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Selbsthilfe fordert Qualität in der Psychiatrie

22.10.200411:06 UhrGesundheit & Medizin

(openPR) IM GESPRÄCH

Lichtblick-Newsletter sprach mit Ulrike Schob, Vorsitzende des Landesverbandes M-V der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker e.V., über Selbsthilfe, Psychiatrie, Antistigma und ihre Wünsche.


Wozu einen Angehörigenverband psychisch kranker Menschen?



Ulrike Schob: Wir vertreten in M-V die Interessen der Angehörigen und Freunde psychisch erkrankter Menschen. Psychische Erkrankungen sind nicht selten. Familien fragen sich nach der Diagnose: Wie geht es weiter? Was passiert mit dem Kranken? Wie können wir helfen? Dazu bringt der Verband seine Erfahrungen ein. Fakt ist, eine psychische Erkrankung beeinträchtigt nicht nur die Lebensqualität des Betroffenen, auch die Angehörigen werden mit drastischen Einschränkungen konfrontiert. Diskriminierende Reaktionen und ein unübersichtliches Hilfesystem belasten die Familien schwer. Daher ist wichtig, dass Angehörige aufstehen, nach außen wirken, über Gremien vor Ort bis in die Politik hinein.


Wie viele Menschen betrifft es in Mecklenburg-Vorpommern?

Ulrike Schob: Zum Beispiel erkrankt einer von hundert Menschen einmal in seinem Leben an einer Schizophrenie. In Mecklenburg-Vorpommern betrifft es 18 000 Menschen. An einer Depression leiden hier 90 000 Menschen. Für Abhängigkeitskrankheiten, Borderline, Angst und Zwangsstörungen liegen uns keine Zahlen vor. Jeder kann sich aber vorstellen, dass die Familien in diesem Bereich ungeheure Arbeit leisten. Dennoch - die Ursachen für Suizid liegen zu 60 Prozent in Depressionen begründet, zu 20 Prozent in Suchtkrankheiten und zu 10 Prozent in der Krankheit Schizophrenie - ohne, dass die Angehörigen, Partner und Freunde es verhindern konnten. Zudem sagen Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Industrieländer voraus, dass Depressionen nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur zweitgrößten Volkskrankheit werden.


Wo sehen Sie die Brennpunkte?

Ulrike Schob: Angehörige, Kollegen, Freunde, Nachbarn fragen sich: Was passiert mit Menschen, die krankheitsbedingt jede Hilfe ablehnen? Dazu ein Beispiel: Eine besorgte Mieterin sagte uns, dass ihre Nachbarin mit ihrer psychisch kranken Tochter überfordert sei. Auch hier, wie so oft, wird der "Makel", einen psychisch kranken Angehörigen zu haben, mit Schweigen zugedeckt. Eine Therapie lehne die Tochter strikt ab. Ihre nächtlichen Schreie und das Poltern von Möbeln, offenbar Folgen einer wahnhaften Persönlichkeitsstörung, lassen sich aber nicht verbergen. Jetzt droht die Kündigung der Wohnung - es wäre die dritte in zwei Jahren. Auch solche Anfragen nehmen zu: "Wir suchen Hilfe für einen Freund, der seit einiger Zeit arbeitslos ist, und sich in seiner Wohnung einschließt und nicht bereit ist, sich helfen zu lassen. Wie können wir sein Vertrauen gewinnen? Wie können wir ihn dazu bringen, mit uns zu sprechen? Er macht weder seine Wohnungstür auf, noch nimmt er seine Telefonate entgegen. Auch zum Arbeitsamt geht er nicht. Er lebt von seinen letzten Ersparnissen. Was können wir tun?" Freunde fragten hier nach Rat, feiertags, 20 Uhr. Hilfreich wäre in solchen Fällen allemal ein hausaufsuchender Krisennotdienst. Doch statt Krisennotdienste, individuelle Therapien und Rehamaßnahmen einzufordern, diskutiert man unter dem Deckmantel 'Selbstbestimmung' bestimmte Psychiatrische Testamente, Vorsorgevollmachten oder Willenserklärungen, die eine Nichtbehandlung garantieren sollen. Wohin das führt, zeigt die legalisierte niederländische und belgische Euthanasie-Praxis. Dort können auch psychisch kranke Menschen mit fehlendem Lebensmut unter die Euthanasie-Freigabe fallen. Diskussionen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen dürfen nicht auf Kosten von Menschen geführt werden.


