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Koloniale Wurzeln moderner Entwicklungspolitik

05.10.201513:05 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft

(openPR) Konzepte moderner Entwicklungshilfe sind ein Erbe des europäischen Kolonialismus und reichen damit viel weiter zurück als angenommen. Das ist das Ergebnis eines vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts, das vor Kurzem in dem Band "Developing Africa" veröffentlicht wurde.



Der Beginn der Entwicklungshilfe wird landläufig mit dem Anfang des Kalten Krieges und der Rede des US-amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman vor den Vereinten Nationen im Jahr 1946 angesetzt. Weniger bekannt ist, wie sehr bereits die koloniale Ordnung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Diskursen und Politiken rund um das Thema Entwicklung geprägt war. Dies hat nun ein Team um den Historiker Walter Schicho von der Universität Wien im Rahmen eines FWF-Projektes aufgezeigt. In einer umfassenden historischen Analyse haben die Forscherinnen und Forscher das Thema "Entwicklung" bis zum Ersten Weltkrieg zurückverfolgt und dabei mehr Kontinuität als Brüche zutage gefördert.

Koloniale Denk- und Erfahrungswelten
Ihren Forschungsfokus legten die Wissenschafterinnen und Wissenschafter auf französische und britische Kolonien in Afrika. Bereits in den 1920er und 30er Jahren begannen die beiden größten Kolonialmächte in Afrika, Frankreich und Großbritannien, Kolonialismus über Entwicklung zu legitimieren. Es wurde verstärkt in die Wirtschaft und Infrastruktur der Kolonien investiert. "Schon damals setzte sich der Entwicklungsbegriff sowohl in der kolonialen Bürokratie wie auch in einer breiteren Öffentlichkeit durch", erklärt Martina Kopf vom Projektteam. Die Afrikawissenschafterin hat gemeinsam mit Walter Schicho, dem Historiker und Entwicklungsforscher Gerald Hödl und zwei Diplomstudierenden insgesamt rund 40 Wochen in Archiven und Bibliotheken sowohl in England und Frankreich als auch in Tansania und Senegal verbracht. Dabei haben sie eine Fülle an Daten aus offiziellen Dokumenten, aus Berichten, aber auch aus Erzählungen von Beamten, Lehrern und Missionaren – Frauen wie Männern – erhoben. Anhand der historischen, sozial- und kulturwissenschaftlichen Analysen dieser Daten liefern die Wiener Forscherinnen und Forscher ein differenziertes Bild des Kolonialismus aus einer bisher wenig beachteten Perspektive. Die Ergebnisse tragen dazu bei, die Wurzeln moderner Entwicklungspolitik in Afrika besser zu verstehen. "Wir fanden in Berichten von Kolonialbeamten der Zwischenkriegszeit Zeugnisse eines Engagements, das auf ähnliche Weise die heutige Entwicklungszusammenarbeit prägt. Da ging es, mit heutigen Begriffen gesprochen, um fairen Handel, nachhaltige Entwicklung oder Hilfe zur Selbsthilfe", so Kopf.

Interaktion zwischen Europa und Afrika
Entwicklung wurde, ähnlich wie heute, mit wirtschaftlichem Nutzen der Metropolen London und Paris mit einem von Europa aus geplanten und gesteuerten Fortschritt der Kolonisierten verbunden. Beide kolonialen Mächte, Frankreich und Großbritannien, verfolgten sehr ähnliche Strategien. Im Vordergrund standen für sie die Nutzung der Ressourcen, die Disziplinierung der Bevölkerung, ihre teilweise Modernisierung beziehungsweise Europäisierung und die Bildung einer lokalen Elite. – Wobei Frankreich immer wieder britische Strategien kopierte und zum Beispiel im Bildungswesen anglo-amerikanische Modelle übernahm. Diese frühen Formen der "Entwicklungshilfe" waren prägend für die Interaktionen zwischen Europäern und Afrikanern.

Rückschlüsse auf heute
Charakteristisch für die Geschichte kolonialer Entwicklung sei der krasse Unterschied zwischen Diskurs und Handeln, eine Eigenschaft, die auch postkoloniale Entwicklungsregime kennzeichne, stellen die Wiener Forscherinnen und Forscher fest. "Uns erstaunt immer wieder, wie kurz das historische Gedächtnis ist, sowohl in der Entwicklungsforschung als auch in der Entwicklungszusammenarbeit", sagt Martina Kopf zu den Rückschlüssen, die sich aus den historischen Erkenntnissen auf die heutige Entwicklungszusammenarbeit ziehen lassen. "Hundert Jahre an Ideen, Maßnahmen und Interventionen im Namen von Entwicklung haben kein Gewicht in der Konzeption und Evaluierung gegenwärtiger Entwicklungsbeziehungen", so Kopf weiter.

Internationale Kooperationen
Zu einem Höhepunkt des FWF-Forschungsprojekts zählte eine internationale Tagung in Wien mit Wissenschafterinnen und Wissenschaftern zahlreicher Fachdisziplinen aus Europa, Afrika und Nordamerika. Ergebnis der daraus entstanden Netzwerke und Kooperationen ist der von Gerald Hödl, Martina Kopf und dem US-amerikanischen Historiker Joseph M. Hodge herausgegebene Band "Developing Africa". Es ist die erste internationale Buchpublikation, die Entwicklungsdiskurse und -praktiken der Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich und auch Portugal gegenüberstellt und vergleicht, und stellt damit ein Grundlagenwerk für das noch relativ junge Forschungsfeld der Kolonialgeschichte von Entwicklung dar. Dabei ist die Auswertung der gesammelten Dokumente längst nicht abgeschlossen und wird im Rahmen weiterer Arbeiten fortgesetzt. Unter anderem ist ein digitales Archiv zur Geschichte der österreichischen Entwicklungshilfe geplant.

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