(openPR) Zeitlose Welt
Die Jazzsängerin Irina Karamarkovic hat ihre neue Platte vergessenen Liedern aus ihrer Heimat, dem Kosovo, gewidmet.
„Hapi syte e zeza” – „Öffne deine schwarzen Augen, ich habe dich so sehr geliebt.“ Wie der Kahn einer Seebestattung treibt das traurige Lied hinaus auf den Fluss, der den Hörer umschmeichelnd aber bestimmt mitzieht. Victor Palics Trommeln umkreisen den Rhythmus der gleitenden Fahrt, Wolfram Derschmidts Kontrabass federt die in Zeitlupe dahinziehenden Wellen ab. Und das Klavierspiel Stefan Heckels, der in seinen Improvisationen Töne klar wie Wassertropfen regnen lässt, ist in der Begleitung stets ein ruhiger Strom auf dem die Stimme der dunkeläugigen Sängerin Irina Karamarkovic in ihrer verhauchten Brüchigkeit dahinschweben kann. Bevor sie wieder zum kleinen Mädchen wird, das es faustdick hinter den Ohren hat. „Hapi syte e zeza”, eine albanische Volksweise, das ist der dritte Song auf der Anfang September erscheinenden, neuen Cd der Irina Karamarkovic Band. Eine Cd die von unendlicher innerer Ruhe getragen, sich in voller Länge ihrem Titelthema widmet: „Songs of Kosovo“ – Lieder aus der Heimat von Karamarkovic.
Geboren in Priština, der Hauptstadt, des Kosovo, die gemeinsam mit ihr stetig gewachsen ist, ist sie schon durch die Familie musikalisch geprägt. Der Großvater unterrichtet Komposition an der Universität, die Mutter spielt Violine im Rundfunksymphonieorchester. Der Vater ist Gitarrist in der Rockband „Telstar“, die westliche Rockhits von Radio Luxemburg nachspielt, ohne Englisch zu können. „Vor zwei Jahren habe ich mit meinem Vater die Rolling Stones gesehen, und er fragt mich plötzlich: ,Was heißt Satisfaction überhaupt?´“ Ihre Kindheit verbringt sie schon in Tonstudios und Backstagebereichen.
Mit vier lernt sie lesen und holt sich ständig aus der umfangreichen Bibliothek ihrer Eltern neuen Stoff. Dostojewskis „Idiot“, Viktor Hugos “Les Miserables”, Emily Brontes „Wuthering Heights“. Als ihr die Bücher verboten werden, liest sie eben unter der Bettdecke weiter. Aber auch Trivialliteratur gehört zu einer Jugend in Ex-Jugoslawien. Science Fiction von Frank Herbert und Comics wie „Alan Ford“ oder „Modesty Blaise“.
Irina Karamarkovic beginnt selbst zu schreiben, rezitiert Poesie und singt bei Wettbewerben, moderiert beim Radio, textet für die Mutter Schlager wie „Ich hätte dich so gern umarmt“. „Beim Schlager gibt es drei Regeln: Entweder hat er sie verlassen, oder er wird sie verlassen, oder er schwört ihr die Treue.“ Karamarkovic kennt sich aber nicht nur beim Schlager aus, textet heute für die Elektrobalkanband „La Cherga“ und die „LA Big Band“, sondern hat inzwischen schon zwei Literaturwettbewerbe in Österreich gewonnen. Zum Jazz kam sie über kopierte bulgarische Kassetten und eine Lehrerin, die ihr diese zusteckte. Der Umzug nach Graz, um Jazzgesang zu studieren, war nach dem Gymnasium ein logischer Schritt, denn Priština bot keine Perspektiven für die mit dem Jazzvirus Infizierte.
