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Out Now-Henning Sieverts: Symmethree VÖ 17.2.2012 (Pirouet/Edel:Kultur)

16.02.201217:53 UhrFreizeit, Buntes, Vermischtes
Bild: Out Now-Henning Sieverts: Symmethree VÖ 17.2.2012 (Pirouet/Edel:Kultur)
Out Now-Henning Sieverts: Symmethree VÖ 17.2.2012 (Pirouet/Edel:Kultur)
Out Now-Henning Sieverts: Symmethree VÖ 17.2.2012 (Pirouet/Edel:Kultur)

(openPR) Henning Sieverts spielt gern. Nicht nur Musik, sondern er liebt das Knobeln. Schätzt knifflige Kreuzworträtsel. Verbringt gern Stunden mit Schach und Sudoku. Beschäftigt sich überhaupt häufig mit den offenen und verborgenen Querverbindungen von Buchstaben und Zahlen. Das Besondere daran: Aus dieser Spielleidenschaft formt er wiederum Klänge - und die haben außergewöhnlichen Witz (oder besser: Geist) und eine ganz eigene Schönheit. Bei Pirouet Records variiert er dieses Prinzip nun zum dritten Mal - nach den CDs Symmetry und Blackbird, die in der Presse mit Urteilen wie "ein betörendes Album" (Wolfram Knauer im "Jazz Podium") und "locker und mitreißend bei aller Strenge" (Stefan Hentz in der "Zeit") gefeiert wurden. Für die erste wurde Sieverts außerdem 2007 von der Zeitung "Tribuna da Imprensa" in Brasilien zum herausragenden "Talent" erkoren - und für die zweite erhielt er 2010 den "Echo" in Deutschland. Nun also neue geistblitzende Spiele des Bassisten, Cellisten und Komponisten. Und weil's der dritte Streich ist, noch dazu in einer Dreier Besetzung vollbracht, heißt dieses Album nun Symmethree. Genauso hintergründig und zugleich augenzwinkernd charmant wie dieser Titel ist die dazugehörige Musik.



Sieverts wäre kein Jazzmusiker, wenn er es nicht verstünde, ein Thema stets auf spannende Art neu zu variieren. Und im Grunde weicht das Konzept von Symmethree in ganz wesentlichen Punkten von den früheren ab. In der ersten der beiden Vorgänger-CDs ging es hauptsächlich um Palindrome - also strenge musikalische und sprachliche Spiegelungen, was sich in so schönen Titeln wie Evil Olive und Sun Is In Us niederschlug, die rückwärts gelesen dasselbe ergeben. In der zweiten huldigte Sieverts der Vogelwelt - einem dahinstolzierenden Pinguin etwa oder der berühmten Amsel der Beatles; und dies mit auf unterschiedliche Weise symmetrisch konstruierten Kompositionen. In Symmethree nun gibt es vom Blues über Oldtime-Jazz-Reminiszenzen bis hin zur Hommage an die Popband "The Police" noch mehr verschiedene Farben, Stimmungen und Symmetrie Techniken - aber immer eingebettet ins streng jazzkammermusikalische Setting eines Trios.

Und zwar: eines besonderen Trios. Die Instrumente: Bass/Cello, Posaune, Gitarre. Und die Musiker: allererste Kategorie für die Verbindung von kniffligen Strukturen mit vollkommener Natürlichkeit des Ausdrucks. Henning Sieverts, 1966 in Berlin geboren, spielt hier mit Nils Wogram, Jahrgang 1972, aus Braunschweig, und Ronny Graupe, 1979, Karl-Marx-Stadt, zusammen. Wie Sieverts selbst, sind diese beiden Musiker international hochrenommiert für ihr instrumentales Können und für ihre musikalische Gestaltungsfähigkeit. Posaunist Nils Wogram, Träger vieler Jazzpreise und Hochschullehrer in Luzern, gehört zu den brillantesten Virtuosen, die es weltweit an seinem Instrument gibt - und er ist in seinen eigenen Kompositionen ein Meister im quicklebendigen Spiel mit komplizierten Techniken, die von der Vierteltonmusik bis zum Obertongesang reichen. Gitarrist Ronny Graupe, nicht zuletzt bekannt von der Gruppe Hyperactive Kid, die auf Rock, Drum & Bass und Neue Musik zurückgreift, liebt die freien und unerwarteten Wege im Jazz; er spielt eine siebensaitige Gitarre (für Spezialisten: mit zusätzlicher tiefer Saite, die auf H gestimmt ist), erweitert damit den Klangraum seines Instruments in Richtung Bass. Henning Sieverts schätzt an diesen beiden Partnern Vieles, etwa dass beide "Originale" seien, die man schon nach wenigen Tönen "zweifelsfrei" erkenne, außerdem ihren "Klangfarbenreichtum vom schmeichelnden Wohlklang über wilde, schroffe Sounds bis hin zum Geräuschhaften, Perkussiven", und nicht zuletzt, dass sie mit allen Wassern des Jazz gewaschen sind; Musiker, die Standards ebenso gut spielen können, wie sie frei improvisieren - und die zudem, wie der Bandleader hervorhebt, "absolut sattelfest" bei schwierigen Taktarten sind. Die reizt Sieverts auf dieser CD vor allem in einem Stück besonders aus (Nine O.M., dazu später mehr).

