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Gerechtigkeit und Recht in der Mediation.

Bild: Gerechtigkeit und Recht in der Mediation.
Peter Lemmers, Vors. Richter eines Zivilsenats am Landgericht München I, Güterichter u. Mediator
Peter Lemmers, Vors. Richter eines Zivilsenats am Landgericht München I, Güterichter u. Mediator

(openPR) Gerechtigkeit – was ist das? Fragt Peter Lemmers, im Hauptberuf Vorsitzender Richter eines Zivilsenats am Landgericht München. Bei einem Gerichtsurteil stehe die formelle Gerechtigkeit im Vordergrund, d.h., es muss aus den geltenden Gesetzen abzuleiten sein. Einigten sich streitende Parteien vor Gericht auf einen Vergleich, herrsche in der Regel eine gewisse brummige Zufriedenheit, wie der erfahrene Richter es nennt. Die Parteien seien nicht wirklich zufrieden, sähen aber auch keinen ernsthaften Grund, sich zu beklagen. Ganz anders erlebt Lemmers, der auch als Güterichter und Mediator tätig ist, die Gemütsverfassung vieler Konfliktparteien, die durch eine Mediation zu einer Einigung gefunden haben. Viele Medianden – so heißen die Teilnehmer einer Mediation – wirkten oft richtig glücklich, vermittelten nicht selten tatsächlich den Eindruck, eine als gerecht empfundene Lösung gefunden zu haben. Woran kann das liegen?



Lemmers:
Ein großes Geheimnis der Mediationen ist, dass man den Menschen zuhört, dass sie mit Hilfe des zuhörenden Mediators die Gelegenheit haben, ihre Sicht der Dinge in Ruhe zu berichten. Zuhören zwar schon als Technik, nicht aber als Masche. Man muss schon ernsthaft dahinter stehen, sonst kommt man nicht authentisch rüber. Menschen können sich öffnen und ihr Problem berichten. Dabei hört der andere zwangsläufig zu. Anschließend ist er selbst an der Reihe, schildert seine Sicht der Dinge und kann ebenfalls darauf vertrauen, dass sein Konfliktgegner nun ihm zuhört. Gelegentlich entwickelt sich hier schon Verständnis dafür, dass auch gerecht sein könnte, was das Gegenüber für sich reklamiert.

Der berühmte Perspektivenwechsel in der Mediation. Wo kommt nun das Recht ins Spiel?

Lemmers:
Nach unserer Erfahrung ist es etwa in der Medizinmediation durchaus vorteilhaft, wenn die Mediatoren - wir arbeiten immer im Team aus Anwalt und Güterichter (Anm.: so heißt der Richter, der in gerichtsinterner Mediation als Mediator tätig ist) - Ahnung aus diesem Rechtsgebiet haben. Will zum Beispiel ein Patient Schadenersatz für einen Behandlungsfehler, ergeben sich bestimmte Fragen immer wieder. Hat man eine entsprechende grobe Struktur im Hinterkopf, sind die Probleme, über die die Parteien reden und sich einigen müssen, schneller zu identifizieren.

Das Recht spielt auch eine Rolle bei der Bewertung der sogenannten Nichteinigungsalternativen, jedenfalls in all den Fällen, die vor Gericht landen könnten. Was droht mir dort bzw. was würde ein Richter mir wahrscheinlich zugestehen? Darüber kann der Mediator, der zugleich Jurist ist – und nur dann darf er es -, mit den Konfliktparteien reden, allerdings eher im Einzelgespräch.

Warum?

Lemmers:
Im Plenum darf der Mediator nichts unternehmen, was die Position einer Partei schwächen würde. Seine Aufgabe besteht ja gerade darin, die Konfliktbeteiligten auf Augenhöhe zu bringen und dort zu halten. Unter vier Augen kann ich jemanden vor einem langen, kostspieligen Prozess warnen, kann auf einen uneinsichtigen Arzt einreden oder auch einem Patienten klar machen, dass es Dinge gibt, die ein Arzt nicht beeinflussen kann. Im Plenum halte ich mich extrem zurück. Hier darf niemand das Gesicht verlieren.

Das Recht soll ja auch eine Art Schatztruhe sein…

Lemmers:
Das Steuerrecht ist gelegentlich eine Fundgrube für Lösungen, von denen alle Seiten profitieren. Ähnliches gilt für andere Rechtsgebiete.
Was bei justiziablen Konflikten eigentlich immer dabei sein sollte, ist eine juristische Beratung. Die Parteien sollten von ihrem Anwalt prüfen lassen, ob sie nicht im Überschwang der Mediation Rechtspositionen aufgeben, die sie bei realistischer Betrachtung nicht aufgeben dürften. Das könnten u.U. auch Wirtschaftsberater übernehmen. Aber generell würde ich sagen, sind im Bereich Wirtschaftsmediation – wozu ja die Medizinmediation letztendlich gehört – Juristen gute Ratgeber. Wenn sie wie Rechtsanwälte und Richter Verhandlungserfahrung haben, können sie auch als Mediatoren gute Arbeit leisten.

