(openPR) Leinfelden-Echterdingen – Expert/innen aus Wissenschaft und Praxis lenken heute (16.07.) auf der Jahrestagung der Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg (ajs) den Blick auf die Auswirkungen von Macht, Zwang und Gewalt im Alltag von Kindern, Jugendlichen und Pädagog/innen.
In Erziehung und Bildung sind Macht und Ohnmacht gleichermaßen präsent. Das selektive Schulsystem beispielsweise, das Chancen verteilt und Verlierer produziert, demonstriert seine strukturelle Macht sehr deutlich. In Studien, die zeigen, dass offene Aggressivität und Feindseligkeit von Jugendlichen Pädagog/innen sehr belasten und krankmachen, offenbart sich die Kehrseite: die Ohnmacht. Häufig fehlen Unterstützung und gemeinsame Strategien, um z.B. mit dem Phänomen Mobbing angemessen umgehen zu können. Auch Kinder und Jugendliche kennen das Gefühl von Ohnmacht: Demütigungen und Kränkungen, die sie sowohl von Pädagog/innen als auch von Gleichaltrigen erleben, nagen lange an ihnen.
Die Macht des selektiven Schulsystems trifft Kinder aus Migrantenfamilien am heftigsten. Die aktuellen Zahlen von 2008 belegen diese Tatsache aufs Neue: Der Anteil der Abgänger ohne Hauptschulabschluss war bei Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund mehr als dreimal so hoch wie bei den deutschen. „Wir müssen alles dafür tun, dass alle Jugendlichen einen Schulabschluss schaffen und eine Arbeits- und Ausbildungsstelle antreten können. Längeres gemeinsames Lernen würde strukturelle Macht abbauen und mehr Chancengleichheit bewirken“, sagte Marion von Wartenberg, Vorsitzende der ajs.
Wer Jugendliche ausgrenzt, muss mit Gegenwehr rechnen. Denn die Jugendlichen wissen um ihre desolate Situation und spüren ihre Ohnmacht. Auf der anderen Seite setzen sie aber auch die Macht ihres Widerstands ein: Sie stören den Unterricht, schwänzen oder mobben. Sie bringen Erziehende oft an den Rand der Verzweiflung, wenn diese nicht mehr weiterwissen und sich und die geltenden Regeln nicht mehr durchsetzen können.
Ohnmacht und Hilflosigkeit kann auch zu Fehlverhalten pädagogischer Fachkräfte führen. Damit das nicht passiert und Kinder und Jugendliche eine Orientierung bekommen, was Erwachsene dürfen und was nicht, hat die Evangelische Jugendhilfe in Hochdorf ethische Grundlagen formuliert, an die sich alle Mitarbeitende in der Einrichtung halten. „Wir haben beispielsweise ein kindgerechtes Beschwerdeverfahren entwickelt, damit Kinder Unzufriedenheit und erlebte Missstände aufzeigen können. Das Verfahren führte bei unseren Mitarbeitenden zu einem hohen Maß an Transparenz und Reflexionsbereitschaft in der pädagogischen Arbeit“, erklärte die Vorstandsvorsitzende Claudia Obele.
Das war ganz im Sinne von Professor Klaus Wolf: „Wir sollten Konflikte mit Kindern austragen, unsere Sichtweise deutlich machen und begründen, was wir von ihnen erwarten. Wir sollten sie aber nicht als Feinde ansehen oder nur als Träger von Störungen oder gar als gefährliche Wesen, die wir durch Strafen in Schach halten müssen.“ Seiner Meinung nach ist Erziehung ohne Zwang nicht möglich, muss jedoch begründet sein und neue Entwicklungschancen für Kinder hervorbringen. Der Professor für Sozialpädagogik an der Universität Siegen setzte hohe Anforderungen an die Legitimation von Zwang: „Machen wir uns Mühe, Wirkungen und Nebenwirkungen im Detail zu untersuchen und differenzierte Begründungen zu finden.“
Über 200 Fachkräfte aus Jugendhilfe, Erziehungsberatung, Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen kamen, um bei der Jahrestagung der ajs über Macht und Ohnmacht zu reflektieren und Anregungen in ihre Praxis vor Ort mitzunehmen. Gefordert wurden auch Unterstützung und Anerkennung für alle Erziehenden. So bekräftigte Marion von Wartenberg: „Alle, die mit Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen befasst sind, müssen für diese Aufgaben von Politik und Gesellschaft in besonderer Weise unterstützt und „ermächtigt“ werden, um ihre Power, ihre Macht – in einem denkbar positiven Sinne – zum Wohle der Kinder und Jugendlichen einsetzen zu können!“