Sie fordern also ein Recht auf Behandlung psychisch kranker Menschen?

Ulrike Schob: Ja, wenn beispielsweise ein Mensch zeitweilig krankheitsbedingt im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln völlig zerrissen ist, drohen ihm Schwierigkeiten: beruflich, partnerschaftlich, familiär, nachbarschaftlich, finanziell, gesellschaftlich. Nicht selten vertreten Betroffene die Ansicht, gar nicht krank zu sein. Ohnmächtig anschauen zu müssen, wie ein Mitmensch in die Katastrophe läuft, geht an Angehörigen, Partnern und Freunden nicht spurlos vorbei. Es vergehen oft Monate bis nach gründlicher Untersuchung das erste Mal von einer Diagnose gesprochen wird. Dabei ist es wichtig, dass der Therapeut die Familie miteinbezieht. Experten stimmen mit uns darin überein, dass ohne eine Einbeziehung der Angehörigen in ein langfristig angelegtes Behandlungskonzept alle therapeutischen Bemühungen rudimentär bleiben. Doch es gibt auch Therapeuten, die meinen, die Familie sei am Ausbruch der Krankheit schuld. Damit werden nicht nur Hilfen verbaut, sondern auch dem Betroffenen der letzte Anlaufpunkt genommen. Wenn Familienmitglieder sorgenvoll, ängstlich oder gereizt reagieren, muss man sie aufklären. Die meisten Angehörigen wünschen sich Information, Orientierung und Verständnis, auch um eigene Vorurteile und Unsicherheiten abbauen zu können. Letztendlich dient das Recht auf individuelle Therapie und Rehabilitation von Menschen mit einer psychischen Krankheit auch dem Schutz und Erhalt der Familien.


Neben der etablierten Psychiatrie gibt es einen alternativen Psychomarkt. Ein Problem für Sie?

Ulrike Schob: Wer regelmäßig Medikamente einnehmen soll oder muss, der interessiert sich für alternative Angebote. Gegen seriöse Hilfen ist nichts einzuwenden. Das Problem ist nur, auf dem Psychomarkt werden Angebote zur Heilung durch nicht zugelassene Personen offeriert. Anders ist es bei den Ärzten, die müssen sich nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft richten. Sie müssen den Patienten über Risiken und Nebenwirkungen aufklären. Verstöße regelt das Arzthaftungsrecht. Doch leider gibt es immer noch kein Gesetz, welches den Schutz von Verbrauchern vor missbräuchlicher Anwendung von Techniken auf dem gewerblichen Psychomarkt regelt. In diesem Bereich ist unbedingt die Position der Verbraucher zu stärken. Nicht überall, wo Hilfe draufsteht, ist auch wirklich Hilfe drin!


Was können Psychiatrie und Selbsthilfe nach außen bewirken?

Ulrike Schob: Psychisch Kranke werden in der Öffentlichkeit häufig abgestempelt und ausgegrenzt. Ein Grund sind Fehlinformationen und Vorurteile. Doch der Austausch zwischen den psychiatrisch Tätigen, den Kranken und ihren Angehörigen, seit 1994 als 'Trialog' bezeichnet, nimmt zu. Folglich auch die Wirkung nach außen. Dazu tragen auch Veranstaltungen bei, wie jetzt die 2. Gemeinsame Jahrestagung von Psychiatrie und Selbsthilfe in Mecklenburg-Vorpommern zum Thema "Psychopharmaka - Fluch oder Segen?" am 23. Oktober an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Rostock (Anmeldung unter LApK-Telefon 0381 - 72 20 25). Oder auch die Psychose-Seminare, die dem gegenseitigen Austausch zur Krankheitsbewältigung dienen. Oder der Landesverband Psychiatrie-Erfahrener M-V e.V., der sich als Selbsthilfeorganisation für die Rechte psychisch kranker Menschen einsetzt.

In den Angehörigengruppen geht es darum, eigenes Leid zu begreifen, es anzupacken und abzubauen. Solche Fragen beschäftigen alle: Wie verhalte ich mich richtig? Wohin kann ich mich wenden? Was wird aus unserer kranken erwachsenen Tochter, aus unserem Sohn, wenn wir nicht mehr leben? Ein Problem bei der Gründung von Angehörigengruppen ist, dass besonders Interessierte nicht immer genügend Mitbetroffene finden. Einige wollen sich in ihrer Region nicht offenbaren.

