(openPR) 1. Wahrheit ist heute ein „Unwort“, das man nicht gerne in den Mund nimmt, wenn man wert darauf legt, ernst genommen zu werden. Denn wer es doch tut, erntet Kritik, gilt als arrogant und intolerant, weil er für sich etwas in Anspruch nimmt, das er scheinbar nicht in Anspruch nehmen kann, weil dazu die menschliche Erkenntnisfähigkeit nicht ausreicht. So erscheint Wahrheit im Diskurs bloß noch in ironischen Anführungszeichen, um der Einschätzung Nachdruck zu verleihen, dass es so etwas nicht wirklich gibt: „Wahrheit“.
Diese Einschätzung hängt mir der neuzeitlichen Fixierung auf das Erfahrbare zusammen (Empirismus), das einerseits den Aufstieg der Wissenschaften ermöglichte, andererseits aber den Glauben an das Absolute und dessen Erkennbarkeit durch eine mit dem Gespür für Objektivität begabte menschliche Vernunft unterwandert hat (Kants Subjektivismus, Nietzsches Perspektivismus), mit dem Ergebnis, dass Wahrheit – wenn es sie denn überhaupt geben soll – dem menschlichen Blick entzogen ist. Das hat, nebenbei bemerkt, dramatische Auswirkungen auf die Grundlegung von Moral und Recht: Es ist kein Zufall, dass gerade Kant zum Ende der Aufklärung diese Sphären, die die (katholische) Naturrechtstradition seit Thomas von Aquin zusammen denkt, voneinander trennt und für Moralität und Legalität unterschiedliche Strategien zur Einsichtnahme in die Geltungskraft ihrer Forderungen (Imperative oder Normen) entwickelt hat, was bis heute dem Ethiker Bauchschmerzen bereitet.
2. Es ist in diesem Kontext wichtig (schon deshalb, weil es den gröbsten Missverständnissen vorbeugt), Wissen von Wahrheit zu unterscheiden bzw. umgekehrt. Natürlich soll Wissen wahr sein, Wissen kann auch helfen, den Weg zur Wahrheit zu gehen, doch Wahrheit ist mehr als wissenschaftlicher Kenntnisstand. Auch das ist in einer wissenschaftsgläubigen Gesellschaft, in der mit nichts besser geworben werden kann als mit dem Prädikat „wissenschaftlich nachgewiesen“, schwer vermittelbar. Längst hat die Wissenschaft intern Begriffe wie Absolutheit, Objektivität und Wahrheit aufgegeben. Das non plus ultra dessen, was Menschen an Gewissheit über Sachverhalte erlangen können, wird mit „intersubjektiv bestätigungsfähig“ auszudrücken versucht. In den „weichen“ Wissenschaften läuft das auf die „herrschende Meinung“ hinaus.
Interessanterweise gibt es nur eines, gegen das sich der moderne Mensch noch mehr sträubt als gegen die Wahrheit: Gott. In der Tat: Wahrheit ist und bleibt unbedingt gebunden an Gott. Wer die Wahrheit aufgibt, gibt Gott auf, wer den Glauben an Gott verliert, kann den Glauben an die Wahrheit nicht aufrecht erhalten. Oder, positiv gesprochen: „Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott.“ (Edith Stein). Robert Spaemann meint mit Blick auf die aufgeklärte Moderne: „Wenn es Gott nicht gibt, sagte Nietzsche, dann gibt es keine Wahrheit, dann gibt es nur die individuellen Perspektiven jedes Menschen auf die Welt, und die Frage nach einer wahren Perspektive stellt sich nicht, denn das wäre die Perspektive Gottes.“
Das einige Wissenschaftler heute meinen, genau diese Perspektive einnehmen zu können, also „God’s view“ (Putnam), durch den „view from nowhere“ (Nagel) auszutauschen, ist Teil einer szientistischen Hybris, mit der epistemologisch nichts gewonnen, ethisch aber viel verloren geht. Beides ist Ausdruck eines Glaubens – an Gott oder eben an die Möglichkeit einer wertneutralen Perspektive. Diese kann es aber nicht geben, denn Wissenschaft selbst bleibt eingebettet in die sie hervorbringende und umgebende Kultur und Gesellschaft, in der sich der kollektive Blick ändert, gelenkt zwar auch durch die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse, vielmehr aber durch den Alltag und die ihn bestimmenden medialen, politischen und ökonomischen Einflüsse, zum Teil auch durch Launen, Eitelkeiten und „Sachzwänge“ innerhalb des Wissenschaftsbetriebs, der weit weniger unantastbar ist als dies die überaus positive Wirkung das Attributs „wissenschaftlich“ suggeriert. Die Tragik: Der epistemologische Relativismus, der aus dem gescheiterten szientistischen Projekt einer wissenschaftlichen Weltsicht folgt, stößt die Tür zum ethischen Relativismus weit auf, weiter als je zuvor, weil die Moderne Werte an Argumente und Wissen und nicht an Autorität und Tradition bindet, also ganz auf eine erkenntnistheoretische Einigung angewiesen ist, nachdem sie eine kulturell-historische Bezugnahme auf eine Wert- und Normbasis im Christentum abgelehnt hat, selbst unter der Bedingung, dass diese als rein funktionalistische „Klammer“ erscheint. Die angestrebte Einigung über die „Einheitswissenschaft“ (Carnap) ist in weiter Ferne, die tradierte „Klammer“ nicht mehr verfügbar – man hatte sie in einem unhinterfragten Fortschrittsoptimismus über Bord geworfen, ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass man keinen adäquaten Ersatz parat hat. Es ist höchste Zeit, in Demut und Bescheidenheit die Differenz von Wissen und Wahrheit einzugestehen, zugleich jedoch darauf hinzuweisen, dass beides möglich und nötig ist: Streben nach Wissen und Suche nach Wahrheit.
