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Überzogene Wiederentdeckung

08.09.201708:00 UhrKunst & Kultur
Bild: Überzogene Wiederentdeckung
J.H.Pelz, Am Ufer, Öl auf Leinwand, 1954
J.H.Pelz, Am Ufer, Öl auf Leinwand, 1954

(openPR) „Die Wiederentdeckung eines Künstlers, der nicht noch einmal vergessen werden wird“, „Großartige Malerei ersten Ranges“ die „Kunstgeschichte hautnah erlebbar macht“. Dies sind nur wenige Beispiele aus den Schlagzeilen über die Wiederentdeckung des vergessenen Malers Jan-Hendrik Pelz, dessen Werk derzeit in den Medien Furore macht und besonders von den Nachfahren und Sammlern des Künstlers gefeiert wird. In einer großen Retrospektiv-Schau werden die mittlemässigen Werke nun im Kunstverein Friedrichshafen präsentiert, natürlich nicht ohne den Hinweis auf ihre „kunstgeschichtliche Wichtigkeit“.



Man sieht Soldaten und Kriegsgerät auf den Ölbildern, die die Zeit des Ersten Weltkriegs dokumentieren und deren Pinselduktus etwas von der Verzweiflung des Künstlers ahnen lässt, der sie gemalt hat. Ein sterbender Krieger, ein tristes Bombenkrater-Feld. Braun- und Grautöne, hier und da ein roter Fleck. Soweit, so gut: Dass es sich hier um Zeitzeugnisse handelt, die der Welt erhalten bleiben sollten, ist nicht anzuzweifeln. Auch die Werke aus den Zwanziger Jahren, der Periode der „Neuen Sachlichkeit“, zeugen von der Fähigkeit des Malers, die Themen seiner Zeit in Form und Farbe zu bringen und von einem handwerklichen Können, das überzeugend wirkt. Auch hier spiegeln die Malereien Geschichte, gewähren einen Blick in eine vergangene Welt. Doch muss man fragen: Welches Kunstwerk tut dies nicht?
Pelz´s Werken kann man ihre Qualität nicht absprechen. Und doch wäre es unangemessen, von „Meisterwerken“ zu sprechen. Denn schon bei den Alleinstellungsmerkmalen, die kunstgeschichtlich relevante Werke aufweisen, bleibt Pelz´s Œuvre auf der Strecke. Die Bilder, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, sind zwar originell – mehr jedoch auch nicht. Vielmehr entdeckt der geschulte Blick in ihnen eine Verzweiflung, den rasenden Entwicklungen der Moderne standzuhalten; Ein Dilemma, das letztlich dazu führte, das Pelz sich in den Sechziger Jahren entgültig von der Kunst abwendete. 1944 verbrannte ein großer Teil der Arbeiten bei einem Wohnungsbrand, der durch eine Blendgranate verursacht wurde und den Künstler zu einem Neuanfang zwang. Während sich die Welt nach dem Krieg rasend schnell neu strukturierte und entwickelte, mit immer neuen Sensationen und Rekorden den Neubeginn der Kultur feierte, versuchte der noch immer traumatisierte Maler an die von Amerika herüberschwappende Abstraktion anzuknüpfen. Doch Pelz konnte die verinnerlichte Vorstellung und den damit verbundenen Zwang zur Figur nie ganz aufgeben und produzierte bei der Suche nach einem eigenen Stil ein Sammelsurium aus Zitaten der Kunstgeschichte, die auf den Betrachter verklemmend und verzweifelt wirkt. So mutet manche Figur in ihrem Duktus beinahe impressionistisch an, während knapp daneben abstrakt-expressionistische Farbspuren auf Wirkung abzielen und wiederum auf der selben Leinwand zweifelhafte Unschärfe-Effekte sich zum Spiel mit der Wahrnehmung des Betrachters anbieten. Die Moderne, die in ihrem Verlauf immer mehr an