Selbsthilfe läuft auch über das Internet. Dort kann man sich mit seinen Problemen an Selbsthilfegruppen, Verbände oder Kontaktstellen wenden, ohne sich gleich outen zu müssen. Genau wie in realen Selbsthilfegruppen steht in Newsgruppen und Mailinglisten der Austausch im Vordergrund. Selbst bietet unser Angehörigenverband einen Internet-Newsletter mit Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe. Ganz besonders haben wir uns gefreut, dass im vergangenen Jahr unser Newsletter gleich zweimal ausgezeichnet wurde, mit dem Antistigma-Förderpreis des Vereins "Open The Doors" (Düsseldorf) und dem "NLO Avard Gold" (Göppingen). Unser Rundbrief erreicht inzwischen fast 1700 Menschen per E-Mail.

Wer aber unter großem Leidensdruck steht, sucht notwendige Hilfen doch vor Ort, nicht nur bei der Selbsthilfe, auch im Krankenhaus, in der Tagesklinik oder in der Tagesstätte. Dabei zählt die Angehörigenarbeit längst noch nicht zum professionellen Alltag. Das stärkste Argument für Qualität in der Psychiatrie ist nun mal die Zufriedenheit der Patienten und ihrer Angehörigen! Infogruppen für all diejenigen Menschen, die konfrontiert sind mit der psychischen Erkrankung eines Partners, Familienmitglieds oder Freundes - wie sie jetzt von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Rostock als Kurs angeboten werden - stellen eine wichtiges Forum dar, um den Genesungsprozess der Betroffenen zu unterstützen. Kurz gesagt: Informiert zu sein, gibt Sicherheit. Eine weitere Gruppe entsteht mit Hilfe der Psychiatriekoordinatorin des Landkreises Ostvorpommern und der Hansestadt Greifswald in Ueckermünde. Solche Beispiele sind rar.

Krankenkassen müssten ein Interesse daran haben, dass solche Angehörigengruppen innerhalb der Versorgung unterstützt werden. Nach unserer Ansicht bedarf es eines Prüfsiegels für psychiatrische Einrichtungen. Wer die Kriterien nicht erfüllt, beispielsweise keine Angehörigenarbeit oder Angebote zur Selbsthilfe vorhält, muss dann mit Vergütungseinbußen rechnen.


Was wünschen sie sich?

Ulrike Schob: Seriöse Berichte über psychische Erkrankungen und ihre Behandlungsmöglichkeiten. Für die Therapie besonders hinderlich sind Vorurteile gegen Patienten, Psychiatrie und soziales Umfeld. Eine aktuelle Studie der Universität Zürich zeigt, dass auch das Wohlbefinden der Betroffenen und die sozialen Beziehungen darunter leiden.

Immer deutlicher wird, die Schule kommt an das Thema "Seelische Gesundheit und Prävention" nicht mehr vorbei. Dazu möchte ich Dr. Manuela Richter-Werling vom Leipziger Verein "Irrsinnig Menschlich" zitieren: "Vorurteile und Wissenslücken lassen sich am besten ausräumen, wenn sie noch nicht so verfestigt sind. Will man Denkansätze und soziale Kompetenz erweitern, muss man bei jungen Menschen beginnen, denn sie sind neugierig und offen. Sie sind die Generation der Zukunft."

Wenn man von der Existenz psychischer Erkrankungen nichts weiß, können sich Spannungsfelder auftun. Besonders Beamte und Mitarbeiter in Behörden und Ämtern, wie Sozialamt, Arbeitsagentur, Polizei, Feuerwehr, Ordnungsamt, Gericht und Staatsanwaltschaft, gilt es für den Umgang mit psychisch Erkrankten zu sensibilisieren. Auch die betriebliche Gesundheitsvorsorge darf diese Problematik nicht weiter verdrängen. Wie geht ein Unternehmen mit psychischen Auffälligkeiten um? Welche Möglichkeiten der Unterstützung gibt es für Unternehmen und Betroffene? Zu diesen Fragen hat der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker eine Info-Hotline "Selbsthilfeberatung zu psychischen Erkrankungen im Arbeitsleben" eingerichtet.