In ihrer Grazer Wohnung sind zwei Plätze besonders wichtig. Ihr Fender Rhodes E-Piano, auf dem gerade die Noten zum Song „Confirmation“ der Vokalvirtuosen Manhatten Transfer auf nähere Begutachtung warten. Und ihr Schminktisch. Gesäumt von Korsagen, Hutkreationen aus den Zwanzigerjahren und Federboas stehen und liegen dort unzählige Tiegel und Tuben und Stifte. Eine gewisse Nähe zum Theater und zum Entertainment ist ihr wohl auch als dezidierte Jazzsängerin nicht abzusprechen. „Es geht um Ästhetik, nicht um die Oberfläche des sich Definierens. Meine Passion für Make-up ist wie die eines Malers für Farben.“ Theater gespielt hat sie allerdings schon als Jugendliche und in Graz steht sie Ende der neunziger Jahre in Ernst M. Binders Inszenierung von „The Black Rider“ auf der Bühne des Grazer Schauspielhauses. Diese Produktion ist auch die Geburtsstunde des Sandy Lopicic Orkestar, bei dem Karamarkovic zusammen mit ihren Kolleginnen Vesna Petkovic und Natasa Mirkovic-De Ro unzählige mitreißende Konzerte singt.
Zurzeit schreibt sie an ihrem Doktorat an der Grazer Kunstuniversität. Mit „Die Präsenz der südosteuropäischen Musik in der Jazzszene Österreichs“ hat sie sich ein Thema ausgesucht, von dem sie wirklich etwas versteht. Dafür führte sie zahlreiche Interviews. Mit aus Südosteuropa stammenden und in Österreich lebenden Musikern, die ja die Jazzszene in großer Dichte bevölkern. Aber auch mit „waschechten“ Österreicher, wie dem langjährigen Leiter des Forum Stadtpark Musikreferats Berndt Luef, der sich auch auf politische Weise immer wieder mit dem Balkanthema auseinandersetzt. Eine erste Erkenntnis ist auch vor der endgültigen Auswertung schon klar: „Zurzeit vermischt sich alles: brasilianisch, indisch, aserbaidschanisch. Balkan Jazz soll dabei aber eine Reaktion auf die heutige Zeit sein. Ich persönlich kenne mich ja mit Charles Mingus so gut aus wie mit Balkan Jazz. Sehr oft werden Musiker derzeit plakativ als, balkanisch´ vermarktet. Aber im Fall unserer Band ist das eher irrelevant. Die Sprache in der wir denken ist Jazz. Die Themen sind traditionell. Aber ich verwende sie nicht, weil ich Traditionalistin bin, sondern weil ich denke, dass sie höchst wertvoll sind.“
Das Klangideal der Irina Karamarkovic Band ist demnach auch viel eher beim unlängst tragisch verunfallten schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson zu suchen als beim serbischen Guca-Trompetenfestival. Das Album ist aber auch eine Geschichte über eine Welt, die es seit dem Krieg im Kosovo nicht mehr gibt. Karamarkovic ist es wichtig, etwas zu erzählen, sie ist ja auch Autorin. „Die Lieder werden in Vergessenheit geraten, wenn man sie nicht singt. Die Dörfer sind verlassen, und die Alten sterben.“ Und so ist das neue Album eine Reise in eine versunkene Zeit und in die Zeitlosigkeit zugleich. Denn zeitlos präsentieren sich die schnörkellosen Arrangements in einer Sprache, die keiner Worte bedarf: dem Jazz. Und Zeitlosigkeit ist auch das Gefühl, das sich beim Anhören der, von großer Gelassenheit getragenen, Interpretationen einstellt.
Karamarkovics vielschichtige Persönlichkeit zu erfassen würde eine ausgesprochen umfangreiche Antwort verlangen. Eine Comicfigur wäre dafür wohl zu eindimensional. „Wenn ich mich mit einer Comicfigur identifizieren würde, dann wäre es Dazzler aus X-Men. She turns light into music. Oder Modesty Blaise, die Kunstdiebin, die für Scotland Yard arbeitet. Die sieht so aus wie ich in einem Catsuit.“
(Gregor Schenker, Falter Steiermark)
NEW ALBUM RELEASE „Songs from Kosovo“ Irina Karamarkovic Band, GLM Edition Collage, Veröffentlichung 04.09.2009
| www.irinakaramarkovic.com | www.myspace.com/irinakaramarkovic |











