(openPR) Seit der Geburt meiner Tochter vor 8 Jahren ist es sehr schwer wieder in ein geregeltes Arbeitsverhältnis zu finden, welches sich finanziell und/oder mit der Familie vereinbaren lässt. Nach unzähligen Anläufen habe ich mich entschlossen es selbstständig in meinem erlernten Beruf als Gastronomin (Hotelfachfrau) zu versuchen. Mit einer kleinen Cocktailbar. Eine ganze Weile ging es prima, meine Familie konnte davon (über)leben.
Der Einbruch der Finanzkrise machte aber aus unseren Gästen plötzlich Kurzarbeiter und spätere Arbeitslose, aus allen Beschäftigungsebenen. Aufgrund fehlender Rücklagen die einfach vorher nicht zu erwirtschaften waren, konnte ich diesen Einbruch leider nicht auffangen und musste kurzerhand die kleine Bar schließen und wieder einmal bei der ARGE vorsprechen.
Inzwischen ging meine Tochter zur Schule. Das das Bildungssystem dieses Landes chaotisch und unstrukturiert ist und die einzelnen Bildungseinrichtungen kaum Geld zur Verfügung haben war mir seit Jahren bekannt. Doch das die Realität noch viel irrsinniger, unlogischer und vor allem bildungshemmender ist als befürchtet, durfte ich nun erfahren.
Seit einiger Zeit gibt es an dieser kleinen „Dorf“-Schule (ca. 150 Grundschüler) eine tolle Schulbücherei. Selbst die lokale Presse berichtete ausführlich über die Eröffnungsveranstaltung. Doch was danach mit solchen Einrichtungen passiert scheint niemanden mehr zu interessieren. Wer verwaltet diese Bücherei? Wer öffnet sie, organisiert neue Medien und achtet auf das vorhandene Material? Wer hat oder nimmt sich die Zeit für die Schüler, ihnen den Umgang mit den Medien zu erklären? Die Lehrer sind doch schon mit der Erfüllung des chaotischen Lehrplans wenn nicht überlastet so doch wenigstens voll ausgelastet. Bleiben also die vielen fleißigen Helfer aus den Reihen der Elternschaft. Ehrenamtlich – versteht sich!
Was aber nun wenn sich in der kleinen Elternschaft aus den unterschiedlichsten Gründen niemand findet der auch nur annähernd regelmäßig eine solche Tätigkeit übernehmen kann? Tja, dann bleibt die tolle Errungenschaft und das viele investierte Geld in Einrichtung und Medien einfach brach liegen, die Bücherei geschlossen und die interessierten Kinder traurig in der Wirklichkeit des Lebens zurück. Das dies bei weitem kein Einzelfall ist durfte ich in den kommenden Wochen, während meiner Bemühungen einen Bürgerarbeitsplatz zu schaffen, erfahren.
Da ich seit der Schließung meiner Bar wieder zu Hause war, hatte ich Zeit um mich als ehrenamtlicher Helfer für ein solches Schulprojekt einzusetzen. Was ich auch sehr gerne tat. Schließlich hatte ich nicht nur etwas sinnvolles zu tun und konnte sogar noch annähernd berufsorientiert arbeiten sondern auch den Kindern war geholfen und diese nutzen die Möglichkeit ausgiebig!
Während dieser Zeit verabschiedete die Bundesregierung das Projekt „Bürgerarbeit“. An sich eine tolle Sache, wenn man nicht genauer hinter die Kullisen schaut. Selbstverständlich wurde ich nach 3 monatiger „Langzeitarbeitslosigkeit“ in dieses Projekt aufgenommen. Die Sammelveranstaltung in der das Projekt vorgestellt wurde war gut besucht und die Idee hörte sich auch erst einmal gar nicht so schlecht an. Neue Arbeitsplätze schaffen und dem potentiellen Arbeitgeber auch noch Geld (Fördergelder) mitbringen, da sollte doch etwas draus zu machen sein. Kurzerhand entschloss ich mich der Schule meiner Tochter dieses Projekt vorzustellen. Neben der Tätigkeit in der Bücherei gab es sicherlich auch noch andere Tätigkeiten an der Schule die aus Zeit- oder Geldmangel nicht durchgeführt wurden. Da sollte es doch möglich sein einen Arbeitsplatz für 20 oder 30 Stunden die Woche einrichten zu können. Zudem könnte ich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Der Schule wäre geholfen, ich hätte einen erfüllenden neuen Arbeitsplatz den ich mit den Bedürfnissen meiner Familie vereinbaren kann und für die Bildung und Freizeit der Kinder wäre auch etwas in die richtige Richtung getan. Naja gut Geld kann man ja bekanntlich nie genug haben, das Gehalt aus der Bürgerarbeit wäre zumindest ein Anfang, ausbaufähig sozusagen. So dachte ich damals, naiv wie man ja manchmal ist.