Stigma und Ausgrenzung machen auch vor der Gemeindepsychiatrie nicht halt. Verbreitet ist die Mentalität, besonders "dankbare" Klienten zu binden. Dagegen hocken schwer gestörte psychisch Kranke zu Hause herum und vertun ihre Zeit - oder landen in abgelegene Heime. Andere sind obdachlos. Diese Menschen hätten Hilfen am nötigsten. Und es gibt diese Reizwörter: "Subvention", "Konzept" und "Projekt". Dazu sage ich nur: Auch wir wollen keine Scheinlösungen und Experimente auf Kosten der Gesundheit psychisch kranker Menschen!

Die Fort- und Weiterbildungsangebote besonders in Einrichtungen der Gemeindepsychiatrie unterscheiden sich in Inhalt, Qualität und Ausrichtung erheblich. Ein Hauptproblem ist: Perspektiven aus Sicht der Betroffenen und der Angehörigen werden kaum vermittelt. Statt nur über uns zu reden, ist es an der Zeit, uns einzubeziehen. Denn um uns geht es doch.

Ein wichtiger Baustein in der psychiatrischen Versorgung ist der psychosoziale Krisennotdienst. Doch der fehlt fast überall, damit auch die entsprechende Rufnummer in der Notdienstspalte der Tageszeitung. Das ist eine erhebliche Versorgungslücke! Mit einem hausaufsuchenden Krisennotdienst können, wie Projekte aus anderen Bundesländern bestätigen, Krisen und akute Notsituationen schneller aufgefangen und stationäre Behandlungen in vielen Fällen vermieden oder rechtzeitig eingeleitet werden. Wir erwarten, dass die Beteiligten an der sozialpsychiatrischen Versorgung entsprechende Lösungen im Verbund entwickeln und umsetzen.

Seit vier Jahren gibt es Soziotherapie, doch sie wird kaum verordnet. Gerade weil sie im sozialen Umfeld der Betroffenen stattfinden soll, müsste sie als gesetzliche Leistung längst auf dem Rezept stehen. Offenbar fehlt ausgebildetes Personal. Auch soll die Vergütung gering sein. Die Kassen, Kommunen und das Land stehen in der Pflicht, umgehend Fachkräfte der Soziotherapie über Aus- und Fortbildung zu qualifizieren.

Abschließend möchte ich betonen, dass unser Verband fast ausschließlich ehrenamtlich arbeitet. Hier wünschen wir uns verbesserte und verbindliche Rahmenbedingungen für die Selbsthilfe.

Das Interview führte Roland Hartig, Redakteur "Lichtblick-Newsletter".


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Informationen, Rat & Hilfe
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--> Familien-Selbsthilfe Psychiatrie, Landesverband Mecklenburg-Vorpommern der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker e.V. (LApK) "Gemeinsames Haus", Henrik-Ibsen-Straße 20, 18106 Rostock Tel./Fax: 0381 - 72 20 25, E-Mail: E-Mail
Internet: http://www.lichtblick-newsletter.de

--> Landesverband Psychiatrie-Erfahrene Mecklenburg-Vorpommern e.V. (LPE) "Gemeinsames Haus", Henrik-Ibsen-Straße 20, 18106 Rostock, Tel./Fax: 0381 - 76 80 214, E-Mail: E-Mail

--> Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Behinderter M-V e.V. (LAG SB), "Gemeinsames Haus", Henrik-Ibsen-Straße 20, 18106 Rostock, Tel. 03 81 - 7 69 03 40, E-Mail: E-Mail
Internet: http://www.lagsb-mv.de

--> BApK-Hotline, Selbsthilfeberatung zu psychischen Erkrankungen im Arbeitsleben, Tel.: 0180 5 950 951 (12 ct/Min), Montag, Dienstag, Donnerstag 9.00 bis 12:00 Uhr, E-Mail: E-Mail
Internet: http://www.bapk.de

--> AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V. Grabenstraße 1, 53579 Erpel Tel. 02644 - 98013-0, E-Mail: E-Mail
Internet: http://www.AGPF.de und http://www.Ingo-Heinemann.de



Antistigma- und Aufklärungsprojekte

--> Bayerische Antistigma Aktion gegen Diskriminierung psychisch Kranker
http://www.openthedoors.de

--> "Irrsinnig-Menschlich e.V.", Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie
http://www.irrsinnig-menschlich.de

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