(openPR) Ohne ein Anzeichen von Ängstlichkeit, im Schutze von Imkeranzügen, berührt eine Gruppe blinder und sehbehinderter Menschen die Honigwabe, in der eben noch zahlreiche Bienen mit der Produktion des süßen Goldes beschäftigt waren. Sie sind Teilnehmer der eigens für die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte organisierten Führung am Institut für Bienenkunde in Oberursel. Zu Beginn der Führung hätten sich das die meisten Teilnehmer kaum vorstellen können.
Die Idee zu dieser speziellen Führung für blinde und sehbehinderte Menschen hatten Franz-Josef Esch, Vorstand der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte, und Prof. Dr. Bernd Grünewald, Leiter des Instituts für Bienenkunde in Oberursel, bei einem Treffen der beiden Polytechniker in Oberursel. Denn wie so oft liegt das Gute so nah: Beide Institutionen sind Teil der Polytechnischen Gesellschaft, vor vielen Jahrzehnten von ihr gegründet. Auf die Idee, beides zu verbinden und blinde Menschen und Bienen zusammen zu bringen, kam man dennoch erst vor wenigen Wochen. „Blinde und Sehbehinderte haben berechtigter Weise eine noch größere Angst vor Bienen und Wespen als wir Sehenden. Denn für sie stellen die Insekten tatsächlich eine unsichtbare Bedrohung dar“, so Franz-Josef Esch. „Umso wichtiger schien es uns, über richtige Verhaltensweisen im Umgang mit Bienen aufzuklären und durch Wissensvermittlung Ängste zu nehmen“, sagt Prof. Grünewald.
Das Team des Instituts für Bienenkunde erarbeitete ein Konzept, das alle verfügbaren Sinne der Teilnehmer anspricht und ihnen erstmals die Möglichkeit bietet, sich einer Biene gefahrlos zu nähern. Zu Beginn der Führung ertasteten die Teilnehmer deshalb eine etwa vierzig Zentimeter große Modellbiene aus Plastik. Fühler, Flügel, Beine, auch den Stachel: diese Details fügen sich in den Köpfen der Teilnehmer zu einem Bild. Danach werden die Teilnehmer zu einer Plexiglasscheibe geführt. Dahinter: ein Beobachtungsvolk hunderter Bienen. Die Teilnehmer erspüren am Glas die vibrierenden Bewegungen und auch die Wärme, die das Bienenvolk erzeugt. Denn Bienen haben eine Bruttemperatur von 35 Grad Celsius. So kommen die Besucher den Bienen schon sehr nahe.
Prof. Grünewald und seine Mitarbeiterin Sophie Himmelreich, Doktorandin am Institut für Bienenkunde, erklären den blinden und sehbehinderten Teilnehmern auf dem weiteren Weg, wie man sich in Gegenwart einer Biene am besten verhält. „Ruhe bewahren“, lautet die wichtigste Botschaft. Denn eine Biene steche nur dann, wenn sie sich bedroht fühlt, betont der Institutsleiter. Die Biene abzuwehren ist also die schlechteste aller Lösungen. Im Gegensatz zu Wespen interessieren sich Bienen aber ausschließlich für Nektar und Pollen. „Ob es sich bei dem summenden Insekt in Ihrer Nähe, um eine Biene oder Wespe handelt, erkennen Sie im Zweifelsfall daran, ob es Ihr Obst- oder Kuchenstück oder Ihren blühenden Blumenstock umkreist“, sagt Prof. Grünewald halb ernst, halb heiter. August ist übrigens Wespenzeit. Denn in dieser Zeit benötigen die Insekten dringend Kohlenhydrate, also Zucker, nachdem sie sich in den vorangegangenen Wochen um die Aufzucht der Brut und deren proteinreiche Nahrung bemüht hatten.
Im weiteren Verlauf der Führung lernen die Teilnehmer wie Bienen „wohnen“: Sophie Himmelreich geht auf einen Holzkasten zu. In diesem, Magazin genannten, Kasten kommen die senkrecht verlaufenden Waben zum Vorschein, deren Struktur und Dimension die Teilnehmer ertasten. „Nun aber zu den echten Bienen“, spornt Sophie Himmelreich die Teilnehmer an und hat bereits den Raucher angezündet, mit dem die Bienen besänftigt werden. Die meisten Teilnehmer haben sich bereits die bereitgestellten Imkeranzüge übergestriffen, denn wie sich der Stich eine Biene anfühlt, möchte man doch lieber nicht am eigenen Leib erfahren. Aus dem Bienenkasten wird eine Honigwabe herausgezogen, die Bienen mit einem Besen heruntergefegt. Wer möchte, kann jetzt frischen Honig direkt von der Wabe probieren. Eine sehbehinderte Teilnehmerin, traut sich und ist sehr angetan vom Geschmack des Honigs. Angst habe sie keine, sie wisse ja jetzt, dass sie einfach nur ruhig bleiben müsse, wenn ihr eine Biene zu nahe käme. Zum Schluss lernen die Teilnehmer im Schleuderraum, wie der Honig ins Glas kommt.
Die beiden Initiatoren sind mit dem ersten gemeinsamen Projekt zufrieden: „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, blinden und sehbehinderten Menschen Welten zugänglich zu machen, die sie sonst eher nicht erleben könnten. Etwa durch spezielle Führungen wie diese. Das ist uns heute sehr gut gelungen“, betont Franz-Josef Esch. „Das Institut wiederrum konnte vermitteln, dass Bienen keine Plagegeister sind, sondern in der Natur eine wichtige Funktion übernehmen, die über das Liefern von leckerem Honig hinausgeht: Sie sind für die Bestäubung der Pflanzen unerlässlich und spielen damit auch für Ernteerträge und letztlich unseren Speiseplan eine große Rolle“, fasst Prof. Grünewald zusammen.












