openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Impfpolitik: Politische Prozesse verstehen

22.03.201612:26 UhrGesundheit & Medizin

(openPR) Gesundheitsrelevante Themen polarisieren. Wie wichtige Entscheidungen politisch gefällt werden, zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt des Wissenschaftsfonds FWF am Beispiel der HPV-Impfung auf.

Wie reifen politische Maßnahmen? Wer sind ihre Akteurinnen und Akteure? Wann kommt es zur Einführung von Strategien, wann nicht, und wie werden politische Entscheidungen in die Praxis umgesetzt? Am Beispiel gesundheitspolitischer Maßnahmen liefert die Politikwissenschafterin Katharina T. Paul Aufschluss über gesellschaftspolitische Prozesse, indem sie ihren Fokus auf diese und ähnliche Fragestellungen richtet. Durch ein Lise-Meitner-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF von Rotterdam nach Wien zurückgekehrt, hat Paul die Einführung der HPV-Impfung zur Krebsvorsorge untersucht. Die Ergebnisse werden im Fachjournal "Social Science & Medicine" veröffentlicht.

Umstrittenes Thema
In den Jahren 2006 und 2007 wurden erstmals weltweit Impfstoffe zugelassen, die vor allem Mädchen und Frauen gegen mehrere Stämme des sexuell übertragenen humanen Papilloma-Virus (HPV) immunisieren sollten, auch solche, die Gebärmutterhalskrebs verursachen. "Diese medizinische Innovation wurde nicht überall mit Begeisterung aufgenommen", erklärt Projektleiterin Paul von der Universität Wien. Im Gegenteil, das von Expertinnen und Experten vorgeschlagene Impfkonzept, Kinder gegen sexuell übertragene und krebserregende Viren zu schützen, wurde zu einem höchst umstrittenen politischen Thema mit Auswirkungen auf die Impfpolitik und auf bestehende Präventionsprogramme gegen Gebärmutterhalskrebs.

Von der Gefahr zur Innovation
Wie die kontrovers geführten Diskussionen in Österreich verliefen, und wer ihre Akteurinnen und Akteure waren, hat Paul in Gesprächen mit Verantwortlichen aus Medizin, Politik, Industrie, der Zivilgesellschaft und Behörden rekonstruiert und der Einführung der HPV-Impfung in den Niederlanden gegenübergestellt. Dort wurde nach anfänglichen Bedenken die Impfung bereits 2008 national implementiert. Auch in anderen europäischen Ländern erfolgte die Umsetzung zügig. In Österreich dauerte der Prozess mehrere Jahre. Mit dem Ergebnis, dass die HPV-Impfung 2013 als "europäischer Vorreiter" in das Kinderimpfkonzept aufgenommen wurde. Im Vergleich zu den Niederlanden, wo nur Mädchen (ab 13 Jahren) eine kostenfreie Impfung erhalten, werden in Österreich aktuell sowohl Mädchen als auch Buben ab 9 Jahren immunisiert.

Erfolgsentscheidend
Die Einführung einer medizinischen Technologie sei nie einfach, konstatiert Katharina Paul, die sich vor allem für präventive Praktiken interessiert, und für die Tatsache, dass diese länderübergreifend sehr verschieden sind. Im konkreten Fall hat die Wissenschafterin aufgezeigt, wie die österreichischen Entscheidungsträger des föderalistisch organisierten Gesundheitssystems an Konzepten, ökonomischen Argumenten und der Impf-Infrastruktur selber feilten, so dass schließlich eine Akzeptanz seitens der Öffentlichkeit erwartet werden konnte. "Dazu waren drei Punkte wichtig", erklärt Paul: Erstens sei es gelungen, das Thema zu de-sexualisieren, indem sowohl Mädchen als auch Buben bereits vor der Adoleszenz geimpft werden sollten und die Impfung damit vom gynäkologischen Produkt zur Kinderimpfung wurde. Zweitens konnte man durch die Aufnahme in das Kinderimpfprogramm Diskussionen mit den Eltern leichter umgehen. Und drittens wurde die Impfung von drei auf zwei Dosen reduziert, so dass die Umsetzung innerhalb eines Schuljahres möglich war.