Also frisch ans Werk und gleich die Gruppenleiter des Projektes „Bürgerarbeit“ auf Informationsmaterial angesprochen, welches ich weiter geben wollte. Und da kam schon das erste Hindernis, es gab noch kein gedrucktes Material und nur auf irgendwelchen hinteren Webseiten der Ministerien konnten man mehr erfahren, wenn man das juristisch-politische Kauderwelsch denn dann verstand. Auch die Gruppenleiter des Projektes wussten eigentlich noch nicht genau wie das alles ablaufen sollte und würde. Nur die Eckdaten die man uns an diesem Tag vermittelt hatte waren bekannt. Ich sollte mich noch ein wenig Gedulden und später noch einmal nachfragen, man würde sich das Interesse allerdings notieren.
Zu Hause setzte ich mich gleich an den PC und schaute mir die Webseiten der Ministerien an und druckte fleißig Informationsmaterial selber aus. Mit diesem Material ging ich am nächsten Tag in die Schule um nachzufragen, ob denn überhaupt Interesse an einem solchen Projekt bestünden und ich wurde mit offenen Armen empfangen. Selbstverständlich ist man sehr interessiert und wird sich sofort mit den zuständigen Behörden in Verbindung setzen. Für den Moment zufrieden kehrte ich nach Hause zurück und freute mich bald wenigstens in einem Bürgerarbeitsplatz zu arbeiten, der wirklich etwas bewirken kann und nützlich ist.
Die Wochen vergingen ohne das ich (oder sonst einer der Beteiligten) irgendwelche weiteren konkreten Auskünfte erhalten konnte. Die Schulleiterin hat inzwischen mit dem Schulamt gesprochen und auch mit der Kreisverwaltung. Beide sehen sich außerstande einen Arbeitsvertrag auf Grundlage der Bürgerarbeit einrichten zu können. Das Budget der Schule darf nicht genutzt werden um die anfallenden zusätzlichen Personalkosten dieses Arbeitsplatzes zu decken. Die 3-jährige Laufzeit der Verträge steht ebenfalls häufig im Weg. Ich in meiner Naivität der Rechtssprechung bin immer davon ausgegangen, es sei positiv das der Vertrag eine Laufzeit von 3 Jahren hat, denn damit ist die Finanzierung/Förderung für 3 Jahre gesichert. Nur das ein 3 Jahres-Zeitvertrag eigentlich rechtswidrig ist und somit in einen unbefristeten Vertrag übergeht war mir so nicht klar. Logisch findet sich dann niemand der diesen Vertrag so ausstellen möchte, wer finanziert die Arbeitskräfte nach Ablauf der 3 Jahre? Soll sich die Finanzlage der Kommunen, Bildungs- und sozialen Trägerschaften (in denen die meisten Bürgerarbeitsplätze liegen) in 3 Jahren so drastisch verbessern das die Bürgerarbeitsplätze dann plötzlich alle aus der eigenen Tasche als reguläre Arbeitsplätze des ersten Arbeitsmarktes finanziert werden können? Woher soll denn dieser Geldsegen bitte kommen? Wenn das Geld da wäre, würde es diese Arbeitsplätze doch schon längst geben.
Seit nunmehr 10 Monaten kämpfe ich bisher leider erfolglos gegen bürokratische Windmühlen. In der Zwischenzeit bekam die zuständige Behörde einen neuen Namen, das Briefpapier ein neues Logo, mein zuständiger Sachbearbeiter wechselte drei mal und zog mit seinem Büro in die Kreisstadt, knapp 40 km weiter, und das Schuljahr ist inzwischen ebenfalls beendet. Ich selbst hatte noch 4 Termine bei jeweils eben jenen unterschiedlichen Sachbearbeitern in dem immer das selbe festgestellt wurde „eigentlich sind sie zu gut qualifiziert um sie in einem Bürgerarbeitsplatz zu besetzen“ (4 Sachbearbeiter und 1 Ergebnis – wow) und bekam als krönenden Abschluss und Nachweis der chaotischen Zustände vor 8 Wochen eine Ersteinladung in das Projekt Bürgerarbeit, in dem ich ja schon seit 10 Monaten integriert und registriert bin!?
