(openPR) Presse-Information, 5. Mai 2015
Impulse Theater Festival 2015
Heute wurden im Rahmen einer Pressekonferenz im Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim an der Ruhr Konzeption und Programm des Impulse Theater Festivals 2015 vorgestellt.
Auch 2015 ist das Impulse Theater Festival der Ort für herausragendes Freies Theater aus dem deutschsprachigen Raum. Vom 11. - 20. Juni findet die Veranstaltung des NRW KULTURsekretariats am zentralen Spielort Mülheim an der Ruhr sowie in den Partnerstädten Düsseldorf und Köln statt. Der Künstlerische Leiter Florian Malzacher erläuterte die Konzeption des Festivals und präsentierte gemeinsam mit Dramaturgin Nadine Vollmer die Produktionen des diesjährigen Programms.
Unter dem Motto „Gesellschaftsspiele“ zeigt sich freies Theater bei Impulse als politisches und soziales Labor der Gegenwärtigkeit, in dem die performativen Künste ihr agonistisches, provokantes Potential entfalten können – ein Potential, das eben nicht sofort integrierbar ist und gesellschaftliche Brüche und Wunden einfach nur kaschiert, sondern thematisiert und ausspielt.
Florian Malzacher: „Wie wir repräsentiert werden, wen wir repräsentieren, mit welchem Recht und auf welche Weise: Diese Fragen zielen ins Herz jeder Gesellschaft – besonders vor dem Hintergrund kriselnder Demokratien. Und sie sind zugleich schon immer zentrale Fragen des Theaters, dem künstlerischen Medium der Repräsentation von Menschen und Geschichten: Wer und was kann und soll auf der Bühne dargestellt werden, wer spricht über, anstelle von, für wen, mit wem? Impulse 2015 untersucht, wie sich Gesellschaft selbst spielt, für wen sie spielt und: wen sie mitspielen lässt. Uns interessiert, wie Theater heute noch und wieder ein politischer, öffentlicher Raum sein kann: in seinen Inhalten, aber auch in seiner jeweiligen Form.“
In Gob Squads „Western Society“, der Eröffnungsproduktion des Festivals, portraitieren sich die Live-Art-Meister wieder einmal selbst – aber das glitzernde Portrait ist nostalgisch geworden: Es zeigt eine Gesellschaft, die es so eigentlich schon nicht mehr gibt, nicht mehr geben darf. Auch Milo Rau blickt auf die westliche Gemeinschaft, wenn die Schauspieler in der international euphorisch aufgenommenen Arbeit „The Civil Wars“ Antworten auf die Frage, warum europäische Jugendliche als Krieger in den Djihad ziehen, nicht in der Repräsentation der Anderen, sondern in ihren eigenen Biografien suchen. Gintersdorfer/Klaßen räumen ihre Bühne seit Jahren für andere Repräsentationsformen und unterlaufen in „Das Neue Schwarze Denken – Chefferie“ mit ihrer ivorisch-ruandisch-kongolesisch-deutschen Formation das aktuelle Afrikabild, das europäische Medien und Alltagssprache häufig verwenden. Mit vielen Stimmen sprechen auch andcompany&Co. in „Sounds Like War: Kriegserklärung“, wenn sie fragen, was Sprache überhaupt noch kann, aber auch, wie man Kriege beendet, die nie erklärt wurden.
„Ibsen: Gespenster“ der jungen Theatermacher Markus&Markus ist ein theatrales Denkmal für einen Menschen und für die Konfrontation mit einem realen Freitod: Wie wahr, wie nah, wie ernst, wie voyeuristisch darf es sein? Ebenso persönlich wie politisch ist es auch, wenn Rabih Mroué in „Riding on a Cloud“ seinen Bruder auftreten lässt, für den Repräsentation nach einer schweren Verwundung im libanesischen Bürgerkrieg tatsächlich keine Bedeutung mehr hatte: Er verlor die Fähigkeit, die Realität in Worten und auf Bildern wiederzuerkennen.
