(openPR) Vor 21 Jahren wurde in Frankfurt am Main mit der „Werkstatt-Galerie 37“ eine bis heute in Deutschland einmalige Einrichtung für Blinde und Sehbehinderte gegründet. „Früher war man mit 21 volljährig und wir denken, dass unsere Werkstatt-Galerie 37 das jetzt auch ist,“ sagte Erika Pfreundschuh, Vorsitzende des Kuratoriums der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte anlässlich des Jubiläums, das im Mittelpunkt des Sommerfestes der Stiftung am 3. September 2009 stand.
„Der Werkstatt-Galerie 37 liegt die Idee zugrunde, Blinden und Sehbehinderten, ihren Angehörigen und Freunden durch kunsthandwerkliches Gestalten Anregung, Hilfe und Beispiel zur eigenen kreativen Entwicklung und gesellschaftlichen Integration zu bieten,“ so Franz-Josef Esch, Vorstand der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbe-hinderte. Die Organisation von Ausstellungsbesuchen, die Kooperation mit Museen, die kunstpädagogische Arbeit mit Schülern und Rehabilitanden seien weitere Arbeitsfelder der Werkstatt-Galerie 37. Insgesamt haben seit ihrer Gründung rund 220 Blinde und Sehbehinderte von der Werkstatt profitiert, darunter rund 120 Schüler der Hermann-Herzog-Schule für Sehbehinderte Schüler. Derzeit nutzen zwölf Blinde und Sehbehinderte aus der gesamten Rhein-Main-Region das Angebot.
Entstehungsgeschichte
Im Frühjahr 1988 gründete sich in der Frankfurter Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen ein Kreis blinder, sehbehinderter und sehender kunstinteressierter Laien, der damit begann, unter künstlerischer Anleitung gemeinsam Skulpturen aus Speckstein zu gestalten.
Die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte stellte der Gruppe ab Herbst 1988 auf ihrem Grundstück in der Adlerflychtstraße im Nordend einen Werkstattraum zur Verfügung. Die Laienkünstler gaben sich in Anlehnung an das Gründungsjahr der Stiftung, das Jahr 1837, den Namen „Gruppe 37“. Systematisch erarbeiteten sich die zwischen 20 und 60 Jahre alten Teilnehmer die Themen Schale, Tierfigur, Abstraktion, Torso und Kopf und arbeiteten danach freigestaltend.
Hauptarbeitsmaterial der Gruppe ist das auf der ganzen Welt vorkommende Mineral Speckstein – auch unter der Bezeichnung Topfstein, Seifenstein und Steatit bekannt. Das Farbspektrum des Steins reicht von weiß bis tiefschwarz, die Maserung von marmoriert bis fleckig. Der Stein lässt sich leicht mit Feilen, Raspeln, Messern, Sägen und Bohrern bearbeiten. Beim Abtasten bleibt der Stein im Gegensatz zu Ton formstabil und eignet sich daher hervorragend für die kunstpädagogische Arbeit mit Blinden und Sehbehinderten.
1989 wurden die Kunstwerke der „Gruppe 37“ im „Dokumentarischen Institut“ der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte erstmals ausgestellt. Ein Frankfurter Sammler kaufte sämtliche Ausstellungsstücke für sein privates Museum „Kunst in Steatit“. Bis 1991 waren die Skulpturen Bestandteil der Wanderausstellung „Hände die sehen können“. Unter dem Titel „Erfühlt – gestaltet“ zeigten die Künstler ihre Arbeiten erfolgreich bei Ausstellungen in der Rhein-Main-Region. Mit der 1991 eröffneten „Werkstatt-Galerie 37“ erhielt die Gruppe einen vom Werkraum getrennten repräsentativen Ausstellungs- und Verkaufsraum.
Gefördert vom Sozialamt der Stadt Frankfurt wurden ab 1990 im Rahmen des zweijährigen Modellversuchs „Rehabilitation und Integration“ vier blinde und sehbehinderte, teils mehrfachbehinderte Personen, ausgebildet. Damit wurde ihnen eine berufliche Perspektive im kunsthandwerklichen bzw. künstlerischen Bereich eröffnet. Studierenden der Kunst- sowie Sonder- und Heilpädagogik bietet die Werkstatt-Galerie 37 bis heute Praktikumsplätze. Die Voraussetzungen Blinder- und Sehbehinderter zur Wahrnehmung von Kunstwerken und deren Möglichkeiten zur eigenen künstlerischen Praxis finden seither Eingang in Magisterarbeiten, die an der Goethe Universität geschrieben werden.
Kooperationen und Ausstellungen
In den folgenden Jahren kooperierte die Werkstatt-Galerie 37 mit Regel-, Sonder- und Volkshochschulen, mit Blindenerholungsheimen sowie Werkstätten für Menschen mit Behinderung. In zahlreichen Workshops und Ausstellungen geben die Mitarbeiter und Mitglieder der Werkstatt-Galerie 37 ihr Wissen im In- und Ausland weiter. In Pécs (Ungarn) und in Luxemburg werden in Blindenschulen Werkstätten nach dem Beispiel der Werkstatt-Galerie 37 eingerichtet. Die Zusammenarbeit mit den regionalen Blinden- und Sehbehindertenschulen wurde 1993 begründet und ist bis heute Bestandteil von regulärem Unterricht und von Projektarbeit.
Kunstwerke der blinden und sehbehinderten Künstler erfuhren bei Ausstellungen in Bad Nauheim, Hanau, Wiesbaden, Bremen, Frankfurt, Hochheim und Hofheim große Anerkennung. Die zwischen 1995 und 2006 wiederholt veranstaltete „Palmengartenwerkstatt“ wurde zur öffentlichkeitswirksamsten Veranstaltung der Werkstatt-Galerie 37. Tastausstellung und Workshops sensibilisierten den Tastsinn der Besucher und schafften Begegnungsmöglichkeiten zwischen Menschen mit und ohne Behinderung.
Bau des Musischen Zentrums 2001
Mit Unterstützung durch eine Spendenaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, des Landeswohlfahrtsverbandes und anderer Sponsoren konnte die Stiftung 2001 das „Musische Zentrum“ errichten, in dessen großen, hellen und gut ausgestatten Räumen seither nicht nur professionell gearbeitet werden kann, auch die Skulpturen können würdig präsentiert werden. Darüber bietet das Musische Zentrum Platz für eine Musikwerkstatt für die musikpädagogischen Angebote der Stiftung, für Seminare und kulturelle Veranstaltungen. Blinde und sehbehinderte Menschen, deren Angehörigen oder Begleitpersonen im Alter ab acht Jahren können die Werkstatt-Galerie 37 sechs Wochen lang kostenlos testen. Handwerkliche oder künstlerische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Die Werkstatt-Galerie 37 wird zu einem wesentlichen Teil durch Freunde und Förderer sowie durch Verkaufserlöse und Mitgliedsbeiträge finanziert. Zu den Förderern der Werkstatt-Galerie 37 zählen die Willy Buhlmann Stiftung, die Cronstett- und Hynspergische ev. Stiftung, die Hermann und Katharina Gassen Stiftung, die Josef und Janina Haubenstock Stiftung, die Paul und Charlotte Kniese Stiftung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Gerstäcker Verlag GmbH, die Goldmann, Sachs & Co. oHG, der Damen Lionsclub Hofheim, der Inner Wheel Club Frankfurt am Main, Konsul Karl Heinz Arnold, sowie der Landeswohlfahrtsverband Hessen.











