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Hoffnungslos trotz Philosophie

10.08.201508:43 UhrKunst & Kultur
Bild: Hoffnungslos trotz Philosophie
Lichtwolf-Herausgeber Timotheus Schneidegger mit einigen seiner Autoren: Michael Helming, Stefan Rod
Lichtwolf-Herausgeber Timotheus Schneidegger mit einigen seiner Autoren: Michael Helming, Stefan Rod

(openPR) Der Lichtwolf, „Zeitschrift trotz Philosophie“ erscheint seit 13 Jahren wider alle ökonomische Vernunft. Besuch bei einem Kleinstverlag, der einfach nicht hoffen oder aufgeben will.

Die Branche spricht voller Wohlwollen über die Arbeit von kleinen, unabhängigen Verlagen. Die sogenannten „Independents“ seien literarische Trüffelschweine, die den Mut hätten, unter großem Aufwand und Risiko besondere Bücher zu machen.


„Ich kann das Gequatsche nicht mehr hören“, ächzt Timotheus Schneidegger. Der 35-jährige betreibt als Ein-Mann-Unternehmen in seiner kleinen Wohnung im hintersten Winkel Ostfrieslands den catware.net Verlag. „Als ‚Independents‘ gelten Verlage, die sich die Mitgliedschaft im Börsenverein, alljährliche Buchmessenfahrten nach Frankfurt und Leipzig, eine Verlagsauslieferung und bezahlte Mitarbeiter leisten können. Von alldem kann der catware.net Verlag nur träumen, selbst ein echter Praktikant ist ein Ding der Unmöglichkeit.“ Deshalb geht der ebenso rechtschreibschwache wie fiktive Dauerpraktikant „Arne Fiebig“ seit Jahren dem Verleger zur Hand.
Mehr als ein Buch pro Jahr ist auch nicht drin. In diesem Sommer erschien mit Georg Frosts „Hartes Land“ der erste Teil einer Thriller-Reihe zum Afghanistan-Einsatz. Der Autor ist seit Jahren zugleich Illustrator der Philosophie-Zeitschrift „Lichtwolf“. Das vierteljährlich erscheinende Magazin wurde im Juli 2002 in Freiburg gegründet und bestimmt das kleine Programm des catware.net Verlags.
Im Juni erschien ohne große Jubiläumsfeierlichkeiten die 50. Ausgabe des Lichtwolf zum Titelthema „Schotter“. Die Autoren haben sich dafür ausgiebig Gedanken gemacht über Schutt, Kies und Steine – wofür sie stehen, woher sie kommen und was man damit machen kann. Es geht um synthetische Drogen, Straßenbeläge, Geld, Kunstwerke und Salafismus sowie um die Sabotage von Castor-Transporten, den Stand der Diskussionskultur am Beispiel des umstrittenen Bioethikers Peter Singers und in der Rubrik „Viehlosovieh“ um Pferde.
Titelthemen wie „Schotter“, „Blumenkraft“ oder „Tittenhitler“ sind für eine Zeitschrift, die sich der Philosophie widmet, ebenso ungewöhnlich wie der Ton der Beiträge. „Das rührt noch aus der Gründungszeit her“, erklärt Schneidegger, der von Anfang an als Herausgeber fungierte. Bis heute wird auch in der Gestaltung der Hefte die Erinnerung an die frühen Jahrgänge wach gehalten, als der Lichtwolf mit Schreibmaschine getippt und handgezeichnet illustriert wurde. „Wir waren ein paar Philosophie-Studenten aus unstudiertem Elternhaus. Vom akademischen Betrieb wussten wir nichts, außer dass er eine riesige Enttäuschung der idealistischen Vorstellungen war, mit denen wir an die Uni gekommen waren.“ Zu Leitbildern wurden nicht die verbeamteten Professoren, sondern Charles Bukowski, die Monty Pythons und Karl Kraus.


Wozu soll das gut sein?

Irgendwann erhielt der Lichtwolf den Untertitel „Zeitschrift trotz Philosophie“. Die Wendung blieb lange auch intern ein Rätsel, zumal das Magazin sich in den 13 Jahren seines Bestehens nie ein Programm gegeben hat. Dennoch ist über die Zeit in den Ausgaben und ihren Beiträgen ein solches zu erahnen. Man könnte es „Trotzphilosophie“ nennen.
Der Herausgeber Timotheus Schneidegger verweist auf die Pointe von Albert Camus’ Essays „Der Mythos des Sisyphos“, die in Zeiten von Selbstoptimierungswahn und Erfolgsdruck kaum noch zu verstehen sei. Wie könnten wir uns den griechischen Antihelden als glücklichen Menschen vorstellen? „Der Sisyphos von Camus weigert sich, über seiner unmöglich zu lösenden Aufgabe zu verzweifeln“, erklärt Schneidegger. „Wenn er seinen Felsen den Berg hinaufrollt, gibt er sich nicht der Hoffnung hin, dieses Mal werde der Steinbrocken endlich auf dem Gipfel liegen bleiben. Sisyphos weiß um die Sinnlosigkeit seiner Anstrengung, die für alles steht, worauf die Sterblichen ihr einziges Leben lang Zeit und Kraft verwenden. Er macht es trotzdem, weil er nichts anderes hat und sich nichts vormacht. Das ist eine Erkenntnis, die sehr hart und sehr befreiend ist.“

