(openPR) Systemtheoretische Reflexionen, wissenschaftspolitische Initiativen und institutionelle Neuanforderungen schaffen Reformumfelder, die auch im Hochschulbereich wirksam werden. Doch jede Reformabsicht muss den eigenen Veränderungsaufwand kalkulieren, damit Systeme - wie Hochschulen bzw. Universitäten - sich nicht selbst destabilisieren. Unkalkulierte Veränderungsleistungen stellen für Systeme immer gefährliche Angelegenheiten dar, die unbedingt vermieden werden müssen. Also lernen auch Hochschulsysteme eher aus eigenen Vorgaben, die in den Kontexten institutioneller Harmonien und in der Tradition eines strukturkonservativen Establishments tatsächliche Innovationen phasenweise wie riskante Unterfangen aussehen lassen. In diesem Umfeld wird dann ganz selbstverständlich problematisiert, dass die Verbindung zwischen Hochschule und dem Bologna-Prozess eine Veränderungsleistung provozieren muss, die zu den Prämissen passt, aus denen Hochschulen ihr Selbstverständnis für Forschung und Lehre beziehen. Eines kann auf jeden Fall festgestellt werden: Dieses Selbstverständnis hat der Bologna-Prozess mit seinen pragmatischen Orientierungen und seiner institutionellen Veränderungskraft stärker beeinflusst als jede andere Hochschulreform der letzten 35 Jahre.
Das Baltic College gehört zu diesen Veränderungsleistungen in der Dynamik des Bologna-Prozesses, da die erste private Hochschule Mecklenburg-Vorpommerns quasi auf der Basis von Bachelor-Studiengängen startete und Modellcharakter besaß. Das Baltic College demonstriert mit seinen Studiengängen in den Bereichen Tourismus-, Hotel-, Gesundheits- und Unternehmensmanagement wie duale Studiengänge und internationale Zukunftsbranchen im Bologna-Prozess wechselseitig voneinander profitieren können. Doch was kommt nach dieser Phase des demonstrativen Aufbruchs und der Schaffung von alternativen Studienangeboten für die Tourismus-, Freizeit- und Gesundheitsberufe? Ist der ausgeprägte Pragmatismus in Bachelor- und Master-Studiengängen die akademische Alternative, die sie nicht sein kann?
Natürlich konzentrieren sich wissenschaftspolitische Reformabsichten immer primär auf Defizite, und die akademische Kommunikation wird über sie bestimmt. Im Grunde geht es im Bologna-Prozess darum, dass Anwendungs- und Berufsfeldorientierungen universell und einheitlich erwartet werden und in ihnen Verwertungsinteressen sowie Perfektionsambitionen der Berufsfelder aufgebaut werden können. Der wissenschaftspolitische Reformwille geht also seit einigen Jahren von hochschuldidaktischen und ausbildungssemantischen Defiziten aus, die ausgeglichen werden sollen. Reformen beschreiben demnach Ziele, Erwartungen und Prozesse auf der einen Seite und Institutionen, Situationen, Gegenstände oder Personen auf der anderen Seite, die einerseits kompetent und andererseits entwicklungsbedürftig sind. Daher sind auch wissenschaftspolitische Reformen funktional und notwendig. Doch derartige Asymmetrien haben zur Voraussetzung, dass ein gewisser Austausch zwischen beiden Seiten stattfinden kann, um die Defizitkommunikation sowie akademische Überzeugungen für die einzelne Hochschulinstitution, das Studienprogramm oder das einzelne Forschungserfordernis operationalisierbar zu halten. Die eine Seite liefert, was die andere nicht hat und aber haben muss, wenn sie in irgendeiner Hinsicht zukunftsfähig sein will. Hochschulentwicklungen und wissenschaftspolitische Erwartungen lassen sich dann beliebig steigern und sind auch für eine private Hochschule von einiger Relevanz.
Die wissenschaftspolitischen "Geisterfahrten" wechselnder Bundesregierungen, die zwischen traditionsfeindlicher Juniorprofessur, schulähnlicher W-Besoldung und phantasierten Eliteuniversitäten rangierten und ressourcenminimierte Reformabsichten in exzessive Engpässe führten, sind markante Wegmarken hochschuldidaktischer Dekonstruktion. Dem wissenschaftspolitischen Missverständnis für die Grundlagen akademischer Kommunikation folgten die Depression einer mühsam erworbenen Hochschulkultur und das politische Laienspiel primitiver Sparrituale. Die pragmatische Grundausrichtung des Bologna-Prozesses musste hierfür als Feigenblatt herhalten, obwohl gerade dieser Prozess zusätzliche bildungspolitische Anstrengungen erfordert hätte, um die Hochschule als dynamisches System mit den vorhandenen administrativen Möglichkeiten neu zu bestimmen. Auf den ersten Blick boten aber diese wissenschaftspolitischen Wirrungen der Hochschulreform paradoxerweise Rahmenbedingungen, um institutionelle Innovationen - wie die Etablierung privater Hochschulen zwischen Bachelor- und Masterstudiengängen - aktiver in die Ausbildungssystematik integrieren zu können. Davon konnte das Baltic College in hohem Maße profitieren.
http://www.baltic-college.de