Auch die persönliche Vorsprache bei der Kreisverwaltung, die für die Schulbüchereien verantwortlich ist und für diese auch eine extra Abteilung und Angestellte haben, brachte mir nur den Hinweis, die Anfrage bezüglich eines Bürgerarbeitsplatzes liegt bei der Rechtsabteilung. Selbstverständlich wäre man sofort bereit Bürgerarbeitsplätze zu schaffen, denn Personalmangel in diesem Bereich ist leider Normalzustand. Man bräuchte dringend zuverlässige Helfer und qualifiziertes Personal, doch müsste man sich an die Tarifverträge halten, und diese lassen Bürgerarbeitsverträge wohl scheinbar nicht zu! Allerdings das Geld für die tariflichen Arbeitsplätze fehlt komplett. Die Rechtsabteilung prüft das zur Zeit, ist aber auch ziemlich ausgelastet so das ein Ergebnis noch auf sich warten lässt.
Gut, ich denke, aufgrund der Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten Wochen und Monate, das Ergebnis der Prüfung der Rechtsabteilung inzwischen zu kennen. Erschreckend war allerdings die Erkenntnis aus dem letzten Gespräch bei der Kreisverwaltung, das diese Defizite ca 2.500 Schüler allein in meinem unmittelbaren Umkreis betreffen. Vermutlich sogar mehr da ich ja gezielt nur nach 4 bestimmten Schulen gefragt habe. Es ist Schade das den so begrenzten Möglichkeiten auch noch so viele Steine in den Weg gelegt werden, das eine Ausführung so gut wie unmöglich ist. Gibt es denn wirklich niemanden der einen Arbeitsvertrag für diese zusätzlichen Tätigkeiten in Bildungseinrichtungen ausstellen kann? Ich würde auch einen „ganz normalen Arbeitsvertrag“, ohne Bürgerarbeit und gern zu tariflichen Konditionen unterschreiben, daran soll es sicherlich nicht scheitern!
Noch habe ich nicht ganz aufgegeben, doch die Zeit wird langsam knapp. Zum einen endet die Frist zur Einreichung der Antrage auf einen Bürgerarbeitsplatz im Oktober diesen Jahres, zum anderen werde ich mich demnächst auf andere Bürgerarbeitsplätze in anderen Einrichtungen bewerben müssen, da ich befürchte auch weiterhin keinen flexiblen Teilzeit-Arbeitsplatz des ersten Arbeitsmarktes finden zu können.
Ich sehe in meinem Beispiel meine zukünftige Tätigkeit wie folgt: ein Bürgerarbeitsplatz in einem Altenpflegeheim, bei dem ich den Bewohnern helfe ihre Zimmer zu dekorieren, Einkäufe zu erledigen, Spielenachmittage vorzubereiten etc. etc. Auch diese Arbeit ist sicherlich wichtig und aufwertend für die jeweilige Einrichtung, doch wo bleibt unsere Jugend dabei und meine persönliche Befriedigung durch nützliche Arbeit? In 3 Jahren sehe ich mich wieder an der selben Stelle wie vor 10 Monaten, lediglich meine Tochter geht dann inzwischen auf eine weiterführende Schule deren Schulbücherei den Schülern noch immer unregelmäßig bis gar nicht zur Verfügung steht, das Lehrpersonal völlig überlastet und die Schüler total überfordert sind. Aber so ist es ja scheinbar gewollt!?
Abschließend möchte ich betonen, das ich keinem der beteiligten Sachbearbeiter des Jobscenters, der Schulbehörde oder des Kreises einen Vorwurf mache. Sie leisten sicherlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste in diesem chaotischen und undurchsichtigem System und Paragraphendschungel.
Vielmehr mache den Politikern den Vorwurf ihre Arbeit nicht korrekt auszuführen und ihre Verantwortung für die Gesellschaft nicht ernst zu nehmen. Wer Gesetze oder Projekte verabschiedet und dann den ausführenden Behörden und Mitarbeitern nicht erklärt wie diese Gesetze und Projekte ausgeführt werden sollen oder können, geschweige denn rechtliche Grundlagen eingehend prüft ob das Gewünschte überhaupt in der Realität machbar ist, der ist eindeutig fahrlässig tätig und absolut Fehl am Platz!
Nur Lesen und Schreiben zu können reicht eben doch nicht aus um politische Entscheidungen treffen zu können, doch mehr (und auch nur das mehr schlecht als recht) wird heutzutage in den Schulen kaum noch unterrichtet, dank der fehlenden oder überlasteten Lehrkräfte und eines völlig chaotischen, undurchschaubaren Bildungssystems!













