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Dieter Nuhr - "Das ist ja Kultur hier heute abend – hat man Ihnen das gesagt?"

24.11.200812:35 UhrKunst & Kultur

(openPR) von Dr. Kirstin Hartung

Mario Barth und Konsorten wirken wie reißerische Primitivlinge gegen Dieter Nuhr: Lachen geht auch mit Niveau, welch ein Glück! Intelligente Unterhaltung, fröhlich bis sarkastisch, immer mit Selbstironie und sprachlichem und inhaltlichem Anspruch, wird hier geboten. Nach Tucholskys Devise „Satire darf alles“ schimpft Nuhr vor allem über religiösen Fanatismus.



Wow! 2 Stunden lang fesselt der Mann in der ausverkauften MUK das Publikum mit einem Programm, das „nie richtig anfängt, weil es zu schlechte Laune machen würde“, denn die Wahrheit sei eben nicht zu ertragen. Das inszenierte Risiko, nach kurzer Zeit zu behaupten „Das Programm ist sinnlos, dann bin ich ja durch“ und dabei lange auf die Uhr zu gucken, meistert Nuhr mit schauspielerischer Bravour.

Ihm gelingt der Spagat zwischen anspruchsvollem politischen Kabarett, das es sonst kaum noch gibt und einer Form von Comedy, die nicht rassistisch, frauenverachtend etc. ist. Eine Art Comerett oder Kabady. So gewinnt er auch „die breite Masse“.

Das schafft er durch seine sympathische, neugierige Art, die alle Altersklassen anspricht (das Publikumsalter ist stark gemischt, es überwiegen allerdings die über 50-Jährigen – weil sie lebensklüger sind, anspruchsvoller?); Es gelingt ihm aber auch durch präzises und intelligentes Sprechen, sowohl auf verbaler als auch auf körperlicher Ebene. Sein Timing ist perfekt, das Gespür für die Stimmung im Publikum grandios. Klare und sparsame Gestik und Mimik schaffen Situationskomik und Pointen zum lustvollen Gelächter mit anderen und auch über sich selbst – das Gegenbild zur „Ey-Altes-Arschloch“-Comedy und den entsprechend hirnlosen Brüllern eines leider viel zu großen Publikums.

Gut, Nuhr macht auch obszöne Witze (z. B. Die Serie „Bauer sucht Frau“ rette immerhin die Schafe vor der Geilheit des Bauern), das geschieht jedoch meist in leisen Andeutungen und der Anteil am Programm ist minimal. Gut, Nuhr ist manchmal oberlehrerhaft, damit spielt er aber auch, erzählt von seiner Lehramtsprüfung und macht am Ende des Abends eine „Lernzielkontrolle“, indem er das Publikum nach dem fragt, was bei ihm angekommen sei – dass noch nicht einmal dies peinlich wird, ist schon eine Leistung für sich. „Abendschule“ - wie sein Auftritt an diesem Abend - liege ihm mehr als die morgendliche Regelschule.

Die Themen: Bundespolitik, Weltpolitik, Naturzerstörung, DDR, Religion, der Sinn des Lebens; Dazwischen immer wieder geschickt als auflockernde Elemente: Probiersöckchen, „Multifunktions-BH“ und falsche Geschlechterrollenbilder, Japaner beim Grillen, das deutsche Fernsehprogramm, Lügen in Todesanzeigen u.v.m.

Der Kabarettist hat das Publikum spätestens dann auf seiner Seite, als er gleich zu Beginn über die gedrückte Stimmung durch die Wirtschaftskrise schwadroniert. Nach der Veranschaulichung des unsäglichen Geschenks an die Wirtschaftsbosse („500 Milliarden sind ein 50 km hoher Turm aus 500 Euro-Scheinen“) nimmt Nuhr folgendermaßen die Gleichgültigkeit gegenüber diesem Unding auf`s Korn: „Die Hanse ist auch untergegangen und Lübeck ist noch da“. Aber nun würde ja alles besser, alles, denn „der Messias“ sei gekommen: Obama. Der arme Kerl. Gegen linke und rechte Bundesparteien stänkert Nuhr gleichermaßen. Ypsilanti wird als die „Sara Palin von Hessen“ bezeichnet (sehr schön:„Vielleicht wird ja am lebenden Hessen geforscht, wie weit man gehen kann, bis keiner mehr wählt“), Koch wird auf eine „geistige Altersstufe“ mit McCain gestellt, auch die LINKE kriegt ihr Fett ab: man könne ja noch einmal den Sozialismus versuchen, aber es gäbe dann „keine Pakete aus dem Westen mehr“. Noch ein wunderbarer Satz zu Deutschland: „Die Vollendung der deutschen Einheit ist für mich die gesamtdeutsche Mauer“.

Ein Hauptthema des Abends: Glauben und Religion. Kritisieren lässt sich Nuhrs hammerharter Rundumschlag gegen jedweden Gottesglauben. Da gab und gibt es einige in ihren religiösen Gefühlen Verletzte aus seinen Auftritten, wie Nuhr durch Vorlesen von erbosten Zuschriften an ihn bestätigt. Mutig und wertvoll ist nichtsdestoweniger Nuhrs Verbalattacke gegen allen religiösen Dogmatismus, vor allem islamischen und christlichen. Gegen die Rückständigkeit, Gewaltbereitschaft und Frauenverachtung in islamischen Kulturen wettert Nuhr vielleicht zu einseitig, ruft aber zugleich alle auf, den Koran zu lesen und betont, beileibe nicht alle Moslems seien dogmatisch. Mit aufklärerischer Vehemenz zeigt er dann Beispiele dafür auf, dass die Bibel „schlecht recherchiert“ sei - allerdings auch „schön erzählt“. Er betont die Verbrechen, die aus religiösem Fanatismus entstehen. Der abrupte Themenwechsel von den Autoren der Bibel zu den „paar Irren“, aus deren zusammengewürfelten Aussagen Verschwörungstheorien entstehen, ist unnötig. Nuhr bringt aber immer wieder die persönliche Ebene ein, erzählt, warum er nicht glauben könne (das „scheitert am Resthirn“, unter anderem, und daran, dass er an „Gott mit Verdauung“ denke, wenn er höre, der Mensch sei ein „Ebenbild Gottes“). Nuhr hat eher eine existenzphilosophisch geprägte Weltsicht: das Leben hat keinen Sinn, wie beruhigend, findet er, dann müsse man den Sinn nicht mehr suchen.

Zusammenfassend ruft Nuhr am Ende des Abends mit herrlichem understatement zu Weltoffenheit und Toleranz auf (auf den Kampf zwischen den Geschlechtern ebenso bezogen wie auf den zwischen Kulturen: „Man denkt immer, die anderen sind bekloppt, beide Seiten haben Recht!“). Er wünsche sich die Menschen neugierig, denkend und humorvoll, auch wenn man die Welt nicht verstehe. Die Gene des Menschen stimmten zu 90 Prozent mit dem Schwein überein, deshalb könne man sich freuen, dass man beim Metzger „auf dieser Seite der Ladentheke“ stehe und nicht auf der anderen. Denn die Höherstellung des Menschen gegenüber Tieren sei doch sehr zu bezweifeln. Mit diesen wichtigen Aussagen sind Nuhrs Auftritte ein saukomischer Beitrag zur Demokratie in Deutschland.

Dr. Kirstin Hartung

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