Unversehens wurde der Lichtwolf über die Jahre zu einem solchen Felsen. Es gibt viele gute Gründe, sich die Arbeit zu ersparen, die eine solche Zeitschrift macht. Alle Versuche, die Auflage zu steigern, sind gescheitert. Keine der bisher 50 Ausgaben hat mehr als vielleicht 100 Leser gefunden.
Mit einem eigenen Blog könnten die Autoren mehr Aufmerksamkeit für ihre aufwändigen Essays erzielen. Dennoch zieht es der harte Kern vor, im sorgfältig kuratierten Umfeld des Lichtwolf zu publizieren. Der Ravensburger Schriftsteller Michael Helming etwa veröffentlicht nur hier seine denkerischen Essays auf Reisen um den Bodensee oder durch tschechische Antiquariate. In der aktuellen Ausgabe meditiert er am Grab Ciceros über Wandel und Zerfall. Ähnlich voraussetzungsreich sind Wolfgang Schröders Deutungen von Denkern und Dichtern der Endzeit wie Ulrich Horstmann und Samuel Beckett. Dazu kommt Ausgabe für Ausgabe die fundamentale Kritik an einer Moderne, die sich bei der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen bestens unterhalten zeigt, wie sie der Kölner Marc Hieronimus übt und dabei französische Décroissance mit rheinischem Frohsinn verbindet. Und nur im Lichtwolf finden sich Texte des Genres „Science Punk“, wie es Bdolf, das Mastermind der Band „FleischLEGO“, oder das Autorenkollektiv „Institut für Polytoxikomanologie und Perspektivismus“ begründet haben.


Radikal heißt nicht laut, sondern beharrlich sein

Es gibt mehr Menschen, die auf eine Zeitschrift wie den Lichtwolf warten, davon ist Schneidegger überzeugt. Er denkt an Leser, die Philosophie ernst nehmen und nicht als bildungsbürgerliches Accessoire in Hochglanz aufbereitet bekommen möchten. Allerdings seien diese Menschen schwer zu erreichen für eine Zeitschrift, die sich fast jede Art von Marketing, die sie sich leisten könnte, verbietet und aufgrund ihres Titels eher Skepsis und Irritation als Neugier und Begeisterung auslöst. Schuld sind der Zufall und der Philosoph Martin Heidegger, dessen uneingeschränkte Verehrung in Freiburg die Trotzreaktion der Lichtwolf-Gründung provozierte.
Der Name ist zusammengesetzt aus Heideggers Begriff für „das Ereignis der Wahrheit“ (Lichtung) und dem Leitwolf. Wie die ganze Zeitschrift ist er 2002 aus Langeweile und Übermut entstanden: ein Ausdruck von Kontingenz, der das Gegenteil von Marktförmigkeit ist, und an dem trotzdem (und deswegen) beharrlich festgehalten wird. Pro Monat macht die Zeitschrift einige hundert Euro Verlust, die Schneidegger mit einem zeit- und kraftraubenden Brotberuf kompensieren muss. Derweil gründen seine früheren Kommilitonen „trotz Philosophie“ Familien, bauen Häuser und sorgen für das Alter vor.
Hofft er auf späte Anerkennung oder Nachruhm? „Auf keinen Fall! Philosophie und Kunst haben gemeinsam, zweckfrei zu sein. Die Hoffnung oder der Vorbehalt, es müsse sich lohnen oder zu etwas Nütze sein, machen daraus Heuchelei und Pose.“ Aber wozu dann die jahrelange Arbeit, wenn es weder Erfolge gibt noch geben kann? „Es muss etwas geben, das trotz allem um seiner selbst willen betrieben wird. Den Lichtwolf aufzugeben hieße, der Welt darin Recht zu geben, dass sich alles irgendwie rechnen muss.“ Mit jeder weiteren Ausgabe beweise die „Zeitschrift trotz Philosophie“ still und beharrlich, dass die Ökonomisierung noch nicht total ist.

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