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Lesung mit Joachim Gauck in Rostock

26.01.201017:51 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Lesung mit Joachim Gauck in Rostock
Joachim Gauck: Winter im Sommer - Frühling im Herbst, 19.01.2010 in der Rostocker Thalia Universitätsbuchhandlung
Joachim Gauck: Winter im Sommer - Frühling im Herbst, 19.01.2010 in der Rostocker Thalia Universitätsbuchhandlung

(openPR) Es ist 19.30 Uhr, als wir die Rostocker Thalia Universitätsbuchhandlung betreten. Noch ein bisschen stöbern? - Bestimmt wird es oben schon voll sein. Bloß nicht die Lesung mit Joachim Gauck verpassen, die um 20 Uhr beginnen soll. Also keine Tour durch die Bücherwelt. Nur noch wenige Plätze sind frei. Minute um Minute füllen auch die sich. Weitere Stühle lässt die Buchhändlerin Evelyn Röwekamp aufstellen, so groß ist der Andrang. Viele Besucher reichen sich die Hände, einige fallen sich in die Arme. Es herrscht Spannung und Unterhaltung, wie im Theater. Das wäre bestimmt auch ausverkauft, sage ich. Mein Nebenmann nickt. Gut 250 Zuhörer halten inne, als Joachim Gauck auf einmal im Raum steht. Dann begleitet ihn Applaus auf dem Weg zum Podest, ganz frei von inszenierten Hochrufen.



Evelyn Röwekamp begrüßt den ehemaligen Bürgerrechtler, der inzwischen in Berlin lebt, mit den Worten: "Heute findet die Lesereihe ihren Höhepunkt gegen das Vergessen. Zudem ist er ein Rostocker Jung." Auch dass Joachim Gauck seit 2003 Vorsitzender des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie" ist, sagt sie. Dann stellt sie ihm eine Flasche Mineralwasser und ein Glas bereit. Für Gauck, der in seinem Buch "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" fast zwei Stunden lesen und einige Male zwischen den Kapiteln reden wird - rhetorisch exzellent - ist diese erfrischende Etikette wohl auch eine Kraftquelle für das Austarieren von Stimme und Emotion.

"Obwohl es die vierte oder fünfte Lesung ist, die ich mache, bin ich aufgeregt", sagt Gauck. Er wollte das Buch nicht machen. Er sei ein Redner. Dennoch hat er seine Erinnerungen zu seinem 70. Geburtstag in Zusammenarbeit mit Helga Hirsch aufgeschrieben. "Wo das alte Leben einen anfasst", in 15 Kapiteln, auf 346 Seiten: "Wo ich her bin ..." (Wustrow); Winter im Sommer ("Sie haben Vater abgeholt"); Gehen oder bleiben; Wege - Suche - Wege (erste Pfarrstelle); Aufbruch in ein Missionsland ("Da zieht Gauck nach Evershagen", O-Ton J. Gauck); Kirche im Sozialismus?; Schwarze Pädagogik in rot; Zum Beispiel; Frühling im Herbst; Volkskammer: frei und frei gewählt; Aufbau ohne Bauplan (Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen); Turbulente Jahre; "Freiheit, die ich meine"; Berlin. Mai (60 Jahre Grundgesetz) und Dank. Die in Klammern eingefügten Hinweise habe ich mir erlaubt.

Joachim Gauck steigt ein: "Ein wenig vom Anfang, etwas vom Ende und auch was dazwischen werde ich lesen." Auch könnte es sein, dass er Abschnitte unterbreche und woanders weiter mache. Zunächst greift er auf einen Ausspruch des Rostocker Schriftstellers Walter Kempowski zurück, der einmal im Westrundfunk sagte, Heimat sei für ihn der "Ort früher Leiden". Joachim Gauck, der "die ersten Erinnerungsbilder", die seine "Seele aufbewahrt", mit seiner Kindheit im Ostseedorf Wustrow verbindet - "ein tröstlicher Bezugspunkt ein ganzes Leben lang" - begriff das Kempowski-Zitat erst zwanzig Jahre später.

Im zweiten Kapitel "Winter im Sommer", das dem Buch den Titel gibt, wird die Distanz der Familie Gauck und ihrer Verwandten zum DDR-System, das ihnen Leid und Unrecht brachte, praktisch besiegelt: "Sie haben Vater abgeholt." - Von zwei Männern der Staatssicherheit. Über zwei Jahre galt er als verschwunden. Auch heute lässt ihn dieser Akt der Willkür und die Odyssee der Familie nicht unberührt. Natürlich hat ihn sein Elternhaus geprägt. Joachim verinnerlichte bereits in der Schulzeit, was für ihn die Worte Anstand, Recht, Moral, Akzeptanz, Wut und Empörung bedeuten.

