(openPR) Viel ist in letzter Zeit von Elite-Internaten die Rede. Nicht selten wird hierbei der Eindruck erweckt, als sei ein mäßiges Abitur an einem der bekannten und sozial exklusiven Nobel-Institute wie Salem, Louisenlund oder Neubeuern dem Einser-Abschluss an einer x-beliebigen Staatsschule vorzuziehen, weil die Internats-Absolventen mit Hilfe von Altschüler-Netzwerken später in bessere berufliche Positionen gelangten.
Mittlerweile wird der Begriff "Eliteinternat" derart inflationär gebraucht, dass er zur Kennzeichnung einer besonders anspruchsvollen Bildungs- und Erziehungsstätte kaum noch brauchbar ist. So benennt ein bayrisches Landerziehungsheim, das sich aufgrund der nachlassenden Qualität der Aufnahmekandidaten genötigt sah, neben einem staatlich anerkannten Gymnasium auch eine genehmigte Abteilung für Schulversager einzurichten, in seiner Werbung eine sonderschulähnliche Intensivbetreuung als Merkmal für ein Eliteinternat. Selbst Spezialeinrichtungen für Teilleistungsgestörte oder Hyperaktive versuchen noch, von dem Elite-Hype zu profitieren. So machte ein Institut in Grafing bei Münchenaus aus den wenig eliteverdächtigen Sorgenkindern, die dort gefördert werden, kurzerhand eine „verhinderte Elite“.
Wer einschlägige Medienberichte über einen längeren Zeitraum verfolgt hat, staunt nicht schlecht. Noch bis Ende des vergangenen Jahrzehnts häuften sich apokalyptischen Szenarien und Skandalberichte, sah die Welt am Sonntag gar den Untergang der gesamten Branche voraus. Internate hatten eine schlechte Presse und genossen einen miserablen Ruf. Doch ganz plötzlich macht die frohe Kunde von einem „Imagewandel“ der Internate die Runde. Aus pädagogischen Lazaretten für die Erziehungsschwierigen und Schulversager, so heißt es nun, seien boomende Eliteschulen geworden, in die die obere Mittelschicht ihren Nachwuchs rette, um ihnen den Niveauverlust im pisa-kranken staatlichen Bildungswesen zu ersparen.
Hinter derartigen Parolen stecken in aller Regel gewerbsmäßige Internatsvermittler, die auf diese Weise die eher mäßige Nachfrage anzuheizen hoffen - natürlich zugunsten der eigenen Provisionseinkünfte. Belege für die karrierefördernde Wirkung einer Elite-Erziehung à la Salem und Co. gibt es indessen nicht. Die Zeiten, da solche Nobelinternate gekrönte Häupter und Industriekapitäne hervorbrachten, scheinen längst Geschichte zu sein. Wer heute nach prominenten Absolventen zum Beispiel des Vorzeige-Internats Schloss Salem am Bodensee forscht, stößt bestenfalls auf ein paar B-Promis oder Künstler, die sich - wie der Buchautor und Schauspieler Jochen Senf (Tatortkommissar Palu) – von dem heutigen Erscheinungsbild ihrer alten Schule distanzieren.
Die edlen Wohnschulen, die sich abstiegsbedrohten Mittelschichtkindern als Karriereschmieden für Globalisierungsgewinnler andienen, sind längst Opfer des globalisierten Wettbewerbs geworden. Die Konkurrenz mit Instituten in England, der Schweiz und in Übersee ist knallhart geworden. In Scharen wandert die angestammte Kundschaft mittlerweile ins Ausland ab, weil dort noch Zucht und Ordnung, ein internationaleres Flair oder einfach nur schülerfreundlichere Anforderungen geboten werden. Zusätzlich verarmt in Deutschland die Mittelschicht. Fast ein Drittel der Salemer Kundschaft kann bereits den vollen Pensionspreis nicht mehr aufbringen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Internat verringert sich stetig. Erst kürzlich trat Salem-Leiterin Haberfellner mit Überlegungen an die Öffentlichkeit, einen Fonds für Kinder zahlungsunfähig gewordener Eltern zu gründen. Das klingt nicht nach Boom. Neugründungen preiswerter staatlicher Internate für Hochbegabte oder hoch Befähigte haben den Druck auf die alten Eliteinternate weiter verstärkt, die im Hinblick auf das akademische Niveau durchweg nicht mithalten können und sich in Neudefinitionen des Elitebegriffs („Verantwortungselite“) flüchten, durch die dieser nahezu beliebig wird. Begabte Mädchen und Jungen, die wirklich „etwas drauf“ haben, stellen sich den Auswahlverfahren in Schulpforta, St. Afra, Schloss Hansenberg oder am Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern.
Wer sich gezielt mit Karriere- und Eliteforschung auseinandersetzt, findet wenig Bestätigung für die Werbeargumente sozial exklusiver Eliteinternate. Ihr aristokratischer Elitebegriff und ihr Netzwerkdenken passen nicht mehr in die Zeit. Ein System von Eliteschulen und –universitäten, über das der Elite-Nachwuchs rekrutiert wird, gibt es in der Bundesrepublik nicht. Längst hat sich daher die Karriereförderung der Wirtschaft internationalisiert. Und im Ausland, dessen Eliterekrutierung hierzulande von falschen Propheten zum Vorbild erklärt wird, denkt man längst über die Öffnung, Erweiterung oder gar Abschaffung elitärer Institutionen nach, weil diese sich als Bedrohung für die Zukunftsfähigkeit der betreffenden Volkswirtschaften erwiesen haben. Die Wissensgesellschaften des 21. Jahrhunderts brauchen nicht eine Elite, sondern viele Eliten. Angesichts des globalisierten Wettbewerbs mit Ländern, die über schier unerschöpfliche menschliche Ressourcen verfügen, müssen die an Einwohnerschwund leidenden westeuropäischen Länder bemührt sein, durch ein breites Bildungsangebot auch noch die allerletzten Begabungsreserven zu mobilisieren: Elite für alle!
















