openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Offener Brief an Frau Ministerin Shavan

24.11.201111:05 UhrVereine & Verbände
Bild: Offener Brief an Frau Ministerin Shavan

(openPR) Aufforderung zur Überprüfung der Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zum Thema Sexueller Missbrauch


Sehr geehrte Frau Schavan,

infolge des für uns doch sehr überraschenden Ergebnisses der am 18. Oktober 2011 in Berlin vom Kriminologischen Institut Niedersachsen (KFN) vorgestellten Studie zum Thema Sexueller Missbrauch mit Körperkontakt an unter 16-jährigen fordern wir Sie auf, diese Studie maßgeblich zu überprüfen und/oder durch ein zweites, kompetentes, unabhängiges Forschungsinstitut durchführen zu lassen, zumindest aber eine realistische Interpretation der Ergebnisse, sowie deren Weitergabe an die Medien.
Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren soll zurückgehen, darauf lässt diese Studie schließen und wird in den Medien als „repräsentativ“ bezeichnet – was wir als Opferschutzverband unter keinen Umständen unkommentiert belassen.

Christian Pfeiffer, Leiter des KFN, verweist zur Begründung des Rückgangs von sexuellem Missbrauch mit Körperkontakt an unter 16-jährigen auf die starke Medienwirksamkeit, dass Betroffene nun mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekämen, woraufhin die Täter ein höheres Risiko eingehen würden, angezeigt zu werden. Befragt wurden zwischen Januar und Mai diesen Jahres rund 11.500 Menschen zwischen 16 und 40 Jahren beiden Geschlechts, darunter gaben 6,4 Prozent der Frauen und 1,3 Prozent der Männer einen sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt vor ihrem 16. Geburtstag an. Im Vergleich zu einer ähnlichen Studie des KFN von 1992, so Pfeiffer weiter, wären die Zahlen gesunken, denn damals hätten 8,6 Prozent der Frauen und 2,8 Prozent der Männer von einem Missbrauch mit Körperkontakt vor ihrem 16. Geburtstag berichtet. (Artikel auf www.zeit.de)

Uns stellt sich die Frage, wie glaubwürdig diese Zahlen zu erachten sind und ob tatsächlich von einem Rückgang sexuellen Kindesmissbrauchs gesprochen werden kann. Zwischen der Studie von 1992 und der Aktuellen gibt es einen Unterschied, der Datenbestand vorher war ein völlig anderer: Damals wurden sehr viel weniger, nur 3.300 Menschen befragt, bestätigt Pfeiffer. Eignen sich diese beiden Studien trotzdem ohne weiteres zum Vergleich?
Vergessen scheint auch die Tatsache, dass die Mehrheit der Betroffenen ihre Erlebnisse zum Selbstschutz über einen langen Zeitraum verdrängt und keine Erinnerungen daran vorhanden sind. Sie sind traumatisiert. Wenn sich also jemand an seine Missbrauchserfahrungen (noch) nicht erinnert, wie kann er dann realistische Angaben machen? Uns wird oft von Betroffenen berichtet, dass sie z.T. jahrzehntelang ohne das Wissen lebten, sexuell missbraucht worden zu sein. Norbert Denef, Vorsitzende des Netzwerkes Betroffener sexualisierter Gewalt, bestätigt das. Und fast immer kommen durch den Täter implizierte Angst, Scham und Schuldgefühle beim Opfer hinzu, die daran hindern können, wahrheitsgemäß zu antworten. Selbst dann, wenn Erinnerungen fragmentiert bestehen. Sie sind in ihrer Intensität nicht mit Angst, Scham und Schuldgefühlen im ursprünglichen Sinne vergleichbar. Trotz gewährleisteter Anonymität kann die Überwindung, die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten, sehr groß sein.
Eine wichtige Rolle hierbei spielt auch die Vorgehensweise der Befragung, die bedauerlicherweise nicht offen gelegt wurde, was aber notwendig für eine realistische Interpretation dieser „repräsentativen“ Zahlen wäre. (Keine eindeutige Angabe im Bericht zum Fragebogenteil, ob die Befragten allein waren, oder noch Dritte anwesend waren)
Denn Sicherheit ist für Überlebende sexueller Gewalt etwas Essentielles und allein, in einem geschützten Rahmen, fällt es ihnen erfahrungsgemäß leichter, über diesen Teil ihres Lebens einen Fragebogen zu beantworten. Ebenso von Bedeutung ist, dass die Interviewer das Gespräch ohne weitere Anwesende führen sollten, um potentiellen Betroffenen Schutz und Vertraulichkeit zu vermitteln. Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, kommt es sehr wahrscheinlich zu einigen Falschaussagen – unabsichtlich.

