benoist» durch Bundesrat Johann Schneider-Ammann an den Klimaforscher Thomas Stocker. Ein Erfolg ihrer Internationalisierungsstrategie sei die Aufnahme der Universität Bern in «The Guild» gewesen, einer Vereinigung von 19 forschungsintensiven europäischen Universitäten.

Als Herausforderungen nannte Leumann die Digitalisierung, die auch den universitären Arbeitsplatz erfasse, weshalb die Universität Bern daran sei, eine Digitalisierungsstrategie zu erarbeiten. Noch grösser sei aber die Herausforderung der räumlichen Unterbringung von Forschung und Lehre, wobei für die Naturwissenschaften und die Präklinik dringend Ersatz für die bestehenden Infrastrukturen geschaffen werden müsse. «Ich bin aber zuversichtlich, dass wir gemeinsam mit dem Kanton gute Lösungen finden und die für die Universität notwendige Entwicklungsgrundlage schaffen können», sagte Leumann.

Regierungspräsident Pulver: Medizinalstandort Bern als Trumpf

Regierungspräsident und Erziehungsdirektor Bernhard Pulver hielt nach zwölf Jahren im Amt seine letzte Rede am Dies Academicus. Rückblickend nannte er einige herausragende Themen, die in dieser Zeit die Universität besonders geprägt hätten und künftig auch prägen würden. Eines davon ist die Autonomie der Universität, die mit der Teilrevision des Universitätsgesetzes 2010 gestärkt wurde. «Ich bin überzeugt, dass es sich bewährt hat, die Autonomie der Universität noch weiter zu entwickeln», sagte Pulver. Insbesondere sei es falsch, der Universität Interessen in Form von Fachgebieten vorschreiben zu wollen oder einen Numerus Clausus für geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer zu verlangen. Dies berge die Gefahr von Sprunghaftigkeit und Mittelmässigkeit. Viel besser sei es, ihre bereits vorhandenen Stärken und Forschungsschwerpunkte wenn nötig noch weiter zu fördern. Als Paradebeispiel nannte Pulver den Medizinalbereich. «Unser Ziel war schnell klar: Wir wollen stärkster Medizinalstandort der Schweiz sein.» Dies habe einiges bewegt: Mit dem Zusammenschluss von Inselspital und Spitalnetz Bern sei das grösste Universitätsspital der Schweiz entstanden, wichtige Firmen wie CSL Behring und Ypsomed hätten in Bern investiert, die Universität habe die Humanmedizin um 100 Studienplätze erweitert und das Studium der Pharmazie voll ausgebaut, und das an Universität und Inselspital geplante Zentrum für Präzisionsmedizin werde vom Regierungsrat mit einer Anschubfinanzierung von drei Millionen Franken unterstützt. «Dieser Trumpf, die Stärkung des Medizinalstandorts, konnte nur ausgespielt werden, weil verschiedene Akteure aus Politik, Wirtschaft, Hochschulen und Gesellschaft an einem Strang ziehen», war Pulver überzeugt.

Gegen das Klischee der Akademisierung

Die Bedeutung der Universität als Standortfaktor werde bei seinen Gesprächspartnern aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik immer wieder betont. Dabei sei der Wunsch nach einem stärkeren Unternehmergeist auch in der Forschung geäussert worden: «Mir gefiel der Gedanke, dass die Universität auch ein Ort werden könnte, an dem bei interessierten Studierenden und bei Nachwuchsforschenden ein unternehmerischer Gründergeist unterstützt und gefördert wird.»

Ein eher schwieriges Thema der letzten zwölf Jahre ist für Pulver das Ausspielen der Berufslehre gegenüber der Hochschulbildung sowie ein immer wieder behaupteter und negativ bewerteter Trend hin zu einer «Akademisierung» gewesen. Etwa das Klischee, dass Hochschulabsolventen keine Arbeit fänden oder sich mit schlecht bezahlten Praktika begnügten. Statistisch gesehen lasse sich dies nicht belegen, unterstrich Pulver: Auch die angeblich brotlosen Geisteswissenschaftler hätten ein geringeres Risiko, erwerbslos zu werden als der Rest der Schweizer Bevölkerung, und der Lohn von Studienabgängern sei allgemein überdurchschnittlich gut. «Die zukünftigen Herausforderungen für unsere Gesellschaft erfordern sicher nicht weniger, sondern mehr wissenschaftlich fundiert ausgebildete Menschen über alle Disziplinen hinweg», sagte Pulver. Zum Meistern der zukünftigen Herausforderungen brauche es mehr denn je die Forschung der Universität in ihrer ganzen Vielfalt. Deshalb sei die Freiheit der Universität ebenso wichtig wie der Rückhalt, den sie von der Politik erhalten müsse: «Wir können die Zukunft nicht bestimmen, aber wir können sie gestalten.»

