(openPR) Auf der Suche nach dem Königsweg in die Zukunft der Pflegeberufe
„Personalmix Pflege – ein Modell für die Zukunft?“, so lautete die zentrale Fragestellung des diesjährigen Expertengesprächs, das die Bildungszentrum Gesundheit Rhein-Neckar GmbH (BZG) am 29. Juni 2012 in Wiesloch veranstaltete. Rund 80 Experten aus Pflegepädagogik, -management und -wissenschaft waren der Einladung der gemeinsamen Pflegefachschule der GRN Gesundheitszentren Rhein-Neckar gGmbH und des ZfP Psychiatrisches Zentrum Nordbaden gefolgt, um aktuelle Herausforderungen für die Pflegeberufe zu diskutieren und Lösungen anzustoßen.
„Lassen Sie uns gemeinsam Einfluss nehmen auf die zukunftsrelevanten Themen der professionellen Pflege, und zwar ehe dies andere für uns tun!“ forderte BZG-Geschäftsführer Walter Reiß die Teilnehmer auf. Nicht ohne Grund, wie der aktuelle berufspolitische Bericht des Referenten Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats, verdeutlichte: Weder bei der Erarbeitung eines neuen Pflegeberufsgesetzes noch beim Entwurf des Pflege-Neuausrichtungsgesetzes hielten es die politisch Verantwortlichen in Berlin für notwendig, den Pflegesektor selbst mit seinen 1,2 Millionen Beschäftigten zu beteiligen.
Wichtiges Etappenziel: Etablierung von Pflegekammern
Längst überfällig sei die berufspolitische Selbstverwaltung über die Einrichtung von Pflegekammern, um den Professionalisierungsprozess der Berufsgruppe sowie deren Partizipationsmöglichkeiten zu stärken. Westerfellhaus berichtete von vielversprechenden Entwicklungen in Schleswig-Holstein, Bayern und Rheinland-Pfalz. Gerade in letztgenanntem Bundesland gelte es nun, die seitens der Regierung positiv gestellten Weichen zu nutzen und den Dachverband der Pflegeorganisationen Rheinland-Pfalz (DPO) bei der geplanten repräsentativen Befragung der Berufsgruppe durch ein eindeutiges Votum der professionell Pflegenden zu unterstützen.
Der sich abzeichnende Mangel an qualifizierten Pflegepersonen bei gleichzeitig geringer Nachfrage nach Pflege-Ausbildungsberufen stellt nicht nur die Pflegeverantwortlichen in Kliniken und in der ambulanten Pflege, sondern auch die Ausbildungsstätten für Pflegeberufe derzeit vor besondere Herausforderungen. Soll das Abgeben, Übernehmen und Umverteilen von Aufgaben sowie die Reorganisation von Personalstrukturen samt der Entwicklung von differenzierten Bildungsprofilen und Qualifizierungen gelingen, müssen Antworten auf komplexe Fragestellungen gefunden werden:
Wie lassen sich die vielfältigen Aufgaben in der Pflege sinnvoll unter examinierten Pflegepersonen sowie Hochschulabsolventen einerseits und Pflegehilfskräften andererseits verteilen? Welcher Mix ist sinnvoll? Und wie kann die Zusammenarbeit zwischen Pflegepersonen mit unterschiedlichen Qualifikationen überhaupt gelingen?
Einsatz von Pflegehilfspersonal: Nur mit eindeutiger Tätigkeitsprofilen!
Von positiven Erfahrungen mit dem systematischen Einsatz von Pflegehilfspersonal im Klinikalltag berichtete der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Pflegemanagement e.V., Peter Bechtel. Ohne Pflegehilfspersonal, das die examinierten Pflegepersonen entlaste, werde die Zukunft nicht zu bewältigen sein, mahnte Bechtel, der auch als Pflegedirektor eines Herzzentrums tätig ist, in seinem Referat „Pflegehilfspersonal – Lust oder Frust im Pflegealltag?“. Allerdings müssten die Rahmenbedingungen für den Einsatz von ehrenamtlichen Helfern und sonstigen angelernten Hilfskräften wie beispielsweise Stationssekretärinnen oder -assistentinnen vorausschauend geklärt werden. Vorausgesetzt die Aufgabenverteilung ist präzise definiert, habe sich ein Mix im Verhältnis von 70 bis 80 Prozent an professionell qualifizierten Pflegepersonen zu 20 bis 30 Prozent an Hilfspersonal bewährt.
