(openPR) DER DIALOG BRAUCHT DAS SHARED NEED.
Wenn sich etwas verbessern soll im zwischenmenschlichen Dialog, muss zuerst eine „tragfähige Brücke“ gebaut werden, bevor dann auf der Mitte dieser Brücke die Begegnung von Mensch zu Mensch stattfinden kann.
BEDÜRFNISSE
Die Bedürfnisbefriedigung gehört neben der sozialen Interaktion und der Überlebenssicherung der eigenen Gruppe kulturübergreifend zur Grundmotivation in jedem Menschen, wobei kulturspezifisch jeweils unterschiedliche Strategien zu deren Erfüllung angewandt werden.
Manfred Max-Neef, ein chilenischer Ökonom mit deutscher Herkunft, entwickelte in den 1990er-Jahren ein Modell menschlicher Bedürfnisse:
(1) Überleben, Materielle Lebensgrundlage, Lebenserhaltung (Subsistence)
Bedürfnis nach: körperlich und geistig gesund sein; mit sich im Gleichgewicht sein; Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Arbeit haben; sich fortpflanzen; ein passendes Lebensumfeld haben
(2) Schutz, Sicherheit (Protection)
Bedürfnis nach: Fürsorge, Geborgenheit und Solidarität erfahren; selbstständig sein; soziale Sicherheit haben; Abgesichert sein (Ersparnisse, Versicherungen, Krankenversicherung) und Vorsorge treffen; Rechte haben; mit anderen kooperieren; helfen
(3) Zuneigung, Zuwendung, Liebe (Affection)
Bedürfnis nach: Selbstachtung, Solidarität, Respekt, Toleranz; Partnerschaft, Familie, Freundschaft; sich lieben; sich kümmern, in Gemeinschaft sein; sich wertschätzen; Gefühle ausdrücken dürfen
(4) Verstehen, Verständnis (Understanding)
Bedürfnis nach: Neugier, Vernunft, Aufnahmebereitschaft; zu forschen, experimentieren, analysieren; zu lernen, andere auszubilden
(5) Partizipation, Teilnahme (Participation)
Bedürfnis nach: sich anpassen; Solidarität zu erleben und zu leben; sich engagieren; Leidenschaft haben; Verantwortung und Pflichten übernehmen; etwas leisten; mit anderen kooperieren; etwas zustimmen; Meinungen austauschen, sich mitteilen; mitbestimmen; einer Gemeinschaft angehören (Partei, Kirche, Gemeinde, Nachbarschaft, Familie)
(6) Muße, Müßiggang (Idleness)
Bedürfnis nach: Ruhe und Beschaulichkeit, Sorglosigkeit; sich Phantasien hingeben; Spielen, Spaß haben und Feiern; in den Tag hineinträumen; sich an Vergangenes erinnern; die Freizeit genießen
(7) Kreativität (Creation)
Bedürfnis nach: etwas schaffen oder erfinden; sich beschäftigen; Fähigkeiten und Fertigkeiten einsetzen; produktiv sein; Rückmeldungen erfahren; frei über die eigene Zeit verfügen
(8) Identität (Identity)
Bedürfnis nach: sich abgrenzen, sich selbst achten und behaupten; in Bezugsgruppen den eigenen Platz definieren; sich selbst kennen bzw. kennenlernen; sich selbst verwirklichen; sich weiterentwickeln
(9) Freiheit (Freedom)
Bedürfnis nach: Freiraum, Autonomie und Mut; Gleichberechtigung; Risiko; Unterschieden
Alle Bedürfnisse bestehen nebeneinander, wobei man das Bedürfnis, zu überleben und eine materielle Lebensgrundlage zu haben, auch als Grundlage für die anderen Bedürfnisse sehen kann (so genanntes Grundbedürfnis).
MENSCHLICHE WÜRDE
In dem Grundbedürfnis nach Überleben und Sicherheit sind alle Menschen gleich. Ob die Menschen spirituell sind oder nicht, - ob sie „nackt“ durch die Welt laufen oder mit einem spirituellen Gewand „bekleidet“ -, spielt insoweit keine Rolle. Denn der Unterschied, der den Unterschied macht, liegt lediglich in der unterschiedlichen Strategiewahl in Bezug auf die Bedürfnisbefriedigung.