Wie Theater nicht nur repräsentiert, sondern zugleich ein realer Ort mit realen Verhandlungen zwischen Menschen sein kann, zeigen Herbordt/Mohren: „Die Aufführung“ ist Repräsentation einer Aufführung und das Ding an sich, bei dem die Zuschauer maximale Entscheidungsfreiheit behalten, viel dürfen, aber nichts müssen. Dass solche Entscheidungsfreiheit im Zeitalter umfassenden geheimdienstlichen und kommerziellen Datensammelns zunehmend erodiert, ist auf beklemmende Weise in „Anonymous P.“ von Chris Kondek & Christiane Kühl zu erleben: Unterstützt von IT-Profis verwandeln sie das Festival in eine interaktive Hackerzentrale. Und „Der Ur-Forst“ von Hendrik Quast & Maika Knoblich, eine durational performance vom Nachmittag bis in die Nacht, in deren Mittelpunkt eine erst gefällte und dann mühevoll wieder zusammengebaute deutsche Eiche steht, macht klar: Die Utopie einer selbstbestimmten Identität ist fragil.
Dank der Förderung der Kulturstiftung des Bundes konnte Impulse in diesem Jahr gemeinsam mit seinen Partnern studiobühneköln, FFT Düsseldorf und Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim neben der Präsentation von Arbeiten aus dem deutschsprachigen Raum auch drei Projekte nicht-deutschsprachiger Künstler in den drei Städten realisieren, die Theater als Ort des gesellschaftlichen Ausprobierens in lokalen Kontexten begreifen. Die niederländische Theatermacherin Lotte van den Berg untersucht mit „Building Conversation“ in Düsseldorf Formen und Bedingungen des Gesprächs, „Our Position Vanishes“ des britischen Künstlers Phil Collins erprobt mit Studierenden aus Köln und Ramallah kollektive Erfahrungsräume für Zuschauer, Performer, Musiker und Theoretiker zwischen den drei Städten, und in Mülheim an der Ruhr eröffnet der Ringlokschuppen Ruhr die vom kurdischen Künstler Ahmet Ögüt initiierte Silent University Ruhr, eine autonome Plattform für den Wissensaustausch zwischen Geflüchteten, Asylsuchenden, Migranten und Nicht-Migranten.
Impulse 2015 untersucht das Theater als agonistischen Raum, in dem soziale und politische Gegensätze offen ausgetragen werden können. Patin für diese Überlegungen ist die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, die bereits die Vorbereitungen – als eine Art Festivalphilosophin – im Gespräch begleitete. Theoretisch unterfüttert wird Impulse zudem durch eine Konferenz, Vorträge, Inputs u. a. von Armen Avanessian, Boris Buden, Oliver Marchart, Chantal Mouffe, Gerald Raunig, Vassilis Tsianos, Tirdad Zolghadr. Eine Materialsammlung im Netz greift spezifische Fragen der freien Theaterszene auf und stellt sie zur Diskussion.
Dr. Christian Esch, Direktor des veranstaltenden NRW KULTURsekretariats: „Künstlerisch aufregend, reflektiert und dabei eminent politisch gibt Impulse auch im 25. Jahr seines Bestehens keine Ruhe. Im Gegenteil: Zukünftig stört das Festival die Ruhe noch öfter, findet es doch jährlich statt. Denn 2016 wird wieder die Kunststiftung NRW dabei sein und wird außerdem erstmals der Bund fördern. Das zeugt eindrucksvoll von der impulsgebenden Kraft dieses Motors des Freien Theaters. Gemeinsam mit den Partnerhäusern, den Städten und dem Land NRW haben wir ihn wieder auf Hochtouren gebracht. Ich freue mich auf viele neue Impulse!“
Im Juni 2016 wird dann Düsseldorf mit dem FFT Hauptaustragungsort des Impulse Theater Festivals sein, mit den assoziierten Partnerhäusern in Köln (studiobühne) und Mülheim (Ringlokschuppen Ruhr).
Die ausführliche Pressemappe, das Programmheft sowie alle Informationen zum Programm und zum
Kartenvorverkauf finden Sie unter www.festivalimpulse.de.









