(openPR) 1982 lag Mexiko am Boden. Sinkende Ölpreise, hohe Zinsen, eine immer schlimmer werdende Inflation, Kapitalflucht und eine ausufernde Auslandsverschuldung führten dazu, dass die Regierung ihre Zinszahlungen einstellte – und damit quasi den Staatsbankrott erklärte – sowie das Bankensystem verstaatlichte. 5 Krisenjahre fast ohne Wachstum, dafür aber mit hoher Inflation folgten.
1982 fing Carlos Slim an, Beteiligungen an den führenden mexikanischen Unternehmen zu erwerben. Mit relativ kleinem Kapitaleinsatz konnte er größere Anteile in verschiedenen Industrien zusammenkaufen. 2002 nutzte er politische Ängste in Brasilien, um sich zu Spottpreisen in die dortige Telekomindustrie einzukaufen.
Heute ist Carlos Slim der reichste Mann der Welt und seine América Móvil der größte globale Telekomkonzern. Vor einigen Tagen hat Carlos Slim angefangen, in Europa in größerem Stil Aktien zu kaufen, genauer gesagt, ein Angebot gemacht, die Beteiligung von 4,8% am niederländischen Telekomkonzern KPN auf 27,7 % aufzustocken.
Jede Krise ist ein Selbstreinigungsprozess des Kapitalismus und eine Chance für mutige Unternehmer. Je dramatischer eine Krise verläuft, umso stärker sind die Strukturänderungen, die durch sie ausgelöst werden. Dies ist die Lektion der Krisen in Lateinamerika und Asien. Die Verlierer einer Krise sind oftmals hinterher die Gewinner, wenn sie die richtigen Konsequenzen ziehen, wie die Entwicklung in früheren Krisenstaaten wie Mexiko, Brasilien, Süd Korea oder Indonesien zeigt. Allerdings gibt es auch Verlierer, die Verlierer bleiben, wie z. B. Argentinien. Hier hat der nach dem Staatsbankrott 2002 einsetzende Aufschwung durch den Rohstoffboom die strukturellen Probleme nur überdeckt, aber nicht gelöst. Heutzutage machen eine sich beschleunigende Inflation und anhaltende Kapitalflucht das südamerikanische Land zum nächsten Kandidaten für einen ökonomischen Absturz. Die anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten Argentiniens sind eine Warnung an alle Länder, die glauben, trotz grundlegender Schwächen auf ernsthafte Reformen verzichten zu können.
Viele europäische Aktien – und das nicht nur in den Krisenländern – sind derzeit extrem niedrig bewertet. Einige werden es auch bleiben, weil ihre Unternehmensentwicklung eng mit den Strukturproblemen der Eurozone verbunden ist. Die meisten aber haben solide Geschäftsmodelle und werden die Krise nicht nur überleben, sondern haben in einem bereinigten Markt sogar verbesserte Expansionschancen.
Carlos Slim hat in der Vergangenheit nicht immer nur gute Investments getätigt. Er hat aber – wie ein klassischer Value-Investor – finanzanalytisch sehr billige und sehr vernachlässigte Unternehmen identifiziert und in diese angelegt. Damit war er meistens sehr erfolgreich. Insbesondere politische Turbulenzen haben ihm die großen Kaufchancen eröffnet. Und er hat Geduld gehabt, viel Geduld. Denn die braucht man in Krisenzeiten.
Europas Politiker bemühen sich derzeit nach Kräften, durch das Abgeben widersprüchlicher Statements und die Blockade einer grundlegenden Krisenstrategie die Finanzmärkte weiter nervös zu machen. Besonders die aktuelle spanische Regierung hat ein spezielles Talent dafür entwickelt, durch eine Mischung aus realitätsverneinender Kommunikation und hektischem Aktionismus Panik bei Investoren zu erzeugen. Vielleicht schafft sie es auch noch, ein Stützungsprogramm des Euro-Rettungsschirms zu provozieren, um das Chaos dann komplett zu machen.
Insofern ist nicht ausgeschlossen, dass der Ausverkauf an Europas Börsen erst einmal weitergeht und fundamental sehr billige Aktien noch billiger werden. Carlos Slim und andere Investoren werden die Hand aufhalten und sich bedanken. Und vielleicht wird dann in einigen Jahren der reichste Mann (oder die reichste Frau) der Welt aus Europa kommen, weil er (oder sie) heutzutage angefangen hat, unterbewertete Unternehmensanteile zu kaufen.