Akademisierte Pflege: Freud oder Leid für das Pflegepersonal?
Der Erstqualifizierung von Pflegepersonen an Hochschulen widmete sich der Vortrag von Professor Dr. Ulrike Thielhorn, Leiterin des Bachelor-Studiengangs Pflege an der Katholischen Hochschule in Freiburg. In den meisten EU-Staaten sei die akademische Pflegeausbildung längst etabliert und auch in Deutschland verzeichne der Bachelor-Abschluss in der Pflege wachsende Akzeptanz. Auch wenn die Akademisierung des Berufsbilds mitunter noch mit Skepsis betrachtet werde, gebe es gute Gründe für den neuen Bachelor-Studiengang. Dazu zählten neben erweiterten Karrierechancen durch Prozess- und Steuerungskompetenzen auch internationale Beschäftigungsmöglichkeiten für die Absolventen.
Bachelor of Arts in Pflege: Sowohl Praxis- als auch Prozessorientierung
Um den veränderten Arbeitsstrukturen und ausgeweiteten Pflegeaufgaben in der Zukunft gerecht zu werden, haben auch die Initiatoren der Expertengespräch-Veranstaltungsreihe das Ausbildungsangebot an ihrer Pflegefachschule in Wiesloch ergänzt. Über den dreijährigen Ausbildungsgang zum examinierten Gesundheits- und Krankenpflegepersonal hinaus startet im Herbst des Jahres auch der praxisorientierte Studiengang Bachelor of Arts in Pflege an der BZG in Kooperation mit der Katholischen Hochschule Freiburg. Hierbei können Auszubildende mit Fachhochschulreife oder Abitur innerhalb von 4,5 Jahren sowohl die staatliche Prüfung in der Gesundheits- und Krankenpflege als auch den international anerkannten Bachelor-Grad absolvieren.
Personalmix Pflege: Akademisierung von Pflegepersonal lohnt sich!
Professor Dr. Ursula Immenschuh von der Katholischen Hochschule Freiburg stellte die Voraussetzungen dar, unter denen ein zukünftiger Mix aus unterschiedlich qualifizierten Kräften im Klinikalltag erfolgreich Hand in Hand arbeiten kann. Bei ihren Verweisen auf internationale Erfahrungen hob die Freiburger Pflegewissenschaftlerin insbesondere das Beispiel USA hervor, wo bei einem Akademikeranteil von mindestens 30 Prozent unter dem Pflegepersonal eine wissenschaftlich belegte Senkung der Mortalität und Morbidität sowie eine höhere Patientenzufriedenheit erreicht werden konnten. Diese positive Bilanz widerlege die mitunter in der Pflege-Debatte in Deutschland geäußerten Befürchtungen. Gleichzeitig lasse sie jedoch nur die Schlussfolgerung zu, dass sich die Qualifizierung des Pflegepersonals nachhaltig auf die Behandlungsqualität auswirkt und letztendlich auch unter ökonomischen Gesichtspunkten langfristig sinnvoll ist.
Neben der Einführung einer klaren Hierarchie erfordere ein erfolgreicher Personalmix, bestehende Hürden zu überwinden, und zwar nicht nur in der Sprache, sondern auch in unterschiedlichen Wertvorstellungen und Organisationskulturen. Anstelle des heute verbreiteten Mangels an Wertschätzung müsse die Freude an der Weiterentwicklung durch Konflikte, Kommunikation und Veränderung rücken.
Diesen Appell griff BZG-Schulleiterin Andrea Senn-Lohr in ihrem Gesprächsfazit auf: „Greift ineinander, greift ein und begreift! Seht einander fröhlich zu, wie Euer Können reift!“, zitierte sie den treffenden Refrain eines eigens für den Anlass komponierten Liedes, das zum Auftakt der Veranstaltung präsentiert worden war.
Die Referate und Protokolle des Expertengesprächs stehen zum Download bereit unter:
http://www.bildungszentrum-gesundheit.de/expertengespraech-29-juni-2012/