Geschwindigkeit zulegte und beinahe zwanghaft das Neue, das Einmalige zelebrierte, forderte ihren Tribut: Viele Künstler vergasen in ihrer Neudefinition als Pioniere auf ihrer Suche nach dem Noch-nicht-Dagewesenen ihre Eigenheiten und gaben sich unter Druck einem hemmungslos verkrampften Ausprobieren hin, das meist in endlosen Variationen und Zitaten des schon Bestehenden endete. Pelz´s Werke entstrahlen die hieraus resultierende Verunsicherung aus jeder Leinwand-Pore. Das dies durchaus spannend und aufschlußreich ist, liegt auf der Hand; Jedoch ist die Auseinandersetzung hiermit eher Kunsttheoretiker oder Philosopen vorbehalten. Dem Museumsbesucher jedoch wird mittelmässige Kunst eines verstörten Malers vorgesetzt, der als Opfer seiner Zeit durch seine Bilder das Scheitern der ganzen Generation vorführt. Das haben andere besser hinbekommen. Neben einem Kirchner oder Bildern von Otto Dix, den der Künstler persönliche kannte, sieht der Pelz´sche Pinselduktus alt aus – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Doch die Vermarktungsmaschine läuft bereits auf Hochtouren: Pelz soll der neue Star der klassischen Moderne und natürlich auch des Kunstmarkts werden. Die Entdeckung der Bilder auf einem Dachboden durch einen Nachfahren ist genau die Sensationsgeschichte, nach der eine kommende Vermarktung giert. Und dass der Entdecker der Werke von seiner Mutter in Gedenken an den malenden Großvater auf dessen Namen getauft wurde, ist eine Tatsache, die sich beim Verkauf der Bilder als kleine Anekdote erzählerisch gut einstreuen lässt. Die Nachfahren des Künstlers sowie einige Kuratoren und Sammler weisen nun in Akkordarbeit daraufhin, dass der vergessene Maler dringend wiederentdeckt werden muss, dass die Moderne umgeschrieben werden sollte... Und wie reagiert der hiesige Kunstmarkt? Nicht etwas, dass das Spiel durchschaut und angeprangert werden würde, im Gegenteil: Einjeder findet Gefallen an der Vorstellung des gefundenen Kunstschatzes und der sich auszahlenden Anteilnahme daran. Museumsdirektoren stehen inzwischen Schlange, um Werke von Pelz in ihren Häusern zu zeigen, bei Auktionen überschlagen sich die erzielten Gewinne und verunsicherte Kunstliebhaber lassen sich von dem Hype anstecken, um vor den Toren der Ausstellungen Schlange zu stehen. Solange es profitable ist, wird man mit Sicherheit nur Gutes über den vergessenen Star der Moderne wissen – doch wehe, wenn der von Warhol prophezeite, sinnbildliche „15 Minuten-Ruhm“ vorüber ist, was bleibt dann vom Mythos der personifizierten Wiederentdeckung?
Pelz selbst, der in Rudersberg-Zumhof in einem gepflegten Grab im Garten seines ehemaligen Anwesens ruht, wäre der Trubel um seine Person wahrscheinlich zuwider. In den Sechziger Jahren wendete er sich angeekelt von Kunst und Kunstmarkt ab und pflegte die letzten fünfundzwanzig Jahre eine Passion, die ihn ganz und gar erfüllte: Die Zucht von Schweinen.

„Pelz. Eine Retrospektive.“
Die Ausstellung kann vom 16.9.-10.11.2017 im Kunstverein Friedrichshafen e.V. Besichtigt werden.

Kunstverein Friedrichshafen e.V.
Buchhornplatz 6, 88045 Friedrichshafen

Öffnungszeiten:
Mi, Do, Fr 15 bis 19 h
Sa, So, Feiertage 11 bis 17 h
Für Schulklassen und Gruppen auch nach Vereinbarung

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