(openPR) Neue Aspekte in der literarischen Aufarbeitung der NS-Zeit
Berlin / Jena, 2. Oktober - Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse 2007 hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Publizisten Eberhard B. Freise, Autor des zeitkritischen Romans „Der Mischling“ für die Veröffentlichung des Buches gedankt, das im Verlag Neue Literatur in Jena erscheint. Er begrüße, dass Zeitzeugen ihre persönlichen Schicksale aus der Zeit des Nationalsozialismus schilderten und damit nicht nur Geschichtsbewusstsein schafften, sondern auch zu dem facettenreichen Mosaik eines umfassenden Bildes über die „grauenhafte Zeit der NS-Diktatur“ ihren Teil beitrügen.
Die zeitgeschichtliche Ich-Erzählung der Freise-Figur Ebel Sasse wird deshalb auch folgerichtig von der Literaturkritik in eine Reihe gestellt mit den Bestsellern des jüdischen Schauspielers Michael Degen, „Nicht alle waren Mörder“, und des stellvertretenden „Spiegel“-Chefredakteurs Martin Doerry. Hier werden Einzelschicksale der NS-Verfolgung aus ganz unterschiedlichen, immer aber symptomatischen Blickwinkeln geschildert. Neu an Freises „Mischling“ sei, so fand Literaturkritikerin Gerlinde Sommer heraus, dass sich in der Familiengeschichte das staatliche Unrecht einer Diktatur mit dem persönlichen Versagen eines Angehörigen verwebe.
Historiker würdigen an dem neuen Roman noch eine andere Facette: „Er ist zugleich das liebevoll gepinselte, stilsichere und atmosphärisch sehr dichte Genre-Bild einer aus den Fugen geratenen, mühsam um ihre Contenance, um ihre letzte Habe in Geist und Besitz kämpfenden bürgerlichen Gesellschaft“, schreibt der Wuppertaler Historiker Professor Dr. Eckhard Freise. Normalerweise werde in Autobiographien „gelogen, was das Zeug hält“. Beim „Mischling“ jedoch habe er den bleibenden Eindruck, hier schreibe sich der Autor Traumata und Obsessionen von der Seele - ganz nach dem Geschmack des alternden George Bernard Shaw: „Man hüte sich vor älteren Männern; sie haben nichts mehr zu verlieren...“
„Der Mischling“ markiert eine literarisch interessante zeitliche Koinzidenz in der Aufarbeitung der Judenverfolgung. Etwa gleichzeitig mit Freises Report erschien bei Diogenes der Roman „Das gab’s nur einmal“ der etwa gleichaltrigen amerikanischen Halbjüdin Marianne Gilbert, der zuvor in den USA unter dem Titel „Memories of a Mischling“ herausgekommen war. Während jedoch Gilberts Familie fliehen konnte, schildert Freise Deportation und Mord aus eigenem Erleben und aus der Mitte des Reiches. Das Outing der Mischlinge fällt in eine Zeit, in der sich auch Prominente wie Hamburgs Bürger-meister Ole von Beust oder der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy als Mischlinge bekennen und damit bewusst machen, dass in Zeiten der Globalisierung die ethnische Vermischung von Menschen bereits ein Standardmodell des Zusammenlebens und die Animosität gegen „Mischlinge“ deshalb anachronistisch ist.