Diese Musik - macht Spaß und ist sinnlich! Das stellt man gleich bei den allerersten Tönen des Titelstücks fest, in denen Gitarre, Posaune und schließlich Bass sich gegenseitig mit ganz kurzen Einwürfen umzingeln und dabei eine immer stärkere, fast elegische Schönheit entfalten. In einem anderen Stück, One For Paul, gewidmet dem einjährigen Sohn des Bandleaders, kann man sich in luftige Gitarrenakkorde und eine wunderschön lyrische Melodie fallen lassen. In Deep, Deep! growlt die Posaune vergnüglich und lustvoll wie in Hochzeiten von Duke Ellingtons Big-Band, während Cello und Bass witzig daneben her schreiten - und in Walking On The Other Side treibt die Musik hymnisch dahin wie in Message In A Bottle und anderen Stücken von "The Police", nur dass hier nichts zitiert wird, sondern eine Eigenkomposition die Atmosphäre dieser Popsongs aufgreift und sich zu einem faszinierend schwelgerischen Stück formt.

Fast vergisst man dabei, dass hinter allen Stücken auch eine raffinierte Kompositions-Idee steckt, die auf Arten der Symmetrie zurückgreift. Im Titelstück spielt ständig die Zahl 3 eine Rolle, denn der Tonabstand von drei Tönen, also kleinen und großen Terzen, ist das Baumaterial dafür. Nine O.M. und Nine on Twelve fußen auf einer symmetrisch konstruierten Neuntonleiter des französischen Komponisten Olivier Messiaen (O. M.), der Sieverts seit längerem fasziniert; diese Leiter nannte Messiaen (1908-1992) seinen "3. Modus", und der Reiz dieser Skala liegt unter anderem darin, dass sie "zwischen Dur und Moll schillert", wie Sieverts sagt - was bei einer ganz archaischen Blues-Tonleiter auf ganz andere Art auch der Fall ist. Bei Nine O.M. wendet Henning Sieverts sozusagen seine ganze Kunst als Meister des Kniffligen auf, indem er symmetrisch aufeinander bezogene Achtelnoten abwechselnd im 3/2-Takt, im 13/8-Takt und im 12/8-Takt tanzen lässt. In New Tone Barn verwendet er eine spiegel-symmetrische Zwölftonreihe aus der "Kammersymphonie" Opus 21 des Komponisten Anton Webern (1883-1945); der Titel New Tone Barn ergibt sich, wenn man die Buchstaben des Namens Anton Webern durcheinanderschüttelt und neu ordnet - er bedeutet "Scheune der neuen Töne". Eine Zwöftonreihe nach wieder anderem symmetrischen Prinzip enthält auch das Stück Coffee to Stay, dessen Titel eine willkommene und witzige Antwort auf die Unsitte des "Coffee to Go" ist - statt eines Weitergehens propagiert Sieverts das Verweilen, auch bei musikalischen Ideen, was man wiederum als elegantes Plädoyer für sein Symmetry-Prinzip
lesen kann. Letzte Beispiele: In Happy Birthday nimmt Sieverts die Geburtsdaten der drei Musiker, um aus den Zahlen Melodien zu schaffen, die jeweils in sich gespiegelt werden; aus den Ziffern werden Intervalle: 1 steht für einen Halbton, 2 für den Abstand zweier Halbtöne - und so fort. Gegen diesen Entwurf erscheint es höchst einfach, wenn, wie im Schlussstück Walking on the Other Side Symmetrisches "nur" im Widerspiel der Basslinie und der Gitarren-Akkorde verborgen ist.

Mit diesen drei Musikern aber klingt hier alles bestechend einfach, die Themen und Motive sprudeln leicht und klar wie das Wasser einer Quelle. Und ebenso erfrischend! Nirgends verselbständigt sich das Raffinement der Konstruktion - alles ist und bleibt Musik, die in jedem Moment organisch klingt. Der französische Komponist Jean-Philippe Rameau (1683-1764) forderte einst, die Kunst durch die Kunst selbst zu verbergen ("Il faut cacher l'art par l'art-même"). Genau das schaffen Sieverts, Wogram und Graupe hier bewundernswert. Man spürt nie auch nur im Ansatz die Mühe, die es machen könnte, Stücke dieser Art zu spielen, nur unterschwellig teilt sich das Niveau mit, das man braucht, um das zu tun.

Wenn man diese Aufnahmen hört, glaubt man vor sich zu sehen, wie die drei Musiker beim Spielen vor sich hin schmunzelten. Voller Freude am kreativen Umgang mit ungewöhnlichem Material stecken diese Einspielungen. Und voller Spaß am wachen Aufeinander-Reagieren. Das kann man als Hörer sehr gut verfolgen - vor allem mit Kopfhörer, denn die drei Instrumente sind immer eindeutig lokalisierbar: Gitarre links, Posaune rechts, Bass oder Cello in der Mitte. Das ist ein weiterer Aspekt des Titels Symmethree, und darüber hinaus ergibt sich dabei eine Plastizität, in der man das Trio-Spiel
besonders genießen kann. Bei jedem Hören kann man neue Reize dieser sinnlich geformten und aufgenommenen Trio-Töne entdecken. Einer erwächst daraus, dass durch Ronny Graupes zusätzliche tiefe Saite und Nils Wograms ungewöhnlich leichtgängiges Spiel gerade in den bassigen Regionen der Posaune zusammen mit Sieverts' Bass und Cello ein schillerndes Miteinander in den unteren Tonbereichen entsteht: Diese Stücke haben dadurch außerordentlich viel "Körper" - was voll beabsichtigt ist und nicht zum attraktiven Selbstzweck verkommt, weil das Spiel der drei Musiker auch ausgesprochen viel Seele hat.

Körper und Seele, zwei zentrale Eigenschaften des Jazz: Die haben diese Aufnahmen, bei aller Kopfeslust. Und sie haben sie vor allem, weil Henning Sieverts und seine beiden Mitmusiker gern spielen. Sie lieben, was sie hier tun - und das vollendet die Töne dieses symmetrischen Dreier-Teams.

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