(openPR) Mark Zuckerberg kündigte vor einigen Tagen an, dass Nutzer künftig “die Geschichte ihres Lebens” auf der Plattform von Facebook darstellen können.
Das bedeutet, dass man künftig mit Hilfe eines Zeitbalkens im Nutzerprofil Stationen seines Lebens präsentieren kann.
“Die Geschichte des ganzen Lebens auf einer einzigen Seite” – also die Stationen von Ausbildung, Freunden, Arbeitsstellen, die Wege die man einschlägt, also auch die Irrwege, Sackgassen und Hindernisse über die man stolpert. Durch Facebook ist man ist im Internet kein unbeschriebenes Blatt mehr.
Was wird das langfristig für Folgen haben? Was sind die Chancen, was die Risiken?
1) Zum einen stärkt Facebook damit die Kundenbindung. Der User muss immer wieder seinen Lebenslauf aktualisieren, und kehrt immer wieder zur Facebook-Seite zurück.
2) Unternehmen erfahren, wie sich Wünsche, Vorlieben bis hin zu Affinitäten zu bestimmten Produkten bilden. Wer tut sich mit wem zusammen?
In welcher Gruppe ist mein Marketing besonders effizient? Welche Gemeinsamkeiten, die ich als Unternehmen heute noch gar nicht kenne, ergeben sich daraus? Im Data Mining geschieht das bereits heute: durch das was sich im Einkaufswagen, kann man auf die Essgewohnheit schließen. Dadurch weiß ein Supermarkt welche Waren nebeneinander platziert werden müssen um die eigenen Umsätze zu steigern. Die Bank kann ihren Zinssatz für ein Darlehen anheben wenn das Nutzerprofil auf ein höheres Risiko eines Zahlungsausfalls hindeutet, die Krankenkasse kann ihre Beiträge anpassen wenn jemand zu kalorienreiche Kost bevorzugt.
Schon heute bekommt man Werbebotschaften gefiltert: für welches Auto, welche Wohnung welche Mode oder welche Wohnungseinrichtung ich sinnvoll angesprochen werden kann, hängt von vielen Parametern ab: Alter, Einkommen, Beruf, Familienstand, aber selbst der Musikgeschmack, Hobbies oder andere Produktpräferenzen können darauf hindeuten. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen bestimmten Gruppen, die zu Marktanalysen gezielt eingesetzt werden können.
Die Vorhersage wird einerseits umso komplexer, je mehr einzelne Parameter man berücksichtigen muss, weil viele Daten gesammelt werden und die einzelnen Einflussgrössen genau definiert werden müssen. Andererseits hilft gerade eine detaillierte Betrachtung der Zielgruppe mit exakten Klassifizierungen dabei, dem Kunden ein maßgeschneidertes Produkt anzubieten. Das kann für den einzelnen Kunden sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben.
Diese Entwicklung vollzieht sich auch im Internet: “Behavioral Targeting” bedeutet die Identifizierung verhaltensorientierter Zielgruppen im Rahmen der Online-Werbung.
Durch eine Segmentierung der Kundengruppen wird die einzelne Gruppe kleiner, aber auch für den Werbetreibenden interessanter. Durch das Sammeln von Informationen und die Archivierung dieser Daten legt Facebook dazu bereits heute den Grundstein.
Google sammelt ebenfalls Informationen. Und es ist kein Zufall, dass der Börsenwert dieser Unternehmen so hoch ist (derzeit Facebook 66 Mrd USD, Google 174 Mrd USD), weil Informationen das Kapital des 21.Jahrhunderts darstellen – wir sprechen ja vom Informationszeitalter.
Interessen von Google und Facebook ist die Vermarktung dieser Informationen an Unternehmen zur Optimierung ihrer Marketingaktivitäten. Daher ist es nur folgerichtig, die Hürde für den Enduser so niedrig wie möglich zu halten, also kein Geld zur Nutzung einer Community zu verlangen.
Ein weiterer Schritt ist das Erkennen des Kommunikationsprofils des Nutzers: Dadurch dass man weiß wer mit wem spricht kann man Ähnlichkeiten, Sympathien und Netzwerke feststellen. Man kann erkennen, wer wie gut mit wem vernetzt ist und die interessantesten Knoten finden. Man kann die “informellen Führer” erkennen, die als Multiplikator oder Empfehlungsgeber fungieren können.
Auch das Suchverhalten im Web sagt aus, welches Probleme für welche Nutzer oder welche Nutzergruppe im Vordergrund stehen. Es lassen sich sogar Trends frühzeitig erkennen, wenn man bemerkt, dass die Suchhäufigkeit für bestimmte Wörter ansteigt.