Keine Probleme mit dem Rollenwechsel? Hier dominant und strikt an Paragraphen orientiert, dort zurückgenommen und nur darum bemüht, die Konfliktbeteiligten bei der Suche nach ihrer ganz eigenen Lösung zu unterstützen…

Lemmers:
Problematisch wird es manchmal, wenn die Vertreter der Parteien diese Rolle nicht verlassen können. Es gehört jedoch zu den Aufgaben des Mediators, solche Rechtsanwälte darauf aufmerksam zu machen, dass sie in der Mediation nicht die Interessen ihrer Mandanten pushen, sondern sich als deren Coach verstehen sollten. Der Mediator muss die Anwälte für diese neue Rolle gewinnen, an ihre Kreativität appellieren. Auch solche Juristen arbeiten dann an einer Lösung mit, die alle Seiten glücklich macht.

Und wie steht es mit dem Recht selbst? Ist es nicht eher eine Sammlung von Totschlagsargumenten gegenüber allem, was nicht in juristischem Gewand daherkommt?

Lemmers:
Das ist nicht meine Erfahrung. Meine Erfahrung ist tatsächlich: Haben die Menschen ihr Problem erzählen können und gelernt, wieder miteinander zu reden, sind sie in der Lage, völlig unabhängig vom Recht nach Wegen zu suchen, wie sie ihren Konflikt für die Zukunft beigelegen können. Das habe ich beispielsweise oft erlebt in Erbrechtsmediationen mit sehr tiefen Familienstreitigkeiten, wo um hohe Vermögenswerte gestritten wurde. Sobald man sich durch das Gespräch auf der persönlichen Ebene näher gekommen war, fehlte zur Einigung nicht mehr viel. Ähnlich ist es im gesellschaftsrechtlichen Gebiet. Auch dort ist das Recht dann nur noch ein Hilfsmittel. Man sucht gemeinsam – ganz wichtig: gemeinsam - rechtliche Konstruktionen, die den Konflikt aus der Welt schaffen. Der Mediatior zieht sich dann zurück, schreibt nur noch oder greift, wenn er merkt, dass Dissonanzen aufzukommen drohen, besänftigend ein und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Interessen. Notfalls geht er auch noch einmal in 4-Augen-Gespräche oder regt nur eine Kaffeepause an, in der die berühmten Kekse gegessen werden. Dabei kann er sich auch einfach neben einen Medianden stellen und eher beiläufig bemerken ‚Sie tun sich gerade schwer mit dem Verlauf des Gesprächs – sehe ich das richtig?‘

Wenn man so etwas zu Beginn der Mediation vereinbart hat, wird es dem Mediator auch nicht als Kungelei ausgelegt. Er muss sich natürlich gleich auch der anderen Partei zuwenden, in solchen Momenten sind erwachsene Geschäftsführer großer Firmen wie Kinder.

Es gibt Mediationen, in denen plötzlich jemand sagt: Ich möchte endlich einmal wieder schlafen können. Jede Nacht denke ich über diesen blöden Streit nach. Oder ein Patient, der durch einen
Behandlungsfehler schwer behindert ist, braucht dringend eine entsprechende Wohnung. Ein anderer will wissen, wer für sein Schicksal verantwortlich ist und könnte leichter damit leben, wenn sich der verantwortliche Arzt bei ihm entschuldigt. Das sind Interessen, bei weitem nicht immer ökonomische.

Um solche Dinge zur Sprache zu bringen, brauche ich keinen Juristen, das gelingt durch aktives Zuhören und dadurch, dass ich in der Lage bin, die Medianden zu öffnen.

In ganz vielen Fällen spielen rechtliche Erwägungen am Ende überhaupt keine Rolle mehr. Das ist das eigentlich Spannende an der Mediation.

Das Interview führte Susanne Kihm im Vorfeld des Deutschen Mediationstages in Jena am 28.2./1.3.2014, der sich mit dem Thema „Gerechtigkeit in der Mediation“ beschäftigt. Peter Lemmers wird das Forum ‚Medizin‘ moderieren.

Der Film zum Interview ist abzurufen unter http://www.vision50plus.de/muu/MediationGerechtigkeit_Lemmers_2014.mov

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