(openPR) Wer bei Karstadt kauft, zahlt mehr – das ist den Kunden des über hundertjährigen renommierten Einzelhandelsunternehmens immer klar gewesen. Jetzt werden von der vormaligen Aktiengesellschaft Finanzlücken in dreistelliger Millionenhöhe publik gemacht; angeblich von der Wirtschaftskrise verursacht.
Berlin, Hermannplatz: Die riesigen Glasfenster spiegeln den belebten Straßenverkehr wieder, die Auslagen funkeln und glitzern, als wäre nichts gewesen. Noch immer hat Sonja M. beim Betreten des seinerzeit modernsten Kaufhauses Europas zwischen den Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln das Gefühl, in eine sichere Welt der Fülle und des Reichtums einzutreten.
Die 56-jährige Hartz-IV-Empfängerin ist nicht vermögend. 385 Euro müssen im Monat reichen. 19 Berufsjahre im Personalwesen liegen hinter ihr – bis sie vor fünf Jahren die Kündigung erhielt. Ihr Job wird jetzt erledigt von einer Universitätsabsolventin, die 30 Jahre jünger ist und über ihr schmales Gehalt klagt.
Einkäufe erledigt Sonja M. meistens in den einschlägigen Billig-Supermärkten, wo es mittlerweile neben Lebensmitteln ein großes Sortiment an Haushaltsgegenständen, Büroartikel und Kleidung gibt. Außerdem sind im Kiez diverse 1-Euro-Läden und türkische Gemüsegeschäfte ansässig. Karstadt kommt eigentlich nur in Ausnahmefällen in Frage – die Preise liegen für Sonjas Gefühl um die Hälfte über dem, was sie sonst bezahlt.
Das historische Gebäude am Hermannplatz ist trotzdem immer gut besucht. Sonja stellt keinen Unterschied zur Frequentierung vergangener Jahre fest, obwohl Kaufhäuser angeblich seit den 90er Jahren generell an Zulauf verlieren. Das wird jedenfalls in der jüngsten Zeit über die Medien verbreitet.
Diese berichten jetzt auch, der Chef der Karstadt-Konzernmutter Arcandor Karl-Gerhard Eick rufe nach Staatshilfe. Nach eigenen Angaben drohe die Insolvenz. Am 12. Juni würden Kredite in Höhe von 650 Millionen Euro fällig, die die Banken ohne Bürgschaften nicht mehr verlängerten.
Am Donnerstag hatte der Konkurrent Metro signalisiert, er sei an einem Zusammenschluss der beiden Warenhausketten interessiert. Diese schnell auftauchende mögliche Lösung wurde jedoch von einem Arcandor-Sprecher bereits relativiert: Man hat Bedingungen. Der Handels- und Touristikkonzern sieht offenbar Staatshilfe als Voraussetzung für eine mögliche Fusion. "Eine privatwirtschaftliche Lösung ist für uns nur eine Alternative, wenn wir auch Geld kriegen." Gemeint sind ein KfW-Kredit in Höhe von 200 Millionen und eine staatliche Bürgschaft über 650 Millionen Euro.
Der Essener Konzern hatte früher bereits Staatshilfen beantragt. Politiker hatten diese bisher immer abgelehnt. Der Konzern sei nicht erst durch die Krise in Schwierigkeiten geraten, sondern habe seine prekäre Situation vielmehr durch jahrelanges Missmanagement selbst verschuldet, heißt es aus Berlin. Es ist in der Tat erstaunlich, dass die offenscheinig ständig klingelnden Kassen nur wenige Wochen nach Eintreten der Wirtschaftskrise trotz Ausbleiben der erwarteten dramatischen Absatzeinbrüche jetzt leer sein sollen.
Risikoabsicherung? Rücklagen? Vorkehrungen für schlechte Zeiten? Begriffe, die in der Diskussion bisher nicht vorkommen. Schließlich stehen laut verdi 30.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, und das hat durchaus Erpressungspotenzial. Dennoch: Nachdem Wirtschaftsminister zu Guttenberg neuerdings selbst eine Insolvenz von Opel nicht mehr ausschließt, dürfte das Warenhausunternehmen kaum Chancen für eine rückwirkende Wirtschaftshilfe aus öffentlichen Mitteln haben.
Und das ist gut so. Noch haben wir ein funktionierendes soziales Absicherungssystem für entlassene Mitarbeiter von abgewirtschafteten Unternehmen, das für die Volkswirtschaft gerechter, wenn nicht gar günstiger ist. Über kurz oder lang wird es in diesem Land wieder aufwärts gehen, und die Ex-Karstadt-Mitarbeiter werden wieder gebraucht. Dann aber hoffentlich in einer neuen Generation von Unternehmen, dessen Managements weniger Ausbeutungsmentalität, dafür umso mehr wirtschaftliche und soziale Verantwortung beweisen.
Dass die Machtverhältnisse in einem fusionierten Konzern zugunsten der Metro ausfallen würden, ist nachvollziehbar. Dass dies die Unternehmerseelchen der Arcandor- und Karstadt-Manager kränken dürfte, die praktisch mit nichts auf dem Leib vom Hause Metro aus der Gosse gezogen würden, kann man sich denken. Umso mehr erstaunt der geradezu kühne Anspruch, die nicht aus der Krise herleitbaren Verluste jetzt an die Gesellschaft abgeben zu wollen.
Beobachter schätzen, dass der Lenkungsausschuss noch in der kommenden Woche über die Arcandor-Forderungen beraten wird. Ob die Kuh bei Ausbleiben der Staatshilfe tatsächlich geschlachtet wird, bleibt abzuwarten.
Quelle: sb/dpa