Zudem kritisieren wir, dass für diese Studie nur nach sexuellem Missbrauch mit Körperkontakt gefragt wurde. Wir wissen doch aber, dass sexualisierte Gewalt bereits sehr viel früher beginnt, nicht zwingend mit Körperkontakt in Verbindung steht und ohne diesen auch nicht weniger traumatisch ist. Es wurden mehr oder weniger bewusst alle Formen sexuellen Missbrauchs ohne Körperkontakt ausgeklammert, z.B. das erzwungene, gemeinsame Ansehen von pornografischem Material oder durch das Internet in sog. Chatrooms. So tauchen Betroffene dieser Taten in der Statistik nicht auf und beeinflussen das Ergebnis dahingehend, dass man meinen könnte, sexueller Missbrauch im Allgemeinen ginge zurück. Zusätzlich wurden Tätergruppen ausgegrenzt, denn der Definition dieser Studie nach musste zum Zeitpunkt des Vorfalls ein Altersunterschied von mindestens 5 Jahren bestehen. Doch was, wenn das Opfer 14 Jahre und der Täter 18 Jahre alt wäre?
Außerdem sind einige für dieses Thema wichtige Gruppierungen in die Befragungen nicht (genügend) mit einbezogen worden, darunter Katholiken, ehemalige Heimkinder, psychisch kranke sowie traumatisierte Menschen. Doch gerade innerhalb dieser Gruppierungen sind viele Betroffene - wenn nicht sogar die überwiegende Masse - stark zu vermuten und in dieser Studie des KFN leider unterrepräsentiert. Darin könnte die Ursache liegen, dass ein Schein des Rückgangs entstanden ist. Unsere Erfahrungen mit Betroffenen zeigen ganz deutlich: Wer einmal missbraucht wurde, ist in jedem Fall traumatisiert und hat zumeist mit psychischen Folgeerkrankungen zu kämpfen. Das bestätigt auch die unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Christine Bergmann, die sich nun über ein Jahr intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt.

Und selbst von diesen Zahlen ausgehend gibt es unserer Ansicht nach keinen Grund zur Entwarnung. Denn von 11.428 gaben 683 Befragte an, betroffen zu sein. Das bedeutet, jede Siebzehnte (16,7) Person ist betroffen, demnach noch immer 1-2 Kinder pro Schulklasse! Nicht zu vergessen, dass die Dunkelziffer sehr wahrscheinlich deutlich höher liegt. Und obwohl das Institut durch Aussagen „zu betreffen scheint“, „möglich“ und „vermutet“ viele Interpretationen offen lässt, wird das Ergebnis von den Medien absolutistisch dargestellt – es heißt, sexueller Missbrauch an Kindern ginge zurück.
Leider können wir diese Meinung nicht teilen und selbst wenn, wäre dies für uns kein Anlass, nicht mehr darüber zu sprechen. Es war zu lange ein Tabuthema und gerät zu schnell ins Vergessen und wird bei Nachlassen der Medienwirksamkeit von der Öffentlichkeit weder wahr noch ernst genommen.

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 589907
 3507

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Offener Brief an Frau Ministerin Shavan“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von gegen-missbrauch e.V.

