(openPR) Von Jürgen P. Fuß - Kritische Anmerkung der Aktuellen Türkei Rundschau zur derzeitigen Berichterstattung über die türkischen Entwicklungen.
Wer die Entwicklungen in der Türkei aus nächster Nähe beobachten kann und gleichzeitig die Berichterstattung in der Europäischen Presse liest, muss sich manchmal kräftig die Augen reiben. Da stellt sich die Frage, inwieweit die AKP mittlerweile ein Informationsnetzwerk aufgebaut hat, die europäischen Journalisten ein Bild über die Türkei präsentiert, das mit der türkischen Realität nur wenig gemeinsam hat.
Als Beispiel dieser europäischen Sichtweise soll ein aktuell im Internet veröffentlichter Beitrag einer großen deutschen Zeitung herangezogen werden. Da es hier nicht darum geht, eine einzelne Zeitung oder einen einzelnen Journalisten zu kritisieren, verzichten wir ausnahmsweise auf die Quellenangabe.
Hier ein kurzer Ausschnitt aus dem Zeitungsartikel: „Die türkische Politik droht im Chaos zu versinken, weil der Riss zwischen reformerischen Kräften und rückwärtsgewandten Eliten in ein Kräftemessen gemündet ist, aus dem keine Sieger, sondern nur Verlierer hervorgehen können.“
Da ist also die Rede von reformerischen Kräften und rückwärtsgewandten Eliten. So weit so gut. Denn oft haben in der Vergangenheit traditionell denkende Menschen – also „rückwärtsgewandte Eliten“ Reformen verhindern wollen, weil sie ihre Privilegien in Gefahr sahen. Offensichtlich bewerten nicht wenige europäische Medienvertreter die Entwicklungen in der Türkei genauso. Aber trifft dies tatsächlich zu?
Lesen wir dazu den nächsten Satz in dem Zeitungsartikel: „Der unerbittliche Machtkampf zwischen einer aufstrebenden, religiös gefärbten, aber gleichwohl europäisch orientierten Elite aus Anatolien und dem traditionellen kemalistischen Establishment erreichte diese Woche einen neuen Höhepunkt.“
Die AKP wird also als eine „religiös gefärbten, aber gleichwohl europäische orientierte Elite“ angesehen. Ist diese Partei tatsächlich europäisch orientiert oder war es nicht vielmehr der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk, der die Türkei nach Europa orientieren wollte? Genau das ist der Knackpunkt!
IMMER MEHR RELIGION - SIEHT EUROPA NICHT DIE VERÄNDERUNGEN?
Einige Beispiele, um diese Frage zu beantworten können, liefert die AKP seit ihrem Regierungsantritt und ganz besonders seit der Wiederwahl im Sommer des letzten Jahres.
Beispiel 1: immer mehr Frauen werden in türkischen Straßen mit Kopftüchern gesehen und es halten sich hartnäckig Gerüchte, dass sich die AKP das sogar einiges kosten lässt … ! Dazu passend: Dass der amtierende Ministerpräsident immer wieder einmal die Frauen dazu aufruft, mehr Kinder auf die Welt zu bringen, ist bestimmt nicht dazu geeignet, die Emanzipation der Frauen wirklich voran zu bringen und ihnen neben den häuslichen Pflichten andere Rolle in der türkischen Gesellschaft zu übertragen.
Beispiel 2: Immer mehr wird versucht, den Alkoholkonsum in Restaurant und Geschäften dadurch zurückzudrängen, dass die Steuern erhöht und die Erteilung von Konzessionen erschwert werden. Nicht der Bürger darf frei entscheiden, ob er Alkohol trinken möchte oder nicht. Vielmehr will die Regierung dieses entscheiden. Die eigene Brille muss schon sehr stark rosarot eingefärbt sein, wenn man glaubt, dass es der Regierung dabei um gesundheitspolitisch motivierte Ziele geht. Nein! Es geht allein darum, das von der islamischen Religion vorgeschrieben Alkoholverbot durchzusetzen.
Beispiel 3: Wem ist in Europa bewusst, dass in der Türkei in öffentlichen Bussen immer noch streng darauf geachtet wird, dass Frauen und Männer nicht nebeneinander in einer Reihe sitzen dürfen, wenn sie nicht verheiratet sind? Das entspricht wohl kaum europäischen Gepflogenheiten. Doch die derzeit amtierende Regierung hat bis heute keine Aktivitäten unternommen, um diese Regelung abzuschaffen! Aber genau dieser Regierung wird bescheinigt, dass sie eine europäisch orientierte Elite sei! Will man diesen Widerspruch nicht sehen?
Beispiel 4: Welcher europäische Journalist berichtet über die Veränderungen an türkischen Badestrand türkische Badestränden Immer häufiger sieht man dort - neben den teilweise äußerst knapp bekleideten Touristinnen - türkische Frauen (auch junge) die von Kopf bis Fuß in Badekleidung eingehüllt sind, einschließlich eines Kopftuches.
Ist das die türkische Elite, die sich danach sehnt, sich an Europa zu orientieren? Sicherlich nicht! Ebenso wenig sind es die neu eröffneten Hotels in der Türkei, die entsprechend den islamischen Religionsvorschriften getrennte Bereiche für Männer und Frauen haben. Türkische Zeitungen haben mehrfach darüber berichtet, dass „islamische Hotels“ noch einen minimalen Anteil ausmachen, aber ihre Zahl wird zunehmend größer. Wer genauer hinhört, was in religiös orientierten Bürgerkreisen gesprochen wird, kommt schnell zu dem Ergebnis, das man Europa nicht als Vorbild für sich und sein Land ansieht.
Bei der Berichterstattung über die Türkei und die aktuellen Ereignisse sollte man etwas zurückhaltender mit der Bewertung sein, die AKP als die reformfreudige, moderne Partei darzustellen, die die Türkei europäisch machen will. Vielleicht wäre es besser, den Blick in die andere Richtung zu wenden und zu fragen, ob sich die AKP zum Ziel gesetzt hat, der islamischen Religion in Europa zum Durchbruch zu verhelfen.
Und dann stellt sich zwangsläufig die Frage, ob die Staaten der Europäischen Union eine solche Entwicklung unterstützen wollen. Eine Frage, der auch die europäischen Politiker neben wirtschaftlichen und kurzfristigen politischen Überlegungen eine größere Beachtung schenken sollten.
AUSGABE NR. 190 SEIT 04. Juli 2008 IM INTERNET
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