(openPR) "Junge Architekten - neue Gedanken?", so lautet der Titel der Vortragsreihe, die das Architekturforum Lübeck in Kooperation mit der VHS anbietet. Auftakt zu den 4 Veranstaltungen bildete am Dienstagabend der Vortrag "reverse the continental drift" von Wolfram Putz, einem der Gründer des international tätigen Büros „GRAFT“.
Nach dem Studium in Braunschweig ging der Ex-Lübecker auf der Suche nach den neuen Trends in der Architektur nach Los Angeles. Dort gründete er 1998 mit Thomas Willemeit und Lars Krückeberg das Büro „GRAFT“. Mittlerweile sind zu dem Standort L.A. noch Dependancen in Berlin und Peking dazugekommen, die „jungen Wilden“ haben mit mehreren erfolgreichen Wettbewerbsteilnahmen auf sich aufmerksam gemacht.
Dem interessierten Publikum zeigte Putz Bilder von zahlreichen Projekten. Gemeinsam sind den Entwürfen von GRAFT die bionischen, geschwungen Formen. Eine deutliche, eigene Handschrift hat GRAFT bis jetzt kaum entwickelt – und will es auch nicht. Die 3 Architekten und ihre 110 Mitarbeiter wollen sich bei jedem Projekt neu erfinden und ein Unikat schaffen. Das gelingt ihnen. Jeder Entwurf für sich reagiert auf eine eigene Art auf seine Umgebung, hat eine individuelle Formensprache und einzigartige Raumqualitäten. Anspruchsvoll – sowohl in intellektueller wie auch in technischer Hinsicht – sind Übergänge, die Graft in beinahe allen Entwürfen fließen lässt: Die Wand wird unmerklich zur Decke, geht in Möbel über, verläuft schräg oder verschwimmt zum Fussboden. Die amorphen Formen und sorgfältig ausgewählten Materialien machen die Bauten von GRAFT sicher zu einem besonderen Raumerlebnis.
Dass sie damit den aktuellen Geschmack der Zeit oder viel mehr der solventen Bauherren dieser Zeit treffen, zeigt sich am Umfang ihres Werkes: Hotels, Wohnhäuser, Möbel, Produktdesign auch städtebauliche Entwürfe in Tokio, Dubai, Kuala Lumpur, Peking, Tbilissi (Georgien), Moskau, in der Karibik und in Berlin.
Die "jungen Wilden" – sie sind zumeist im Ausland tätig. Das ist schade, ihre Experimentierfreude könnte auch in Deutschland ein Beitrag zur Baukultur sein. Andererseits ist es auch nicht verwunderlich - die gewagten Entwürfe sind in ihrer Baubarkeit weit entfernt von jeglicher DIN-Norm. Das macht sie nicht nur in der Ausführung extravagant, sondern auch in den Kosten. So sind die noblen Hotels und Wohnblocks, Zahnarztpraxen und Museen in den Boomtowns der Welt eher ein Symbol der Extravaganz ihrer Auftraggeber als ein Beitrag zur „alltäglichen“ Baukultur.
Abgehoben sind Putz und seine Mitstreiter dennoch nicht. Die letzten Minuten seines Vortrages widmete Wolfram Putz einem Projekt, das ihm am Herzen liegt: Dem Wiederaufbau eines Viertels von New Orleans, das von der Flutkatastrophe durch den Hurrikan „Katrina“ 2005 besonders stark betroffen war. Mit viel Engagement und prominenter Hilfe hat GRAFT Spendengelder beschafft, die helfen werden, das Viertel mit Häusern lokaler und international bekannter Architekten wiederaufzubauen. Beim Voting der Bewohner für ihr neues Haus kommen internationale Stararchitekten wie beispielsweise das niederländische Büro MVRDV erstaunlich schlecht weg. Ist das gemeine Volk nicht reif für große Architektur? Oder einfach bloß furchtbar pragmatisch?
Wolfram Putz hat in 2 Stunden einen spannenden Einblick gegeben in die Welt der zeitgenössischen Architektur. Glänzend ist sie, mit vielen aufregenden Renderings in atemberaubenden Lichtsituationen. Da geht heute nichts mehr ohne aufwändige 3D-Programme, die ursprünglich für Luft- und Raumfahrt oder Zeichentrick-Animationen entwickelt wurden. Aber - die Gegenwart zeichnet sich durch die Gleichzeitigkeit verschiedener Stile und Strömungen aus – es gibt mehr als einen Architektur-Trend.
Am 18.03 wird ein „Provokateur wider Willen“ in der VHS seine Sicht und sein Werk präsentieren.













