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Tourismus im westafrikanischen Benin - Praktizierte Entwicklungshilfe?

"Hallo Jovo"! Willkommen in Bassanhoue, willkomen im Benin!"

(openPR) Zu Beginn der Geographiestunde der achten Klasse am College von Dogbo, einer Kleinstadt im Süden des westafrikanischen Landes Benin, ist es heute auffallend ruhig. Die Schülerinnen und Schüler erwarten ungewohnten Besuch. Klassenlehrer Arthur Houngbedgi hat vier "Jovos" aus Deutschland in den Unterricht eingeladen. "Jovos", so werden die Weissen im Land Benin genannt, sind immer noch eine Seltenheit in Dogbo: Einige Ärzte aus Europa gibt es zwar, Entwicklungshelfer auch, und Missionare. Die Männer und Frauen, die jetzt auf dem Schulhof stehen und gleich den Klassenraum betreten werden, sind aber nicht beruflich im Land. Sie sind Touristen, und verbringen ihren Urlaub im Benin, dem ehemaligen Königreich Dahomey. Und heute werden sie Arthur Houngbedgi unterstützen, als "lebendes Unterrichtsmaterial" sozusagen, wenn es um die Frage geht, wie es sich so lebt im Land der "Jovos".



Stimmt es, dass es in Deutschland kälter werden kann, als in einem Kühlschrank? Warum schieben die Mütter in eurem Land ihre Kinder in einem Wagen vor sich her und tragen sie nicht am Körper? Stimmt es, dass in Deutschland sogar Tiere zum Arzt gebracht werden, wenn sie krank sind? Die Mädchen und Jungen haben sich gut auf diese Fragestunde vorbereitet. Schon nach wenigen Minuten ist eine lebhafte Diskussion entfacht, von der anfänglichen Scheu den Gästen aus Europa gegenüber ist nichts mehr zu spüren. Und die "Jovos" werden auch mit kritischen Themen konfrontiert. Völliges Unverständnis macht sich in der Schülerschaft breit, als das Thema "Umgang mit alten und kranken Menschen in Europa" zur Sprache kommt. Niemand will akzeptieren, dass es Altenheime geben muss, in denen die Alten ihren Lebensabend verbringen wenn sie - Zitat einer Schülerin: "Den Jungen und Gesunden zur Last fallen". Arthur Houngbedgi ist zufrieden. Er freut sich sehr darüber, dass es an seiner Schule keinen "vorauseilenden Gehorsam" gegenüber Lehrern und auch gegenüber Besuchern aus den einstigen Kolonial Ländern mehr gibt. "Viel zu lange haben die jungen Menschen in unserem Land sich unterwürfig verhalten, Obrigkeiten gegenüber, aber eben auch wenn Weisse zu uns kamen, spielten wir die Rolle des "Entwicklungslandes". Was ein "Jovo" sagt, ist immer richtig und wichtig. Heute beginnen wir, uns kritisch und differenziert mit jenen Kulturen auseinander zu setzen, die uns einst beherrschten. Der Besuch von euch ist da ein gutes Training. Ich hoffe, es kommt immer wieder zu solchen Begegnungen."

Die Sonne ist untergegangen, und auf offenen Feuerstellen schmort das Fleisch von Ziegen und Hühnern. Der Geruch von Gewürzen liegt in der Luft, von Knoblauch und Zwiebeln. Zurück in unserem Dorf Bassanhoue gehen die in der Schule von Dogbo begonnenen Gespräche weiter. "Papa Matäou" hat zum Abendessen eingeladen. Das macht er gerne, wenn Touristen in Bassanhoue sind, denn auch er möchte von den Gästen aus München, Hannover und Münster nicht nur beschaut und fotografiert werden. Papa Matäou heisst in Wirklichkeit Clement. Aber in Bassanhoue wird er jetzt nach dem Namen seines jüngsten Sohnes, Matäou, genannt. "Ich war sofot sehr begeistert von der Idee, in unserem Dorf eine Herberge für Gäste aus Europa zu bauen." Papa Matäou erinnert sich an den Beginn der Bauarbeiten. "Und heute haben wir sogar einen Pool im hier. Unsere Kinder können schwimmen lernen, und in der ganzen Umgebung ist Bassanhoue nun etwas ganz Besonderes."

