(openPR) Am 1. Juli 2009 fand im Marktgemeindeamt St. Georgen an der Gusen, Oberösterreich, eine Informationsveranstaltung der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), Wien, mit anschliessender Befahrung der Tunnelruine von "B8 Bergkristall" (aktueller Code-Name: Luftschutzstollen OÖ 020) in St. Georgen/Gusen statt. "Bergkristall" zählte bei Ende des 2. Weltkrieges zu den grössten uns modernsten unterridischen Fabriken des Grossdeutschen Reiches.
Vertretern der Presse, Interessierten aus der Bevölkerung und Vertretern des Gedenkdienstkomitees Gusen wurden dabei die derzeit laufenden Verfüllungsarbeiten erläutert, nach deren Abschluss von dem ursprünglich etwa 10 km langen Tunnelsystem nur noch 1900 Laufmeter verbleiben werden.
In Ermangelung eines entsprechenden Auftrages für die Adaption Bergkristalls als Gedenkstätte seitens des in Österreich zuständigen Bundesministeriums für Inneres und weil das Bundesdenkmalamt keine Bedenken äusserte, hatte die BIG ohne Einbeziehung dieses Ministeriums und der weiteren um das KZ-Opfergedenken bemühten nationalen wie internationalen Organisationen mit dem Argument der öffentlichen Sicherheit im Mai 2009 die grossflächige Verfüllung von Bergkristall begonnen.
In Ermangelung jedweder Information hat das Gedenkdienstkomitee Gusen beim österreichischen Wirtschaftsminister Dr. Reinhold Mitterlehner als Eigentümervertreter der BIG einen sofortigen Baustopp erbeten, bis mit den betroffenen nationale und internationalen Organisationen ein Konzept für die Erhaltung eines möglichst grossen Teiles von Bergkristall abgestimmt ist. Parallel dazu wurde Bundesinnenminister Dr. Maria Fekter durch das Gedenkdienstkomitee Gusen gebeten ihren Fachstellen die Erarbeitung eines entsprechenden Gedenkstättenkonzeptes zu ermöglichen.
Das ursprüngliche Informationsdefizit wurde für das Gedenkdienstkomitee Gusen durch die gestrige Informationsveranstaltung ausgeglichen. Dabei bestätigte der Bürgermeister von St. Georgen, Ing. Erich Wahl, erneut auch das Interesse der Marktgemeinde St. Georgen/Gusen an einer öffentlichen Zugänglichmachung von Bergkristall als europäische Gedenkstätte.
Bergkristall wurde in den Jahren 1944 und 1945 von Häftlingen des Konzentrationslagers Mauthausen-Gusen II unter unvorstellbar grausamen Bedingungen errichte und diente als eine der grössten und modernsten unterirdischen Fabriken der Fliessbandproduktion von bis zu 450 voll ausgestatteten Rümpfen für Messerschmitt Me-262 Düsenjagdflugzeuge pro Monat. Bergkristall stellte gegen Ende des 2. Weltkrieges einen der letzten grossen Trümpfe des NS-Staates dar und zog auch das persönliche Interesse Hitlers an sich. Bergkristall ist aber vor allem ein Gedächtnisort für die etwa 10.000 Toten, welche Errichtung und Betrieb von Bergkristall forderten. Bergkristall ist nicht nur das wichtigste Ergänzungsgebäude zur heutigen Gedenkstätte Mauthausen sondern stand auch in Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Auschwitz aus welchem unzählige dort für den Arbeitseinsatz selektierte Juden in das eigens für Bergkristall errichtete KZ Gusen II überstellt wurden.
Aus diesem Grund ist das derzeit auf billigste Art und Weise durchgeführte Zubetonieren eines Tunnelsystems, bei dem jeder Laufmeter für einen getöteten KZ-Häftling steht aus Sicht des Gedenkdienstkomitees Gusen unverhältnismässig. Daher bittet das Gedenkdienstkomitee Gusen heute jedermann, beim zuständigen österreichischen Innenministerium die Erhaltung und öffentliche Zugänglichmachung von Bergkristall als Gedenkstätte mit dem Einsatz adäquater Mittel zu fordern.
Abdruck honorarfrei. Beleg erbeten.
Photo: (C) Helga Loidold
Literaturhinweise:
- Bernard Aldebert. Gusen II - Leidensweg in 50 Stationen. 1997 (ISBN: 3-85252-145-9)
- Stanislaw Dobosiewicz. Vernichtungslager Gusen. Mauthausen Studien. Schriftenreihe der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Band 5. 2007 (ISBN: 978-3-9502183-5-0)
- Rudolf A. Haunschmied, Jan-Ruth Mills und Siegi Witzany-Durda. "St. Georgen-Gusen-Mauthausen - Concentration Camp Mauthausen Reconsidered". 2008 (ISBN: 978-3-8334-7440-8)










