(openPR) Lange Zeit galt Brasilien neben China als die Wachstumslokomotive unter den Emerging Markets. Doch seit 2010, als das Wirtschaftswachstum noch bei über plus 7,5 Prozent lag, sind die Wachstumsraten rückläufig. Für 2015 wird nun sogar mit einer Rezession gerechnet. Was ist los, in dem Land das wir von der Fußball-Weltmeisterschaft noch in bester Erinnerung haben und in dem im nächsten Jahr die Olympischen Sommerspiele stattfinden werden. Was sind die Gründe für den Niedergang der brasilianischen Wirtschaft?
Seit vergangener Woche ist klar: Brasiliens Wirtschaft befindet sich in einer Rezession. So war das BIP im II. Quartal 2015 mit einem Rückgang um -1,9 Prozent das zweite Quartal infolge rückläufig, wofür es hauptsächlich zwei wirtschaftliche Gründe gibt. Einerseits gibt es eine Abhängigkeit von China, da das Handelsvolumen mit China in den letzten Jahren auf ein Niveau von über 80 Mrd. USD gestiegen ist und China seit 2013 die USA als wichtigsten Handelspartner Brasiliens verdrängt hat. Andererseits gibt es in Brasilien, das auch als Kornkammer der Welt bezeichnet wird, eine Abhängigkeit von den Rohstoffpreisentwicklungen. So entfallen etwa 40 Prozent der Exporte auf landwirtschaftliche Güter. Aber auch Eisenerz, Kupfer und Rohöl sind wichtige Exportgüter Brasiliens. Wenn durch eine rückläufige globale Nachfrage die Rohstoffpreise unter Druck geraten, schwächelt auch Brasiliens Wirtschaft. So hat Brasiliens Wirtschaft trotz der Exportorientierung im vergangenen Jahr ein Leistungsbilanzdefizit von -6,75 Prozent des BIPs ausgewiesen. Im Zusammenhang mit der Rohstoffpreisentwicklung muss man jedoch einen wichtigen Zusammenhang beachten: So hat die massive Abwertung des Brasilianischen Reals dazu geführt, dass die Preisrückgänge an den Rohstoffmärkten im Inland gedämpft wurden. Zudem generiert Brasilien über den Export entsprechende Deviseneinnahmen in Hartwährung. So sind die Währungsreserven Brasiliens zuletzt auf über 370 Mrd. USD gestiegen, wodurch Brasilien mit seinen Währungsreserven mittlerweile sogar Russland überholen konnte. Neben diesen wirtschaftlichen Zusammenhängen, hat Brasilien derzeit jedoch auch mit hausgemachten Problemen zu kämpfen.
Das weitaus größere Problem für die Wirtschaft Brasiliens ist daher auch die politische Krise, die aus dem Korruptionsskandal rund um die halbstaatliche Petrobras resultiert. Dieser Korruptionsskandal hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik aber auch in die Unternehmer-Eliten des Landes stark erschüttert. Wie jüngste Umfragen zeigen, verfügt die Präsidentin Dilma Roussef nur noch über Zustimmungswerte von etwa 8 Prozent in der Bevölkerung. Man muss sich das einmal vorstellen: Im Rahmen des Korruptionsskandals sind mittlerweile über 100 Verhaftungen vorgenommen worden und über 45 Politiker aus der amtierenden Regierungskoalition werden von der Staatsanwaltschaft verdächtigt. Durch diese Regierungskrise werden wichtige politische Reformen aktuell nicht umgesetzt.
Zu dieser Gemengelage kommt dann noch eine Inflationsrate von über 9,5 Prozent und ein Leitzinsniveau von 14,25 Prozent, was die wirtschaftliche Aktivität in Brasilien zusätzlich dämpft. Gepaart mit dem für 2015 rückläufigen Wirtschaftswachstum um ca. 2 Prozent, befindet sich Brasilien derzeit in einer gefährlichen, stagflationären Entwicklung, weshalb auch die Ratingagenturen die Bonitätsnoten für Brasilien zuletzt auf die letzte Stufe des Investment Grade-Ratings gesenkt haben. Um es bildhaft darzustellen: In Brasilien donnern derzeit nicht nur die Kanonen, sondern es gibt bereits auch echte Wirkungstreffer, was man z.B. auch an der gestiegenen Arbeitslosenquote auf 7,5 Prozent erkennt.
Ein Leitzinsniveau von 14,25 Prozent hört sich für Anleger in der Eurozone nun sehr verlockend an. Zumal Brasilien als fünfgrößtes Land der Erde und siebtgrößte Volkswirtschaft mit seinen 200 Millionen Einwohnern auch sehr viel zu bieten hat, was auch die etwa 1.400 Unternehmen aus Deutschland erkannt haben, die dort operativ tätig sind. So hat das Land im Gegensatz zu Deutschland eine attraktivere Altersstruktur mit einem Durchschnittsalter von etwa 30 Jahren, das in Deutschland bei über 45 Jahren liegt. Das Zinsniveau im Brasilianischen Real ist sicherlich auch deswegen interessant, weil die Realverzinsung bei knapp 5 Prozent liegt. Dazu kommt ein relativ flacher Verlauf der Zinsstrukturkurve. Um das Bonitätsrisiko von Brasilien zu umgehen, können Anleger sicherlich auch Anleihen von deutschen oder europäischen Emittenten, die in Brasilianischen Real begeben wurden, kaufen. Allerdings haben die vergangenen Tage gezeigt, dass im Zusammenhang mit der Panik an den Märkten vor der US-Zinswende und den China-Ängsten insbesondere Währungen aus den Emerging Markets gelitten haben, was man an der starken Abwertung des Brasilianischen Reals gesehen hat. In solchen Phasen werden Zinsvorteile über die Währungsabwertung schnell aufgezehrt.
Sicherlich liegt in dieser Währungsabwertung auch eine Chance für Brasiliens Wirtschaft. Wie dargestellt dämpft der Währungsverfall die Folgen aus dem Rückgang der Rohstoffpreise, da Brasilien durch die Exporte Hartwährungseinnahmen in US-Dollar generiert. Zudem gehen viele Analysten aktuell davon aus, dass die Inflationsrate in Brasilien im kommenden Jahr wieder rückläufig sein wird, was der Notenbank wieder den Spielraum für Zinssenkungen eröffnen würde.
Wer nun die Chancen im Brasilianischen Real nutzen möchte, muss die Rohstoffpreise und die politische Entwicklung in Brasilien rund um den Korruptionsskandal weiterhin im Blick behalten. So kann der Reformstau dazu führen, dass Brasilien zum Jahresende hin sein Investment Grade-Rating verliert. Die Staatsverschuldung Brasiliens von über 66 Prozent ist nicht gerade gering, weshalb sich Engagements im Brasilianischen Real für langfristig orientierte Anleger nur zur Depotbeimischung eignen. Zudem muss eine Abhängigkeit beachtet werden: Nachdem Brasiliens Finanzmärkte deutlich liberaler sind als die chinesischen Finanzmärkte, haben viele Anleger, die von der Wachstumsstory Chinas profitieren wollten, auf Brasilien gesetzt. Sollte es bezüglich China weitere Enttäuschungen am Markt geben, dürften daher auch die Finanzmärkte Brasilien zumindest kurzfristig darunter leiden. Mittelfristig könnte Brasilien als exportorientierte Volkswirtschaft jedoch von der starken Währungsabwertung auch wieder profitieren – sofern eben die Politik mitspielt.
Thomas Wüst, Geschäftsführer valorvest Vermögensverwaltung














