(openPR) Sechzig Minuten haben die Kinder gebrütet und ihr Bestes gegeben. In Deutsch, Englisch, Französisch, Mathe und den drei Naturwissenschaften. Seit Beginn des Jahres haben unzählige Kinder auch in NRW Kreuzchen gemacht, gerechnet, gelesen und damit ihr Wissen dokumentiert. 1.466 Schulen in 16 Bundesländern haben damit das statistische Zahlenmaterial geliefert, das nun in der gerade diskutierten Schulstudie vorliegt.
Während sich Bayern und Baden-Württemberg als klare Sieger der Studie auf die Schultern klopfen, gucken die Bundesländer im Osten in die Röhre. Denn ihnen werden die größten Wissensdefizite bei ihren Schülern bescheinigt. Was den Wissensstand angeht, liegen sie um eineinhalb Schuljahre auseinander. Auch NRW liegt in vielen Teilbereichen - so z.B. in Orthografie unter dem Mittelwert. Grundsätzlich sind die Mädchen die Gewinner - sie zeigen deutlich bessere Ergebnisse als die Jungen, die gymnasiale Bildung hat sich in allen Ländern deutlich verbessert und liegt über dem Mittelwert, der vorgegeben war. Und es sind soziale Unterschiede, die zu Unterschieden in der Bildung der Kinder beitragen. Kinder mit Migrationshintergrund haben es besonders schwer. Alles in allem ist das nichts wirklich Neues.
„Ein verfälschtes Bild“
„Was allerdings überhaupt keine Berücksichtigung fand, sind die Schülerinnen und Schüler, die lediglich einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Abschluss anstreben“, kritisiert Anne Hochkamer, Bildungsexpertin aus dem Vorstand der dbb jugend nrw. Genau dahin, wo Bildungsnotstand herrsche, sei nicht hingeschaut worden. Alles, was nun der Schulvergleich über Ländergrenzen hinweg zeige, sei ein Bild der oberen und mittleren Bildungsschicht. „Ein verfälschtes Bild“, so Anne Hochkamer. Sie warnt darum davor, pauschale Urteile zu fällen und Ländern, die nicht so gut abgeschnitten haben, zu empfehlen, sich einfach an den im Test guten Ländern zu orientieren.
Finanzierungsdilemma kündigt sich an
Seitdem die Schulstudie auf dem Tisch liegt, wird Bundesbildungsministerin Annette Schavan nicht müde, die Länder vor Einschnitten im Bildungsbereich zu warnen. Zwar hat sich seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2001 etwas getan, doch ist das Bildungsgefälle zwischen den Ländern immer noch groß. Und nicht nur die Länder tun sich mit weiteren Investitionen schwer. Besonders die Kommunen haben vielerorts die Kämmerer auf die Kassen gesetzt, um drin zu halten, was geht. Nach weiteren Investitionen riecht das ganz und gar nicht. Dennoch erscheint es auch nach dem soeben erschienen Bildungsbericht 2010 plausibel und nachvollziehbar, dass die Ministerin das Niveau an den Schulen weiter anheben will. Dies müsste weitere Investitionen mit sich bringen. Ein Finanzierungsdilemma kündigt sich an.
„In NRW wäre es zudem sehr wichtig, eine schnelle und umfassende Reform im Bildungswesen auf den Weg zu bringen“, fordert Anne Hochkamer für die dbb jugend nrw. Seit der ersten Pisa-Studie werde immer nur angepasst und im Stückwerk verändert. Doch den weiten Wurf bringe das nicht. „Bislang ist nur viel Unruhe in die Schulen gekommen“, so Hochkamer. Mal gab es Kopfnoten, mal wieder nicht, dann waren die Lehrpläne im Visier. Alles in allem waren immer nur kleine Ausschnitte im Blickfeld.
Zu unterschiedliche Schulorganisation
Ein Kernpunkt der Kritik bleibt außerdem, dass es mit den Vergleichen zwischen den Ländern hinkt. Französisch wurde lediglich in sechs Ländern getestet, da nur diese Länder eine ausreichend hohe Zahl an Schülerinnen und Schülern aufweisen, die in der Sekundarstufe I Französisch als erste Fremdsprache lernen. Das geht aus einer Information der Kultusministerkonferenz hervor. Dennoch wird verglichen, was nicht zu vergleichen ist. Obwohl selbst die Kulturministerkonferenz in einer Stellungnahme einräumt: „Ein systematischer Vergleich der Schularten über alle Länder hinweg ist aufgrund der Besonderheiten der Schulorganisation und der unterschiedlichen Bildungsbeteiligung nur für das Gymnasium möglich.“
Was passiert in NRW?
Der Blick in die Zukunft zeigt: Auch wenn die Länder keine wirklich vergleichbaren Schulsysteme haben, werden Vergleiche gezogen. Die Kultusministerkonferenz sieht sich da auf dem richtigen Weg: Es soll weiterhin getestet und geprüft werden, gemessen an den Bildungsstandards, die vorgegeben werden. Die festgelegten Standards sollen in die Unterrichtsentwicklung eingebracht werden, das finden alle Länder gut. Doch was das für NRW bringt, ist derzeit nicht klar. Es gibt momentan keine Reform und würde es die geben, wäre der Makel der Finanzierbarkeit noch da. „Wir hoffen, dass in einem ersten Schritt zunächst einmal wirklich die Experten mit an den Tisch kommen, also auch unsere Lehrerverbände“, betont Anne Hochkamer. Reine Ministerialentscheidungen können den Kindern unseres Landes nicht helfen.