Wenn es einen zwischenmenschlichen Nenner geben soll, dann muss dieser gemeinsame Nenner seinen Grund und Boden in der menschlichen Natur haben, und zwar in einem Basis-Konzept, das der menschlichen Vernunft aller Menschen einsichtig ist und das der menschlichen Existenz aller Menschen, - ihrem Überleben und ihrer Sicherheit -, dient. Dieses Basis-Konzept ist in der menschlichen Würde zu finden.
Menschliche Würde bedeutet, dass der Mensch einen Wert / eine Wertigkeit hat, und zwar allein aufgrund der Tatsache, dass er als Mensch geboren ist.
• Die menschliche Würde in sich selbst zu würdigen bedeutet dann, sich selbst als Mensch einen Wert zu geben, sich selbst als Mensch anzuerkennen, sich selbst als Mensch zu achten, sich selbst als Mensch zu respektieren.
• Die menschliche Würde in einem anderen Menschen zu würdigen bedeutet dann, dem anderen Mensch einen Wert zu geben, den anderen Menschen als Mensch anzuerkennen, den anderen Menschen als Mensch zu achten, den anderen Menschen als Mensch zu respektieren.
EIGENSINN
Die menschliche Würde kann nicht auf Gleichheit blühen, sondern sie entfaltet sich in der Würdigung der Ungleichheit, in der Respektierung der persönlichen Eigenheiten. Nur wenn das individuelle Eigene gewürdigt wird, kann Unterschiedliches respektiert werden und nebeneinander leben. Der Sinn für das Eigene betont die Unterschiede, hebt das hervor, was individuell, was das Besondere ist, ohne es über das der anderen Menschen zu erheben (Udo Baer u. Gabriele Frick-Baer, Würde und Eigensinn, Beltz Verlag).
Ob die menschliche Würde gelebt ist oder nicht, kann am ehesten darüber beantwortet werden, ob die gleiche Augenhöhe gewahrt ist, dann nämlich, wenn es „ungeschrieben“ zwischen den Köpfen steht: Ich bin ok und du bist ok; ich bin wichtig und du bist wichtig.
Verschiebt sich die Augenhöhe in die Schräglage, heißt es also: Ich bin ok und du bist nicht ok oder es heißt: Ich bin nicht ok und du bist ok, dann endet die Begegnung in einer so genannten Täter-Opfer-Dynamik, sprich im T-O-D.
Nach Pat Patfoort (Christoph Bessemer, Konflikte verstehen und lösen lernen) besteht das Grundelement destruktiver Konfliktaustragung darin, dass eine oder beide Parteien mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln eine Überlegenheitsposition anstrebt. Pat Patfoort nennt es die Mehr-Position. Die Mehr-Position auf der einen Seite erzeugt eine Minder-Position auf der anderen Seite. Dieses Ungleichgewicht ist für Pat Patfoort die Wurzel jeglicher Gewalt, denn Unterlegenheit erzeugt Aggression, die sich entweder
a) über eine Eskalation („gegenseitiges Übertrumpfen“) oder
b) über eine Aggressionsableitung auf Dritte („Sündenbock“) oder
c) über eine Selbst-Aggression („Herunterschlucken“) entladen muss.
Wie bei einem Ball, der unter die Wasseroberfläche gedrückt wird, entsteht ein Gegendruck, eine entgegengesetzte Energie, die auf eine Änderung dieses Zustandes ausgerichtet ist.
FAZIT
(1) Auf der menschlichen Beziehungsebene finden wir im Basis-Konzept der menschlichen Würde ein gewaltiges Regulativ, über das die Begegnungs-Brücke im zwischenmenschlichen Dialog gebildet werden kann.
(2) Zur Wahrung der menschlichen Würde ist jeder Einzelne berechtigt wie auch verpflichtet, und zwar in Bezug auf sich selbst, wie auch in Bezug auf sein Gegenüber.