Kultur und Evidenz
Die Entscheidung, ob etwa ein nationales Impfprogramm umgesetzt wird oder nicht, ist das Ergebnis von vielen, auch informellen und zum Teil intransparenten Diskussionen, wie die Untersuchungen Pauls zeigen. Dabei kommen viele Faktoren zum Tragen, ob ein medizinischer Fortschritt wie die HPV-Impfung zur vielversprechenden Innovation oder zur sozial unerwünschten Technologie wird. "Medizinische Versorgungspraktiken und Selbstverständlichkeiten sind stark von gesellschaftlichen Diskursen geprägt, nicht nur von Evidenz", sagt Paul und nennt das Beispiel Niederlande: Dort werden PAP-Tests ab 30 Jahren im Abstand von fünf Jahren empfohlen.

Mehr Forschung
Dass die Papilloma-Viren auch andere Krebsarten, wie den Analkrebs auslösen können, das sei in Österreich allerdings gar kein Thema gewesen, so Paul. Auch die bis heute standardmäßigen, aber teils kritisch beurteilten Gebärmutterhalskrebs-Screenings durch den PAP-Test, wurden zwar anlässlich der neuen Präventionsmaßnahme neu diskutiert, allerdings ohne Ergebnis. "Ursprünglich sollte es Verbesserungen geben, aber es ist nicht viel passiert." Insgesamt würde sich Paul mehr Datenerhebung zum Impfverhalten allgemein wünschen, ebenso wie Überlegungen zu einem zentralen Impfregister. "Es gibt rund um das Thema Impfen nicht nur Für und Wider, sondern viele Unsicherheiten", so die Forscherin. Die Sozialwissenschaften könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten, ist Katharina Paul überzeugt.

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 896321
 194

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Impfpolitik: Politische Prozesse verstehen“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von FWF - Der Wissenschaftsfonds

Von der Angst zur Annäherung
Von der Angst zur Annäherung
Eine Salzburger Forschergruppe um die Psychologin Eva Jonas untersucht die neuropsychologischen Mechanismen, die hinter existenziellen Ängsten stecken. Was genau in dem Prozess zwischen Bedrohung und Verteidigung passiert, steht im Fokus einer aktuellen Studie, die vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird. Es ist ein interessantes Phänomen: Der Klimawandel wird immer deutlicher, die Bedrohung wächst und eigentlich wäre aktives Handeln gefragt. Tatsächlich legen aber die meisten Menschen Vermeidungsverhalten an den Tag, wenn es um große und…
Solidarität in Zeiten der Krise
Solidarität in Zeiten der Krise
Ein Team von Soziologinnen und Soziologen in Österreich und Ungarn untersucht mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF, wie die fortgeschrittene Wirtschaftskrise die Motive hinter Solidarität beeinflusst. Denn diese kann inklusiv im Sinne sozialer Gerechtigkeit und exklusiv für die eigene nationalistisch-ethnische Gruppenzugehörigkeit gewährt werden. Solidarität ist ein Wert, den sich viele auf die Fahnen heften. Stets geht es um Zusammenhalt, Gerechtigkeit und Gegenseitigkeit in einer Gruppe. Aber wer zu der Gruppe gehört und wer außen …

Das könnte Sie auch interessieren:

