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Von der schleichenden Verbrachung der Berner Theaterlandschaft

04.05.200517:58 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft

(openPR) Ein paar schnelle Gedanken zur angedrohten Verschränkung von Dampfzentrale und Stadttheater


Plötzlich geht alles sehr schnell. In der Dampfzentrale, einem von den Nachwehen der bewegten 80-er Jahre-Szene erstrittenen Kulturzentrum, soll neuerdings Berns Schauspiel stattfinden. „D’Wäut schteit uf em Chopf“ war die Botschaft, mit der damals Züri West den Hansdampf in die noch rauen und ungepflegten Turbinen- und Kesselräume entliessen.



Rechtzeitig zum 18. Geburtstag der legendären Besetzung im Mai 1987 wird die Dampfere unerwartet beschenkt: Die Neubesetzung von Betriebsleitung an der Aare und Intendanz am Kornhausplatz wird zum Anlass genommen, alte Ideen wiederauferstehen zu lassen: Das seit Jahren serbelnde Berner Schauspiel soll ein eigenes Haus bekommen. Mit Strukturkorrekturen soll ein weiteres Mal versucht werden, alten Wein in neue Flaschen zu füllen. Die Welt steht auf dem Kopf. Noch immer.

Angeregt wurde die momentane Raum- und Geldsorgendiskussion von jenem Mann, der seit nunmehr 14 Jahren mit Erfolg verhindert, dass im Zusammenhang mit dem Schauspiel des Stadttheaters auch nur ansatzweise über Inhalte, politische Ausrichtung oder Gesellschaftsrelevanz gesprochen wurde. Diese Auseinandersetzung findet in Berns Theaterlandschaft vor allem im Schlachthaus statt und von der leidenschaftlichen und klugen Leitung des Festivals .

Man wird, daran besteht kein Zweifel, Beatrix Bühler, Sandro Lunin, Reto Clavadetscher und einigen Exponent/innen der von Intendant Gramss zweckdienlich als ‚talentiert’ bezeichneten freien Szene versichern, dass die Dampfere auch unter dem Dach eines vorläufig nicht näher definierten festivalkompatibel und gastspielfähig bleibe. Man wird dies gutgläubig annehmen, mit dehnbaren Begriffen in einer Leistungsvereinbarung festschreiben und anschliessend zur Tagesordnung übergehen.

Die Dampfzentrale war in den vergangenen Jahren in verschiedner Hinsicht keine blühende Frühlingswiese. Genauso wenig war sie ein im Zusammenhang mit dem unfreiwilligen Abgang von Christoph Balmer aber der gern beschriebene Gemischtwarenladen auf desolatem Niveau. Sie war u.v.a. Austragungsort von Blickfelder, Afrique Noir, Ya’salam!, Theaterfrühling, Tanztagen, auawirleben, Steps, Clubnächten, Festen. Das Potential und die Bedeutung dieses Zentrums wird, man darf dies aus den reanimierten Fusionsplänen schliessen, mehr als unterschätzt: Es wurde bislang, nimmt man die Subventionsbereitschaft der öffentlichen Hand als Massstab, schlicht ignoriert. Ein paar in ihren Konsequenzen unbedachte Intendanten-Bemerkungen zur Auslagerung einer Sparte kann dies in wenigen Tagen ändern.

5 Millionen Franken kostet ein stadtschauspielgenehmer Umbau des Hauses, so eine Schätzung im vergangenen Jahr, als die Fusion von Dampfzentrale und Stadttheater noch aus gutem Grund verworfen wurde. Dies wäre, wird frohlockt, die Basis, um in Bern endlich auch Schiffe zu bauen. In Anbetracht des Leistungsausweises derjenigen Institution, deren Begehrlichkeit in absehbarer Zeit ein für Berns Kulturleben wichtiges Zentrum zu schleifen droht, ist dies ein seltsamer Vorgang. Erstaunlich ist auch, dass die Stadt, deren Geduld und Langmut durch die hartnäckige Nicht-Entwicklung am Kornhausplatz offenbar noch nicht ausreichend strapaziert wurde, dieses Ansinnen stützt.

Als Meret Matter und Samuel Schwarz kürzlich auf einer schlecht, weil parteiisch moderierten Podium im Schlachthaus Theater die Frage nach der Kompetenz der Findungskommission für die zu besetzende Intendanz stellten, taten sie in der Art und Weise, wie das geschah, den Anliegen und Hoffnungen einer engagierten Theaterszene zwar keinen Gefallen. Die zwei teilweise gehässigen und streitkulturlosen Diskussionsstunden aber machten immerhin deutlich, wo hinsichtlich der Situation am Stadttheater im Moment tatsächlich und einigermassen dringlich Handlungsbedarf besteht. Es sind nicht primär Strukturprobleme, es sind der hinsichtlich Transparenz, Kommunikation und Gesprächsbereitschaft hoffnungslos überforderte Verwaltungsrat und eine ideen- und visionenarme Findungskommission, die keine vermittelbaren Vorstellungen hat, wer die jährlich über 20 Kulturmillionen unter welchen Prämissen verwalten oder besser: künstlerisch nachhaltig investieren soll.

Die vorschnelle Überantwortung der Dampfzentrale an ein bislang in keiner Weise skizziertes Vorhaben entspricht einem nicht sehr verantwortungsbewussten Umgang mit der andernorts gerne zitierten Hauptstadtkultur. Vielmehr bedeute dies purer Opportunismus und damit die schleichende Verbrachung der Berner Theaterlandschaft. Das Schauspiel am Stadttheater soll seine Chance nutzen dürfen. Dafür hat es Geld und Räume. Was es zudem braucht, sind Innovation und Phantasie. Das Fehlen dieser Kompetenzen an Strukturen festzumachen, ist billig und letztlich nur geeignet, sich in Huhn oder Ei-Querelen zu ergehen.

Die Dampfzentrale ist weiterhin und verschärft profilfähig. Das wollte der Vorstand mit der Besetzung eines neuen Betriebsleiters beweisen. Es wäre klüger, diesen Versuch ideell und materiell zu stützen als Hand zu bieten für die in ihrer Konsequenz zweifelsohne unfreundliche Übernahme des Berner Schiffbaus durch eine Handvoll hinsichtlich ihrer Seetauglichkeit mehr als zweifelhafter Kapitäne.

Was hier nahe in den Bereich von Polemik rückt, hat seinen Ursprung nicht in einer grundsätzlichen Ablehnung neuer Konzepte und frischer Ideen. Vielmehr hat es zu tun mit einem beträchtlichen Unbehagen ob der Art und Hauruck-Weise, wie in den vergangenen Wochen und Monaten die Kommunikation der Besetzung wichtiger Entscheidungsträger geradezu verschlampt und die Mitbetroffenheit weiter Kreise ignoriert wurde. Ignoranz statt Sorgfalt, Geheimnishuberei statt Transparenz, Realitätsferne statt Aufmerksamkeit: Dies ist nicht vertrauensfördernd oder ermutigend.

Die kommenden Argumente der Übernahme können unschwer vorausgedacht werden. Man wird beruhigen, beschwichtigen, später abfinden und trösten. Vagheit und Unverbindlichkeit werden mithelfen, die Angelegenheit aussitzenderweise in die gewünschte Richtung zu bewegen. Diese Perspektive ist entschieden unerfreulich: Bevor nicht der wirkliche Tatbeweis eines ernsthaften und sorgfältigen Dialogs geleistet ist, sind den fusionswilligen Anstrengungen mit der gebotenen Vorsicht zu begegnen und diffuse Konzepte abzulehnen.

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