Allein sein Ferienaufenthalt im Sommer 1955 in Saarbrücken und der eine Tag in der Metropole Paris, als 15Jähriger "aus der mecklenburgischen Provinz" zusammen mit seinem gleichaltrigen Cousin Gerhard aus Güstrow, "war Aufatmen, Freiheit" und für die Jungs "vor allem eine Welt schier unbegrenzter Möglichkeiten". Eine Urlaubsgeschichte. Wie auch die Fahrradtour im Jahre 1956 durch Hamburg und Schleswig-Holstein. Es sei ihm damals nie in den Sinn gekommen, im Westen zu bleiben. Was ihn hielt? Familie, Freunde, Ostsee, Heimat, trotz "konfliktreicher Existenz im Osten".

13. August 1961, Mauerbau. Joachim Gauck liesst den Satz, in dem "die einen den Bau als Triumph" feierten, widerwillig. Dann spricht er mit ruhiger, fester Stimme: "Andere, die meisten, waren bestürzt, erschrocken und wütend über die Anmaßung der herrschenden Clique, die ein ganzes Staatsvolk kurzerhand zu Leibeigenen erklärte." Die Zuhörer erfahren einige Seiten weiter: "Wir waren provinziell geworden ..." Er beschreibt einen sonntäglichen Ausflug in den sechziger Jahren, als er mit seiner Frau und den Kindern auf der Mole in Warnemünde stand. "Hinter uns das bewachte Land, vor uns die bewachte See." Die Gaucks unterdrückten "die Trauer über das Unerreichbare, um sich "mit dem Erreichbaren zu arrangieren". Und doch gab es in der DDR immer wieder Abschiede, auch in der Familie Gauck: Eine seiner Schwestern und drei seiner vier Kinder sind "weggegangen" in den Westen. "Die Zeit des Wartens auf die Ausreisegenehmigung zerrte auch an den Nerven derer, die blieben." Erst im Dezember 1987 durften die Söhne Christian und Martin ausreisen. Hier stockt der Autor, seine Augen sind feucht. Er nimmt einen Schluck aus dem Glas. In dem Lied "Für meine weggegangenen Freunde" von Bettina Wegner habe er die damaligen Gefühle wiederentdeckt.

Gauck wollte Germanistik und Geschichte studieren, doch eine Kommission siebte ihn aus. Auch wäre er gern Journalist geworden. Da er nicht zur Anpassung bereit war, blieben ihm nur drei Wege: eine Lehre anfangen, in den Westen abhauen oder Theologie studieren. Letzteres bevorzugte er, vor allem "aus persönlichen und politischen Gründen".

Die Veränderungen in der DDR beschreibt Joachim Gauck als "Frühling im Herbst". Die St. Marienkirche wurde zum Herz der friedlichen Revolution in Rostock. Tausende strömten zu den Andachten von Joachim Gauck. "Revolutionspfarrer" nannten ihn die Medien. Er engagierte sich im Neuen Forum und er warb für die deutsche Einheit. Am 4. Oktober 1990, einen Tag nach der Einheit, wechselte er vom Abgeordneten im Bundestag in sein neues Amt: "Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die Verwaltung der Akten und Dateien des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit". Gauck dürfte der Parlamentarier "mit der kürzesten Amtszeit im Deutschen Bundestag gewesen sein". - "Aber dieser eine Tag als Abgeordneter des Deutschen Bundestages war mir wichtig."

In "Aufbau ohne Bauplan" beschreibt Joachim Gauck die Etablierung der Stasi-Unterlagenbehörde, die den Auftrag hat, den Opfern Einsicht in die eigenen Akten zu geben, die Strafverfolgung und Rehabilitierung der zu Unrecht verfolgten Personen zu unterstützen, eine Durchleuchtung des öffentlichen Dienstes und des privaten Sektors zu ermöglichen und die Öffentlichkeit über Struktur und Wirkungsweise des MfS zu informieren. Auf den Punkt gebracht: "Politische, juristische und historische Aufarbeitung." Ein Verdienst der "Gauck-Behörde", die trotz vieler Hürden, wie "Schlussstrich-Debatte" und "Deckel drauf"-Strategie, eine gigantische Arbeit geleistet hat.

Der Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen bleibt für Joachim Gauck das große Thema, auch nach seiner Verabschiedung als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Heute ist er Vorsitzender des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie", der an die nationalsozialistischen Verbrechen und an das Unrecht, das unter dem SED-Regime verübt wurde, erinnert und zugleich vor dem heutigen politischen Extremismus in manchen Kreisen mahnt.

Als Joachim Gauck unter Beifall seine Lesung beendet und vom Podest mit Tisch und Stuhl steigt, reihen sich viele in die Schlange ein, um ein signiertes Exemplar mit einer persönlichen Widmung des "Demokratie-Lehrers" Joachim Gauck zu erhalten. Ja, "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" ist ein biografisches Lehrbuch der Demokratie!

Roland Hartig

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