(openPR) Reo-Viren wirken nicht nur im Experiment zytotoxisch sondern eignen sich auch für die Therapie humaner Malignome: Kanadische Forscher, die 6 Patienten Reo-Viren in Prostatakarzinome injizierten und später die Malignome operativ entfernten, wiesen bei der histologischen Untersuchung der Tumore eine erhebliche Antitumor-Aktivität der Viren nach.
Der Einsatz viraler Vektoren zum Abtöten von Krebszellen mit Hilfe genetischer Veränderungen ist in den letzten beiden Jahrzehnten intensiv erforscht und viel diskutiert worden. Bis diese Therapie in die Praxis eingeführt werden kann, wird es jedoch noch einige Zeit dauern. Die zweite Option, onkolytische Viren, die sich in der Krebszelle vermehren und dadurch direkt den Tod der Malignomzellen verursachen, macht zwar weniger Schlagzeilen, hat es aber schon bis in die Phase II der klinischen Forschung geschafft – mit sehr guten weiteren Aussichten.
Aktiv bei Lungenkrebs
Reo-Viren sind eine weit verbreitete, für Menschen relativ gutartige RNA-Viren-Famile. Diese Viren sind für die Krebstherapie interessant, weil sie bevorzugt maligne veränderte Zellen angreifen und abtöten, gesunde Zellen aber kaum schädigen. In vitro-Experimente geben Anlass zu großen Hoffnungen. Der Stamm ReoT3D zeigte gegen 7 von 9 geprüfte Lungenkrebszelllinien (NSCLC-Zellen) starke zytotoxische Effekte. Darüber hinaus wirkte ReoT3D mit den Standardzytostatika Cisplatin, Gemcitabin und Vinblastin synergistisch – aber nur in NSCLC-Zelllinien, die für diese Chemotherapeutika empfindlich waren. Die synergistische Wirkung von ReoT3D und Paclitaxel war dagegen unabhängig von der Empfindlichkeit der NSCLC-Zelllinie gegenüber einem der beiden Therapeutika. ReoT3D plus Paclitaxel führten in vitro zu verstärkter ADP-Ribose-Polymerase-Spaltung und einer erhöhten Caspase-Aktivität – beides Anzeichen für eine Apoptose-Induktion.
Intravenöse Reo-Virus-Injektionen relativ gut verträglich
Inzwischen wurde ReoT3D auch in humanen Phase I-Studien untersucht. 33 Patienten mit verschiedenen fortgeschrittenen Malignomen vertrugen die intravenösen Virus-Injektionen (alle 4 Wochen 5 Tage lang je eine Injektion) relativ gut. Grad 4-Toxizitäten wurden nicht beobachtet. Die häufigsten unerwünschten Reaktionen waren Fieber, Müdigkeit und Kopfschmerzen (alle Grad 1-2). Die Studie zeigte außerdem, dass nach intravenöser Injektion ausreichende intratumorale Viruskonzentrationen erreicht werden. Alle Patienten bildeten neutralisierende Antikörper. Radiologische Untersuchungen und Bestimmungen von Tumor-Markern (CEA, PSA etc.) bestätigten die Antitumoraktivität der Viren.
Prostatakarzinom: Die größten Fortschritte
Das Prostatakarzinom gehört zu den wichtigsten Zielerkrankungen der onkolytischen Virustherapie. Bis Ende 2009 wurden 6 klinische Studien zum Einsatz onkolytischer Viren bei diesem Karzinom publiziert. Bei 58 % der 83 in diesen Studien behandelten Patienten fiel das Prostataspezifische Antigen um mehr als 25 % ab, ohne dass schwere Toxizitäten beobachtet wurden.
Als sehr viel versprechend erwies sich auch die intratumorale Reo-Virus-Injektion, die kürzlich bei 6 Patienten getestet wurde. Die Nebenwirkungen waren minimal und die histologische Analyse nach der Prostatektomie zeigte eine signifikante CD8-Zellinfiltration der Injektionsgebiete und wies eine erhöhte Caspase-3-Aktivität nach.
Noch ein weiter Weg bis in die Klinik
Die durchgeführten Phase I-Studien sind die Basis für die weitere Erforschung der Reo-Viren in Phase II- und Phase III-Studien. Diesen Studien müssen noch zahlreiche offene Punkte, wie z.B. die optimale Dosis, die Therapieintervalle und die Langzeitverträglichkeit klären. Weiterhin ist es erforderlich, die Wirksamkeit mit der Standardtherapie des Prostatakarzinoms zu vergleichen und zu untersuchen, in welcher Form onkolytische Viren in die aktuellen Therapieschemata integriert werden können.
Quellen:
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