Macht uns die Gesundheitsreform gesünder?
Macht uns die Gesundheitsreform gesünder?
… Impfstoffen liegen gar keine gesicherten Daten vor! Eine Arbeitsgemeinschaft aus Ärzten, Journalisten und Elternverbänden informiert über unbeantwortete Fragen im Zusammenhang mit der Impfpolitik in der Bundesrepublik. Einladung zur Pressekonferenz - um Anmeldung wird gebeten - Donnerstag, 12. Okt. 2006, 10:30 bis 12:00 Uhr, München, Ratskeller, Marienplatz Die …
Bild: WikiLeaks zum Kunstwerk erklärtBild: WikiLeaks zum Kunstwerk erklärt
WikiLeaks zum Kunstwerk erklärt
Die politische Kunstplattform RFBK hat jetzt WikiLeaks offiziell zum Kunstwerk erklärt. Auf der gleichnamigen Homepage heißt es, WikiLeaks sei eines der spektakulärsten neuen Kunstwerke politischer Prägung. Es sei dazu entwickelt worden veraltete Methoden der Macht-Politik zu dechiffrieren und offenbare die Entfernung politischer Systeme zum Prozess …
Bild: KOMPAKTMEDIEN holt langjährigen WAZ-Marketingchef in die GeschäftsleitungBild: KOMPAKTMEDIEN holt langjährigen WAZ-Marketingchef in die Geschäftsleitung
KOMPAKTMEDIEN holt langjährigen WAZ-Marketingchef in die Geschäftsleitung
… Juni die Leitungsebene von KOMPAKTMEDIEN. Zowislo leitet nun die strategische Beratung in der rund 30-köpfigen Berliner Kommunikationsagentur, die unter anderem auf politische Kommunikation und Kampagnenarbeit für Bundes- und Landesministerien spezialisiert ist. Der 52-jährige Marketing- und Medienprofi Zowislo war vor seinem Einstieg bei KOMPAKTMEDIEN …
Bundeszentrale für politische Bildung: "Wollen Sie mitreden?"
Bundeszentrale für politische Bildung: "Wollen Sie mitreden?"
Die Bundeszentrale für politische Bildung informiert mit einer Beilage über ihr Programm 2008 Veranstaltungen, Publikationen, Webangebote – mit einer achtseitigen Sonderveröffentlichung macht die Bundeszentrale für politische Bildung in dieser Woche auf ihr umfangreiches Angebot im Jahr 2008 aufmerksam. „Unsere bundesweiten Veranstaltungen und Aktionen …
Bild: Demokratieoffensive der Böhmer-Regierung sehr lobenswertBild: Demokratieoffensive der Böhmer-Regierung sehr lobenswert
Demokratieoffensive der Böhmer-Regierung sehr lobenswert
… Umfrage zum Demokratieverständnis der Sachsen-Anhalter scheint den einen oder anderen Landespolitiker aufgerüttelt zu haben. Beschönigung der SED-Diktatur, enorme Defizite im Wissen um politische Vorgänge und eine katastrophale Politikverdrossenheit sind laut Meinung der Schüler Union auf lange Sicht für eine Demokratie nicht tragbar. Die richtige politische …
Bild: Linksjugend ['solid] Baden-Württemberg - Gekommen um zu bleibenBild: Linksjugend ['solid] Baden-Württemberg - Gekommen um zu bleiben
Linksjugend ['solid] Baden-Württemberg - Gekommen um zu bleiben
Zum aktuellen Aufschwung der politischen Jugendorganisation Linksjugend ['solid] Baden-Württemberg erklären Ben Brusniak, Bundessprecher von Linksjugend ['solid] und Christoph Ozasek, Landessprecher von Linksjugend ['solid]: „Linksjugend ['solid] Baden-Württemberg ist ein sozialistischer Jugendverband. Er wirkt meinungsbildend im politischen Diskurs …
Bild: Afrikatag am 25. Mai: Eigenständige Entwicklung fördern, Stereotype bekämpfen, Rechte einfordernBild: Afrikatag am 25. Mai: Eigenständige Entwicklung fördern, Stereotype bekämpfen, Rechte einfordern
Afrikatag am 25. Mai: Eigenständige Entwicklung fördern, Stereotype bekämpfen, Rechte einfordern
… Nahrungsmittel- und Wirtschaftskrise oder Verbreitung von HIV/AIDS erschweren die Entwicklung. Seit seiner Gründung engagiert sich SODI daher für die soziale und politische Entwicklung im südlichen Afrika. Gemeinsam mit Partnern – lokalen Nichtregierungsorganisationen, religiösen Gruppen, Frauenverbänden – soll ein selbst bestimmtes Leben für benachteiligte …
Afrikatag am 25. Mai: Eigenständige Entwicklung fördern, Stereotype bekämpfen, Rechte einfordern
Afrikatag am 25. Mai: Eigenständige Entwicklung fördern, Stereotype bekämpfen, Rechte einfordern
… Nahrungsmittel- und Wirtschaftskrise oder Verbreitung von HIV/AIDS erschweren die Entwicklung. Seit seiner Gründung engagiert sich SODI daher für die soziale und politische Entwicklung im südlichen Afrika. Gemeinsam mit Partnern – lokalen Nichtregierungsorganisationen, religiösen Gruppen, Frauenverbänden – soll ein selbst bestimmtes Leben für benachteiligte …
Bild: Partizipation? … und alle so: Yeah! - Unkonventionelle Formen Politischer PartizipationBild: Partizipation? … und alle so: Yeah! - Unkonventionelle Formen Politischer Partizipation
Partizipation? … und alle so: Yeah! - Unkonventionelle Formen Politischer Partizipation
Graffiti, Flashmobs, LeserInnenbriefe, Losentscheide, Massenverfassungsbeschwerden, Occupy Wall Street, Predigten und strategische Prozessführung – die Ausdrucksformen politischer Partizipation sind vielfältig. Das in Kürze im Verlag Barbara Budrich erscheinende Buch „Politische Partizipation jenseits der Konventionen“ beschäftigt sich mit Partizipationsformen, …
Sie lesen gerade: Impfpolitik: Politische Prozesse verstehen