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Impulse außer Kontrolle: Autismus-Fachtag im Berufsbildungswerk

Der Fachtag des Kompetenznetzwerks Autismus Bodensee-Oberschwaben stieß auf großes Interesse.
Der Fachtag des Kompetenznetzwerks Autismus Bodensee-Oberschwaben stieß auf großes Interesse.

(openPR) AVENSBURG – Autismus und herausforderndes Verhalten: Wie hängt das zusammen, und was kann man tun, um Konflikte zu vermeiden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des 11. Fachtages des Kompetenznetzwerks Autismus Bodensee-Oberschwaben. Mehr als 300 Teilnehmer waren nach Ravensburg in das Berufsbildungswerk Adolf Aich gekommen, um sich über das Thema auszutauschen und den Vorträgen namhafter Experten zu folgen.



Verständnisprobleme, Kommunikationspannen, „unnormales“ Verhalten: Autisten tun sich im Alltag oft schwer, in ihrem Anderssein den gängigen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Irritationen und gegenseitige Missverständnisse prägen den sozialen Umgang mit Nicht-Autisten. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn sich innere Konflikte und Überreizungen in Aggressionen, Wutausbrüchen oder gar Gewalt gegen sich und andere entladen.


Wenn die Lösungsstrategien fehlen

In einem einführenden Vortrag erklärte Stefan Meir, Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut der St. Lukas-Klinik, wie solche Impulskontrollstörungen entstehen. So fehlen den Betroffenen in manchen Drucksituationen einfach adäquate Lösungsstrategien. „Empathie und Intuition stehen Menschen mit Autismus hier als Helfer meist nicht zur Verfügung.“ Stattdessen steige die Anspannung, und schließlich breche womöglich ein aggressiver Impuls durch. Dann ist es für alle Beteiligten schwer, die Situation wieder zu beruhigen.


Wege aus der Krise

Beispiele für solche Krisen schilderte Dr. Isabel Böge, Chefärztin der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters im ZfP Südwürttemberg. Dabei seien die Ursachen oft banal: „Meist sind es Konflikte um Kleinigkeiten.“ Helfen könnten eingeübte Handlungsmuster, denn „Autisten leben von Wiederholungen und Berechenbarkeit.“ Deshalb gelte es, einen Unterstützungsplan für Betroffene und ihr Umfeld zu erstellen, um im Ernstfall sinnvoll und zeitnah reagieren zu können. Dazu müsse herausgefunden werden: Was sind die typischen Auslöser einer Krise? Welche Strategie habe ich parat? Wie sorge ich rechtzeitig für Entlastung? Ein „Fünf-Phasen-Modell“ zum Umgang mit herausforderndem Verhalten stellte Mario Krechel vom Mainzer „Team Autismus“ vor. Auch hierbei ist das Ziel, versteckte Gründe des Verhaltens zu finden, unsichtbare Zusammenhänge zu erkennen und präventiv zu handeln.


„Gegen Autismus gibt es keine Medikamente“

Und wenn alle Deeskalationsmaßnahmen scheitern, kann eine stationäre Krisenintervention helfen. Dort, so Dr. Böge, gehe es darum, Strukturen und Routinen aufzubauen und wieder in den Alltag hineinzufinden. Und Medikamente? „Das ist die letzte Möglichkeit.“ Grundsätzlich gelte: „Gegen die Kernsymptomatik bei Autismus gibt es keine Medikamente.“ Gegen assoziierte Symptome wie Hyperaktivität, Impulskontrollstörungen oder Depressionen dagegen schon. Inwieweit was konkret helfen kann, ist vom Einzelfall abhängig.


Recht auf herausforderndes Verhalten

Aus rechtlicher Sicht beleuchtete Christian Frese, Geschäftsführer von Autismus Deutschland e. V., das Thema. Solange bestimmte Grenzen nicht verletzt werden, zum Beispiel die körperliche Unversehrtheit des Gegenübers, müsse man herausforderndes Verhalten als „Lebensäußerung eines Menschen mit Behinderung“ akzeptieren. Aber wenn jemand tatsächlich handgreiflich werden sollte? Notwehr sei natürlich erlaubt, müsse aber verhältnismäßig sein. Frese: „Man darf nur das machen, was unbedingt nötig ist.“ Abgerundet wurde die Vortragsreihe von dem selbst vom Asperger-Syndrom betroffenen Psychologen Matthias Huber von der Uniklinik Bern. Dieser berichtete vom Umgang mit aggressiv anmutenden Verhaltensweisen in der therapeutischen Begleitung und stellte insbesondere die Sichtweisen autistischer Menschen im Vergleich zu denen von neurotypischen Menschen in den Fokus seines Vortrages.


Über 300 Teilnehmer aus nah und fern

Zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum und viele Diskussionen in den Pausen zeichneten auch diese 11. Auflage des Autismus-Fachtages aus, zu der über 300 Teilnehmer aus Nah und Fern angereist waren. Die große Resonanz zeige, „dass es einen Bedarf gibt, sich über dieses Thema auszutauschen“, meinte Christian Braun, Geschäftsführer der gastgebenden Liebenau Berufsbildungswerk gemeinnützigen GmbH, die selbst derzeit über 120 junge Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt begleitet.
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