Webcontrolling bedeutet eben nicht nur einen Zahlenfriedhof endloser Statistikreihen. Die Interpretation der Zahlen lässt bedeutende Rückschlüsse für die eigene Positionierung zu.
Das gilt für den Einzelunternehmer genauso wie für den Großkonzern.
3) Längerfristig erlaubt das, das Verhalten der eigenen Zielgruppe vorherzusehen? Man nehme eine Gruppe von 18-jährigen die sich heute für eine bestimmte Musikrichtung interessieren. Weiß ich welche Sportart sie ausüben oder welches Auto sie demnächst kaufen werden, wenn ich das Profil mit dem eines heute 30-jährigen vergleichen kann? Über den Geschmack des einzelnen kann vorhergesagt werden, wie er sich wahrscheinlich entwickeln wird und der Kunde an die eigene Marke herangeführt werden. Man kann gemeinsame Kundensegmente definieren und diese Kundensegmente mit zielgenauer Werbung ansprechen, selbst mit differenzierter Ansprache für einzelne Marktteilnehmer.
Durch Langzeitbeobachtungen wird auch das in Zukunft möglich sein. Das bedeutet, bei dem Kunden die mögliche Präferenz für ein Produkt schon zu erkennen, bevor er es kaufen will. Das bedeutet eine ganz neue Qualität für die eigene langfristige Unternehmensstrategie.
4) Das Internet vergisst nichts – und das ist die Gefahr dabei. Schon heute ist es ein Problem, dass der Personalchef bei der Einstellung Google und Facebook befragt und dann vielleicht Fotos von der Party sieht die der Bewerbung nicht förderlich sind. Man wird sich also genauer überlegen was man preisgibt und was man besser verschweigt. Man möchte vielleicht Dinge löschen – aber was passiert wenn ich selber das peinliche Foto löschen will, es ein ehemaliger Freund aber unbedingt im Netz lassen will?
Wird dadurch die Kreativität und das Querdenkertum steigen – weil man im Web auf einmal erkennt dass man nicht mehr allein ist und sich unter 7 Milliarden Menschen schon jemand anders finden wird der die eigenen Gedanken gut findet – oder kommen am Ende wieder die stromlinienförmigen Lebensläufe heraus? Die zwar das Assessment-Center im Großkonzern bestehen und mit Prädikatsexamen beim Unternehmensberater anheuern, aber möglichst wenig eindeutiges Profil zeigen, denn es könnte ja negativ aufgenommen werden?
Wird man sich künftig dreimal überlegen was man im Web schreibt und was man besser sein lässt? Geht dadurch nicht gerade die Spontanität des Internets verloren?
Andererseits aber erfährt man gerade durch diese Vernetzung dass man nicht allein auf der Welt ist.
Wer vor 100 Jahren in einem Dorf wohnte und als etwas verschroben oder sonderbar galt, hatte schnell einen Stempel aufgedrückt bekommen den er zeitlebens nie wieder los wurde.
Heute kann der User viel eher gegensteuern, sich vernetzen, sich ständig neu profilieren und er erfährt dass er mit seinem Problem nicht allein ist. Tausende von Selbsthilfegruppen im Web zeigen das eindrücklich. Der User kann sogar seine Community an seinen neuen Erkenntnissen und seinem Lebensweg teilhaben lassen.
Umso wichtiger wird es, im Internet auch präsent zu sein und Networking proaktiv zu nutzen. Wenn ich nur 2 Beurteilungen im Internet habe und eine davon ist negativ, die meisten aber doch zufrieden mit meiner Leistung sind aber einfach nur nichts schreiben, gerät das eigene Image schnell zum Zerrbild. Ein Kunde der mich nicht kennt, wird dann von einem Kauf oder einer Nutzung meiner Dienstleistung vorab schon absehen.
Web-Monitoring trägt Informationen aus dem Web zusammen – und so mancher ist erstaunt, was man da heute alles schon nur aus Online-Quellen erfahren kann.
Fazit: Auf jeden Fall sind die Innovationen von Facebook ein weiterer Schritt zu einer neuen Qualität des Internets. Diese Entwicklungen werden kommen, mit oder ohne Facebook, und es ist grundfalsch sie nur zu beklagen, nur abzuwarten oder meinen sich dieser Entwicklung entziehen zu können. Das zeigen alle Innovationen der Vergangenheit.