3. Momentan ist das aber nicht Programm, im Gegenteil: Der Relativismus ist keine Option, die sich selbst hinterfragt – obgleich er es schon aus logischen Gründen tun müsste, wobei freilich das große Problem auftauchte: „Alles ist relativ!“ ist gerade nicht relativistisch! –, sondern ein nicht mehr hinterfragbares Diskurs-Axiom, ein Zwang, der eine „Diktatur“ (Ratzinger) begründet, deren totalitäre Züge deutlich aufzuweisen sind. Sie äußern sich in gefährlichen „Schweigespiralen“ (Noelle-Neumann), die als bequeme normative Orientierungslinien Ersatzkriterien für den Verlust aufrichtiger Wahrheitssuche liefern und an deren Ende die Frage „Was soll ich denken?“ die Frage „Was denke ich?“ verdrängt hat. Dazu noch einmal Spaemann: „Gerade wenn es keine gemeinsame Wahrheit, keine Einsicht in die Natur des Menschen mehr gibt, dann ist der Streit der Meinungen ein politischer Streit, der nicht mehr darauf zielt, den anderen zu überzeugen, sondern ihn mundtot zu machen. Denn den anderen überzeugen zu können, daran glaubt man gar nicht. Das setzt ja voraus, dass es so etwas wie Wahrheit gibt.“ Zugespitzt: So wie wir in der Epistemologie „Bestätigungsfähigkeit“ für „Wahrheit“ eingesetzt haben, setzen wir in der Ethik „Mehrheit“ für „Wahrheit“ ein. Das ist unbefriedigend und zudem konfliktträchtig, denn unter der Oberfläche des Anything goes! brodelt es weiter.
Wenn wir es so sehen wie Edith Stein, wenn wir die Wahrheit mit Gott identifizieren und die Suche nach Wahrheit zur Gottsuche wird, wenn wir auf Jesus Christus schauen, der sagt, er sei selbst die gesuchte Wahrheit und der gesuchte Gott, dann können und müssen wir den Streit um die Wahrheit überführen in einen Streit um den rechten Glauben. Wir können dann aber zugleich erkennen, dass es keinen Sinn hat, von Religionen zu fordern, ihren Wahrheitsanspruch aufzugeben (wie dies religiös unmusikalische Soziologen wie Ulrich Beck immer wieder tun), ist dieser Wahrheitsanspruch doch konstitutiv für den Glauben. Toleranz zeigt sich dann darin, dass man den Anspruch, an etwas zu glauben, das wahr ist, auch dem Anderen zugesteht, nicht aber darin, der Beliebigkeit zu huldigen und Niemanden mehr zu dulden, der beim Tanz um das Goldene Kalb der Moderne nicht mitmachen will. Nicht die Relativität ist das Problem, die eine inhaltliche Differenz der Wahrheitspostulate zur Kenntnis nimmt, anerkennt und zugleich den Anderen immer wieder dazu auffordert, die von einem selbst vertretene Position zu bedenken (das ist das, was man in der Mission unternimmt), sondern der Relativismus, der von jedem Einzelnen eine Distanz zur eigenen Überzeugung verlangt. Gerade das ist aber nicht möglich, wenn es dabei um eine Religiosität geht, die sich selbst ernst nimmt, erst recht nicht für den Christen, der aufgrund der Selbstoffenbarung Jesu als „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6) ein inniges Überzeugtsein entwickelt, das erst möglich macht, worum es im Glauben wesentlich geht: Vertrauen.
Wichtig ist ohne Zweifel, dass der Wahrheitsanspruch gewaltlos vertreten wird. Im Christentum wird die Wahrheit durch ein Martyrium besiegelt, durch das Urzeugnis für Gott, das dem Opfertod Christi eignet – gewaltloser geht es nicht. Wahrheit ist damit an die Liebe gebunden, Wahrheit ist nur in Liebe wahr. Dass es Zeiten gab, in denen der Blick auf diesen unbedingten Konnex verhüllt gewesen ist und die Kirche durch machtpolitisches Kalkül korrumpiert wurde, schmerzt bis heute. Das ist aber kein Grund, nicht mehr von der Wahrheit zu sprechen, wenn wir von Gott sprechen, denn die Wahrheit besitzt für den Christen Ursprung und Ziel in Gott. Dies in Liebe zu vermitteln, ist und bleibt unsere Aufgabe als katholische Christen.
(Josef Bordat, http://jobo72.wordpress.com)