Bild: gegen-missbrauch e.V.: Onlinepetition zur Erfassung eingestellter Verfahren ins erweiterte FührungszeugnisBild: gegen-missbrauch e.V.: Onlinepetition zur Erfassung eingestellter Verfahren ins erweiterte Führungszeugnis
gegen-missbrauch e.V.: Onlinepetition zur Erfassung eingestellter Verfahren ins erweiterte Führungszeugnis
Zum Schutz von Kindern und Jugendlichen: Nach §153a StPO eingestellte Verfahren gehören ins erweiterte Führungszeugnis! Der sexuelle Missbrauch von Kindern wird bislang nach deutschem Recht (§ 176 StGB) wie ein „Vergehen“ behandelt, da die Mindeststrafe hierfür bei einer Freiheitsstrafe unter einem Jahr liegt. Abgesehen von der mangelnden Anerkennung des menschlichen Leids im Falle eines Kindesmissbrauchs bedeutet die Einstufung als Vergehen, dass Verfahren gegen eine Auflage eingestellt werden können und somit weder im Bundeszentralregiste…
Bild: Stellungnahme zum KoalitionsvertragBild: Stellungnahme zum Koalitionsvertrag
Stellungnahme zum Koalitionsvertrag
Noch viel Luft nach oben gegen-missbrauch e.V. nimmt GroKo Koalitionsvertrag unter die Lupe „Wir hätten uns mehr Klarheit und Verbindlichkeit gewünscht“, so Ingo Fock, 1. Vorsitzender des Vereins gegen-missbrauch e. V., der sich für Betroffene sexualisierter Gewalt einsetzt. Der Verein hat den nun vorliegenden Koalitionsvertrag genau unter die Lupe genommen. Sicher, es sind viele gute Ansätze vorhanden. Gefreut haben wir uns zum Beispiel über die verbindliche Aussage, dass die Kinderrechte nunmehr im Grundgesetz verankert werden. Verbesse…