Das Fleisch in den grossen Töpfen haben wir auf dem Rückweg von Dogbo auf dem Viehmarkt gekauft. Die Kosten dafür teilen sich die Gäste aus Deutschland. Weitere Zutaten, Gewürze, Mais, Cassava und Jams, kommen von mehreren Familien aus dem Dorf, die ebenfalls zum Essen gekommen sind. "Es dürfen halt nicht zu viele Besucher auf einmal in Bassanhoue sein." Clement spricht nun auch die möglichen Gefahren eines Tourismusprojektes in seiner Dorfgemeinschaft an. "Nur wenn es uns auch zukünftig gelingt, im gegenseitigen Dialog mit unseren Gästen zu bleiben, haben wir alle etwas davon."

Serge ist freiberuflicher Reiseleiter im Projekt Explore Bassanhoue. Geboren in einem Dorf, etwa neun Kilometer von Bassanhoue entfernt, studiert er gerade an einer privaten Universität in Cotonou Hotelerie und Touristik. Wenn es seine Zeit erlaubt, sammelt er praktische Erfahrungen im Umgang mit "Jovos" in Bassanhoue und beim Rundreiseprogramm der kleinen Reiseinitiative. "Unsere Besucher leben mit uns fast wie in einer Familie. Wir sind ständig zusammen, erfahren viel von einander. Da bleibt auch mal ein Streit zu bestimmten Themen nicht aus, und das ist auch gut so." Ganz anders gehe es bei den Reiseveranstaltern an voodoo-002.jpgder Küste und in Cotonou zu, erzählt Serge weiter. "Da ist alles viel distanzierter. Touristen, die dort gebucht haben, "konsumieren" einfach das von ihnen bezahlte Programm. Klar, auch sie bringen Geld in unser Land..., und nicht alle Gäste sind bereit, sich so intensiv auf den Alltag der Beniner einzulassen wie unsere das tun. Ich bin aber sehr froh, in diesem Alternativ Projekt mitarbeiten zu können."
Nun kommt Sodabi auf den Tisch, ein im Benin zu zahlreichen Anlässen getrunkener Palmschnaps. Traditionell gibt es nur ein Glas. Langsam macht es die Runde, jeder trinkt daraus. Gegessen wird dann mit den Händen. Papa Matäou hat aber auch Besteck besorgt, für diejenigen, die sich nicht dazu durchringen können, mit den Fingern zuzugreifen. "Natürlich müssen auch wir uns auf die Wünsche und Eigearten unserer Gäste einlassen. Auch wenn es manchmal schwer fällt, alle Verhaltensunterschiede sofort zu verstehen." Ja, diese Art des Reisens sei schon anstrengend. Sylvia und Jörg aus Hannover sind sich einig. "Das muss man nicht jedes Jahr haben. Wir werden Zeit brauchen, um alles zu verarbeiten, wenn wir erst einmal wieder in Deutschland sind."

In zwei Tagen wollen wir mit unseren Gästen Bassanhoue schon wieder verlassen. Dann geht es in den Norden von Benin. Und im Pendjari Nationalpark stehen dann auch endlich Löwen, Elefanten und Antilopen auf dem Programm. Tiere, deretwegen die meisten Afrika Touristen den "Schwarzen Kontinent" besuchen. "Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt Touristen, die wollen mit den Menschen ihres Gastlandes gar nicht viel zu tun haben. Entweder sie liegen den ganzen Tag am Strand und verbrennen sich ihre Haut, oder sie rennen von einem Museum in das nächste, von eine Kirche in die andere." Serge muss nun lachen. "Es gibt schon komische Jovos unter euch."

Informationen zu Reisen in das Land Benin mit Explore Bassanhoue: www.explore-bassanhoue.de

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