IKRK-Präsident Maurer: Forschung für eine bessere humanitäre Arbeit

Peter Maurer, Alumnus der Universität Bern und Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, blickte auf seine Studienanfänge vor 40 Jahren zurück. Das Studienerlebnis habe ihn in über 30 Jahren Berufsleben begleitet, und er sei der Universität dankbar: «Bis heute bin ich der festen Überzeugung, dass wissenschaftliche Methoden und Professionalität im Berufsleben gut zusammengehen und dass Professionalität in der Arbeitswelt auch in der wissenschaftlichen Methode verankert sein muss.» Immer wieder habe er festgestellt, dass wissenschaftliche Methoden ein wichtiger und solider Faktor politischer Konsensbildung seien und dadurch den Weg für Fortschritte im humanitären Bereich bahnen könnten. Eines von vielen Beispielen dafür sei der kürzlich abgeschlossene Vertrag der Vereinten Nationen zum Verbot von Nuklearwaffen, der auch das Ergebnis von wissenschaftlichen Studien sei, welche die inakzeptablen Kosten eines atomaren Krieges und die Unmöglichkeit, dessen Folgen humanitär zu bewältigen, schlüssig nachgewiesen hätten.

Entwicklungen wie mehr Bedürftige trotz gewaltigem Anstieg der Hilfe veranlassten heute das IKRK zum Hinterfragen seiner Arbeit. «Mehr ist nicht gut genug», sagte Maurer. Neue Ansätze müssten getestet, angepasst und verwirklicht werden. Dies sei grundsätzlich ein wissenschaftlicher Prozess. «Alleine werden auch die besten Akteure keine nachhaltigen Lösungen finden», ist Maurer überzeugt. Hier komme neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Universitäten, der Privatwirtschaft, der öffentlichen Hand und von humanitären Organisationen eine herausragende Bedeutung zu. Als ein Beispiel nannte Maurer die Verhandlungsführung in den Frontlinien der Konflikte. Das Aushandeln von humanitären Räumen unter allen Waffenträgern und Kriegführenden, um minimale soziale Dienstleistungen in krisengeschüttelten Regionen am Leben zu erhalten, sei zentral. Die dabei gemachten Erfahrungen der «frontline negotiators» müssten aber um wissenschaftlichen Einsichten zur Theorie der Verhandlungsführung ergänzt werden, und ebenso mit wirtschaftlicher Verhandlungsführung und politischer Mediation verglichen werden. Hier sei ein Austausch mit Universitäten vielversprechend, und ein geplantes Zentrum des IKRK für Praxis und Forschung solle auch den Kontakt mit schweizerischen Universitäten intensivieren. «Humanitäre- und Entwicklungsarbeit stehen am Anfang einer neuen Epoche, und wir brauchen systematisches Denken, um neue Wege aufzuzeichnen», sagte Maurer.

Mittelbauvereinigung: Entschleunigen mit Aristoteles

Zoë Lehmann, Co-Präsidentin der Mittelbauvereinigung MVUB, hielt eine gemeinsam mit Co-Präsidenten Rouven Porz verfasste Ansprache. Die Aktivitäten des Mittelbaus – vom Assistenten bis zur Postdoktorandin – haben viel mit dem «Zeitgeist» der Universität zu tun, und dieser ist laut Lehmann und Porz durch eine grosse Beschleunigung getrieben: Internet, Digitalisierung, Globalisierung, Facebook, Twitter, Whatsapp-Gruppen – «Alles geht ziemlich schnell, ja, ziemlich viel schneller als noch vor 10 oder gar 20 Jahren», sagte Lehmann. Angehörige des Mittelbaus getrauten sich laut Lehmann und Porz oftmals nicht mehr so richtig, die Gegenwart zu geniessen, weil die Zukunft für sie so ungewiss sei. Daher sei eine kurze Entschleunigung angezeigt, mit einem Zeitsprung ins alte Griechenland, zu Aristoteles.

Aristoteles mache in manchen seiner Werke die Unterscheidung zwischen zwei Formen von menschlichen Aktivitäten: Er spreche von Poesis und Praxis. Bei Poesis-Handlungen geht es um ein Ziel, bei Praxis-Handlungen um die Handlung selbst. Übertragen auf den akademischen Kontext bedeute dies, dass der Mittelbau zunehmend poetisch, also zielorientiert, verstanden werde. Es gelte dieses Stadium zu durchlaufen, um – im Denken einer Uni-Karriere – möglichst schnell eine Professur erreichen zu können. Die Professur sei das poetische Ziel, das im Mittelbau gebaut werden müsse. Es gehe nicht um den Prozess, also Praxis, sondern nur um das Ziel. «Wir verstehen diese Entwicklung, wir stecken ja selbst mittendrin», sagte Lehmann. Aber wo bleibe der Spass an der Arbeit, wo bleibe die gute Praxis – mit Aristoteles die Eupraxia?

Lehmann und Porz plädierten dafür, als Form einer Entschleunigung die Arbeit im Mittelbau und für den Mittelbau entsprechend nicht nur als Poesis, sondern auch als Praxis zu verstehen: nämlich als gute Durchführung der Arbeit, unabhängig vom Ziel. Eine solche Eupraxis für den Mittelbau würde natürlich auch über Ziele nachdenken, aber nicht auf diese fixiert sein. Denn Poesis ziele immer auf die Zukunft ab, während Praxis in der Gegenwart stattfinde. Lehmann schloss mit der Empfehlung: «Bleiben wir doch öfter mal in der Gegenwart!»

Weitere Informationen:
- http://www.unibe.ch/aktuell/medien/media_relations/medienmitteilungen/2017/medienmitteilungen_2017/die_universitaet_bern_ist_flott_unterwegs/index_ger.html

Quelle: idw

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