(openPR) Sie plündert die Natur, verwüstet ganze Landstriche und ist berüchtigt für ihre Gemetzel unter ihresgleichen. Inzwischen hat diese rücksichtslose Industriekultur alle Mitbewerber aus dem Feld geschlagen und beherrscht die Welt bis auf wenige Ausnahmen. Ihr Name lautet "Zivilisation". Das wusste schon der berühmte Ethnologe Lévi-Strauss, der am 28. November 100 Jahre alt geworden ist.
Das Wesen der Zivilisation und ihres Vertragskonzeptes ist Verfügungsmacht gegenüber allem. Ihre Existenzweise ist gekennzeichnet vom Machtbewusstsein und der Fähigkeit zu erobern, zu rauben und zu töten. Sie trachtet unentwegt danach, alles zu reglementieren und zu kontrollieren. Jedes Handeln geschieht innerhalb von Vorschriften und Verfügungen, unterliegt Gesetzen und Geboten.
Lévi-Strauss: Eine andere Welt werde es nicht mehr geben, und darum bestehe die Aufgabe des Menschen darin, sich gegen den Verfall zu wehren und den Traum von einer "brüderlichen Menschheit" ins Werk zu setzen.
In einer materialistisch geprägten Welt besitzen Naturvölker noch eine innere Verbundenheit zu ihren Flüssen und Bergen, Tälern und Wäldern mit den darin lebenden Tieren und zu all den Geistern auf dem Land ihrer Vorfahren. Sie betrachten ihren Lebensraum als ein lebendes Wesen und verehren ihn wie eine Mutter. Gleichsam sehen sie ihn als Quell ihrer Existenz. Die Völker der Anden sagen: „Wir sind mit allem verwandt, das keimt, wächst, gedeiht, verwelkt, stirbt und von neuem geboren wird. Jedes Kind hat viele Väter und Mütter, Geschwister und Großeltern. Die Steine sind Verwandte der Schlangen. Der Mais und die Bohnen sind Geschwister, wachsen zusammen auf, ohne aneinander festzukleben. Die Kartoffeln sind Töchter und Mütter dessen, der sie pflanzt, denn der, der erschafft, ist selbst erschaffen. Alles ist heilig, auch wir selbst.“
Eine aus Baumwollfasern geknüpfte Hängematte schwang leicht im Halbdunkel unter einer offenen Maloca (indianisches Haus). Eine junge Frau stand daneben. Ihr Gesicht war ausgemergelt, aufgelöst und von unzähligen Irritationen durchfurcht. Besorgte wie hoffende Laute kamen aus ihrem Mund. Das Wehklagen galt ihrer Tochter, einem kleinen Mädchen, das in der Matte lag. Das einschläfernde Geräusch der knarrenden Halteseile an der Hängematte begleitete den Herzschlag des mit dem Tode ringenden Indiokindes. Immer wieder streichelte die junge Mutter über den kraftlosen Körper ihrer Tochter, die Cholera hatte. Wie eine Epidemie, die um sich griff, war der Erreger aufgetaucht, täglich wurden neue Fälle gemeldet. Am schlimmsten traf es die Alten und die Kinder. Fast jede Familie war betroffen. Das Kind in der Hängematte starb zu Weihnachten. An einem Tag, an dem viele andere unter erleuchteten Christbäumen sitzen, damit beschäftigt, Geschenke aus buntem Papier zu wickeln. Die Menschen hier im Dorf blieben davon unberührt. Sie hörten nicht die tausendfach gespielten Chöre „Stille Nacht“ und andere Weihnachtslieder. Während die Menschen in den Industriestaaten ihren Lieben an diesem Tag etwas Schönes schenkten, hockte der Tod in den Hütten der Indiodörfer. Die Indios waren erst drei Jahre zuvor kontaktiert worden (Tatsachenbericht 1998/Brasilien).