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Dr. Frank Brodehl (AfD): „Ministerin muss die Uni in ihrem Widerstand gegen Linksextreme unterstützen“Bild: Dr. Frank Brodehl (AfD): „Ministerin muss die Uni in ihrem Widerstand gegen Linksextreme unterstützen“
Dr. Frank Brodehl (AfD): „Ministerin muss die Uni in ihrem Widerstand gegen Linksextreme unterstützen“
„Ministerin Prien muss die Uni Kiel in ihrem Widerstand gegen linksextreme Umtriebe unterstützen – jetzt“ Die Kieler Ortsgruppe des vom Verfassungsschutz als linksextrem eingestuften Vereins „Roten Hilfe e.V.“ hat sich zusammen mit der „Hochschulgruppe Klimagerechtigkeit“ und der „TurboKlimaKampfGruppe“ in einem Offenen Brief bei der Universität Kiel …
Hohlmeier-Untersuchungsausschuss: Offener Brief der bayerischen FDP-Vorsitzenden an Ministerpräsident Dr. Stoiber
Hohlmeier-Untersuchungsausschuss: Offener Brief der bayerischen FDP-Vorsitzenden an Ministerpräsident Dr. Stoiber
München. In der Affäre um die schwer belastete Kultusministerin Monika Hohl-meier hat die bayerische FDP-Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete, Sabine LEUTHEUSSER-SCHNARRENBERGER, am Donnerstag einen „Offe-nen Brief“ an den Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, Dr. Edmund STOIBER, geschrieben. Sie bilanziert darin den bereits entstandenen …
Entführungsopfer Natascha Kampusch setzt sich für Freiheit von Wildtieren im Zirkus ein
Entführungsopfer Natascha Kampusch setzt sich für Freiheit von Wildtieren im Zirkus ein
Untertitel: Brief an Ministerin Aigner mit der Bitte um Umsetzung des Bundesratsentschlusses von 2003 Mehr als acht Jahre musste Natascha Kampusch in einem kleinen Verlies in Gefangenschaft leben, nachdem sie im Alter von zehn Jahren in Wien entführt wurde. Erst 2006, im Alter von 18 Jahren, gelang ihr die Flucht. In einem Brief an Ministerin Aigner …
Bild: "Schule sorglos" macht Bildungsministerin ein unmoralisches AngebotBild: "Schule sorglos" macht Bildungsministerin ein unmoralisches Angebot
"Schule sorglos" macht Bildungsministerin ein unmoralisches Angebot
"Schule sorglos" bietet der Bildungsministerin an, spanische Jugendliche mit gehirngerechtem Coaching fit für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen – kostenlos. Winterberg, Juli 2012. Die Bildungsministerin möchte spanische Jugendliche für den deutschen Arbeitsmarkt gewinnen. Ein Hindernis ist die Sprachbarriere, wie auch schon Arbeitsministerin von der …
Offener Brief an Ministerin Ilse Aigner: Ist staatliche Regulierung im Versicherungswesen der richtige Weg?
Offener Brief an Ministerin Ilse Aigner: Ist staatliche Regulierung im Versicherungswesen der richtige Weg?
Offener Brief an Ministerin Ilse Aigner: Sehr geehrte Frau Ministerin Aigner, da Sie hier bei XING leider auf meine persönlichen Nachrichten nicht reagieren, versuche ich es einmal mit diesem offenen Brief. Ich hoffe, Ihr XING Profil ist nicht nur ein Fake, oder wird von Ihren Mitarbeitern geführt. Frau Ministerin, was da gerade im Bereich der Finanz- …
Weil gut nicht gut genug ist
Weil gut nicht gut genug ist
In einem Brief an Kultusministerin Henzler regen die Jungen Liberalen Hessen (JuLis) die Einführung von Methodenlehre an weiterführenden Schulen an. „Frei nach dem Motto – Weil gut nicht gut genug ist – fordern wir JuLis Hessen mehr Methodenlehre an hessischen Schulen. Hierbei sollen unseren Schülern Kompetenzen vermittelt werden, mit denen sie Wissensstoff …
Bild: Korruption gegen Schwerbehinderte: Sozialministerin Reimann ignoriert Whistleblower-Hinweise (Offener Brief)Bild: Korruption gegen Schwerbehinderte: Sozialministerin Reimann ignoriert Whistleblower-Hinweise (Offener Brief)
Korruption gegen Schwerbehinderte: Sozialministerin Reimann ignoriert Whistleblower-Hinweise (Offener Brief)
… Ärzten zusammen, welche Gefälligkeitsgutachten im Sinne des beklagten Landes Niedersachsen erstellen- auf Kosten von den zum Teil Schwächsten der Gesellschaft. Seit Monaten ist Ministerin Reimann über diese Aussagen informiert. Ministerin Reimann schweigt. Eines der geschädigten Gewaltopfer stellte vor mehr als zehn Jahren Anträge auf OEG und BSA. Obwohl …
Offener Brief: Urologen fordern Stellungnahme von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt
Offener Brief: Urologen fordern Stellungnahme von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt
… Urologen (BDU) und die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) einen Offenen Brief an das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung verfasst. Sehr geehrte Frau Ministerin, jährlich wird bei etwa 40.000 Männern ein Prostatakrebs, im Regelfall durch Bestimmung des PSA-Wertes, aufgedeckt und etwa 12.000 Männer versterben im gleichen Zeitraum. …
Bild: Tierschützer fordern von Frau Aigner: Blockadehaltung aufgebenBild: Tierschützer fordern von Frau Aigner: Blockadehaltung aufgeben
Tierschützer fordern von Frau Aigner: Blockadehaltung aufgeben
Scharf kritisiert der Tierschutzfachverband Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung e.V. (AGfaN) die Absicht von Bundesministerin Aigner, den Bundesratsbeschluss zum Aus der Käfighaltung ab 2023 nicht umzusetzen. Diese Weigerung missachte nicht nur das Verfassungsorgan Bundesrat, sondern auch den Willen der Mehrheit der Bürger. „Wir haben …
Bild: Bundesministerium antwortet auf OFFENEN BRIEF an Bundesministerin Dr. Barbara HendricksBild: Bundesministerium antwortet auf OFFENEN BRIEF an Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks
Bundesministerium antwortet auf OFFENEN BRIEF an Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks
… Am Samstag, den 13. Mai 2017 erhielt die EMG Elektromobile GmbH & Co. KG ein Antwortschreiben aus dem Bundesministerium. Herr Jochen Flasbarth, Staatssekretär bei der Bundesministerin für Umwelt, Natur, Bau und Reaktorsicherheit, greift auf Bitten der Ministerin den Offenen Brief vom Aschermittwoch, den 1. März auf und dankt für das damalige Angebot …
Sie lesen gerade: Offener Brief an Frau Ministerin Shavan