(openPR) Bei jedem vierten Patienten steckt hinter der Depression eine bipolare Störung, die unerkannt und unbehandelt bleibt
24 Prozent der Patienten, bei denen Depressionen diagnostiziert werden, leiden eigentlich an einer bipolaren Störung. So lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie der britischen Neasham Road Surgery, Darlington. Allein in Deutschland leben mindestens zwei Millionen Menschen als Grenzgänger zwischen Euphorie und Trübsal. Experten nehmen an, dass insgesamt bis zu 60 Prozent der bipolaren Störungen nicht erkannt oder fehldiagnostiziert werden. Im Durchschnitt vergehen bis zur richtigen Diagnose achteinhalb Jahre und mehrere Krankheitsphasen.
„Bipolar Erkrankte sind noch schlechter versorgt als Menschen mit Depressionen. Das liegt zum einen an den individuell sehr verschiedenen Ausprägungen und Verläufen, die die Diagnostik erschweren. Zum anderen sind viele Betroffene unzureichend informiert oder scheuen den Gang zum Arzt, auch aus mangelnder Krankheitseinsicht“, sagt Schide Nedjat, Leitende Ärztin der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster.
Bipolare Störungen verlaufen in Phasen, in manischen, hypomanen oder depressiven Episoden, die einzeln auftreten, sich aber auch überlappen können. Die durchschnittliche Dauer der Krankheitsphasen liegt bei vier bis zwölf Monaten. Insbesondere Patienten mit Hypomanie, einer abgeschwächten Form der Manie, fehlt oft die Krankheitseinsicht. Nach einer depressiven Phase empfinden sie die gehobene Grundstimmung und den gesteigerten Antrieb, die mit hypomanen Episoden einhergehen, als Erleichterung und nicht als Krankheit, zumal ihre Leistungsfähigkeit in diesen Phasen meistens am höchsten ist.
Nur ein geringer Prozentsatz der bipolaren Patienten erlebt manische Episoden tatsächlich ‚himmelhoch-jauchzend’. Die meisten weisen weniger schwere Ausprägungen der Manie oder Mischzustände mit depressiven Symptomen auf. Diese sind wesentlich schwerer zu erkennen und werden nur selten von den Patienten kommuniziert.
Genau darin liegt die Gefahr: „Bipolare Patienten werden oft als rezidivierend depressiv eingestuft, was bedeutet, dass sie keine stimmungsstabilisierende Behandlung erhalten, die den Stimmungsschwankungen frühzeitig entgegenwirken könnten. Je früher die bipolare Störung auftritt und je länger die Symptome anhalten, desto schlechter ist die Prognose. Jede neu auftretende Krankheitsepisode bedroht das berufliche und private Leben der Bertoffenen mehr“, warnt Schide Nedjat.
Nicht selten haben Menschen mit bipolaren Störungen zusätzlich mit Mobbing, Arbeitsplatzverlust und Scheidung zu kämpfen. Denn ihre Stimmungsschwankungen entwickeln eine Eigendynamik, die mit äußeren Umständen nicht mehr zu erklären ist. Die Anzahl der einzelnen Krankheitsepisoden variiert. In den ersten zehn Erkrankungsjahren sind es durchschnittlich vier. In dieser Zeit ist auch das Suizidrisiko am höchsten, vor allem wenn Alkohol und Drogen mit im Spiel sind. Insgesamt nehmen sich 15 Prozent der Betroffenen das Leben, jeder vierte begeht einen Suizidversuch.
In der Therapie bipolarer Störungen spielen Medikamente eine zentrale Rolle. Doch ohne begleitende Psychotherapie helfen sie nur begrenzt, denn der Patient muss lernen ein neues Selbstkonzept zu entwickeln, seinem Leben wieder eine Struktur zu geben, mit Stresssituationen umzugehen und Krisen zu meistern, und er muss einsehen, dass es wichtig ist, die Medikamente regelmäßig einzunehmen. Oft werden Medikamente aufgrund unerwünschter Nebenwirkungen, wie Potenzproblemen, eigenmächtig abgesetzt. Ohne Medikamente beträgt die Rückfallquote aber 80 Prozent, mit Medikamenten nur zehn.










