(openPR) Im menschlichen Gehirn leuchtet und blinkt es zuweilen auf, die Wissenschaft hat mathematisch errechnete Computer-Bilder davon gemacht. Sie tut es immer wieder und immer effektiver, denn sie möchte endlich eine vollständige Karte des menschlichen Denkorgans entwerfen und allzu gerne den Ort entdecken, wo das ICH sein Zuhause hat. Aktivitätssignale und zerebrale Prozesse im zentralen Nervensystem sind messbar und dank einer stetig voranschreitenden Weiterentwicklung bildgebender Verfahren auch abbildbar. Der Verlauf und die Struktur der Nervenbahnen in der weißen Hirnsubstanz des Menschen werden beispielsweise mittels diffusionsgewichteter Bildgebung (DTI = Diffusion Tensor Imaging) kartiert, und doch ist das menschliche Gehirn in vielen Fragen noch immer eine terra incognita. Trotz emsiger Bemühungen einer zusehends interdisziplinären Forschung bleiben große Erkenntnislücken zurück, die zu schließen einer globalen Allianz der Suchenden gleichkommt.
Noch immer gibt es keine Erklärung dafür, wie das menschliche Gehirn in seiner unendlichen Vielfalt funktioniert. Gleichwohl ist die Karte des menschlichen Gehirns in den vergangenen Jahren stetig farbiger geworden, wird das Gehirn immer transparenter.
Der dreidimensional geschichtete Blick in das Innere des menschlichen Gehirns, wo der Sitz der Seele vermutet wird, er hellt auf und stattet den Forscher auf seinem mühsamen Erkenntnispfad mit Leuchtmarkierungen aus, die Licht ins Dunkel zu bringen scheinen. Es sind Blinkzeichen, die mitten in eine Technik hineinführen, die Medizin mit Physik und Mathematik, mit Hochleistungsrechnern und hochkomplexen Formeln verbindet: Die moderne Bildgebung. Sie könnte zur Schlüsseltechnik bei der Erforschung der Funktionsweise und der komplexen Struktur und Textur des menschlichen Gehirns avancieren.
Dass die moderne Bildgebung seit einiger Zeit verstärkt auch das Interesse der Psycho- und Verhaltenstherapie geweckt hat, das machte nun auf Einladung der in Goslar ansässigen Mansfeld-Löbbecke-Stiftung von 1833, - einer bundesweit bekannten Einrichtung in der freien Kinder- und Jugendhilfe -, der Direktor der Kinder- und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, anlässlich eines gut besuchten wissenschaftlichen Kollegs im Bildungshaus Zeppelin in der Kaiserstadt deutlich.
Mit im Gepäck hatte der renommierte Hamburger Wissenschaftler die neuesten Erkenntnisse vor allem auf dem Sektor der diffusionsgewichteten Bildgebung, die maßgeblich am UKE zum Einsatz kommt und dort erst kürzlich zu „revolutionären technischen Erkenntnissen über die Integrität der weißen Hirnsubstanz und die Konnektivität einzelner Hirnareale im zentralen Nervensystem“ geführt habe. In einer vom UKE durchgeführten nicht randomisierten Pilotstudie konnten Wissenschaftler unter Zuhilfenahme der nichtinvasiven DTI-Technik erstmals bei jugendlichen und erwachsenen (weiblichen) Probanden mit Symptomen der Depression anatomische Unterschiede im Gehirn im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen und damit ein zerebrales Korrelat zur psychiatrischen Symptomatik nachweisen.
Die hochauflösende TDI-Technik (die bei Kindern auch bei ADHS, Rett-Syndrom, Epilepsie, Lesefertigkeit, Hirnverletzungen u.a.m. zum Einsatz kommt) konnte im Rahmen einer Echtzeitdatenanalyse demnach funktionelle Auffälligkeiten etwa in den Arealen des limbischen Systems und strukturelle Veränderungen, insbesondere der weißen Substanz im Frontalhirnlappen, belegen und reduzierte Faserverbindungen mit verringerter fraktioneller Anisotropie messen und bildlich darstellen. Der Verlauf von funktionellen Faserverbindungen kann im zentralen Nervensystem rekonstruiert und anatomisch verglichen werden. Das wiederum erlaubt Messungen von Motivations- und Performanzeffekten z.B. bei psychiatrischen Erkrankungen, die nun auch ätiologisch, also ihre Ursache betreffend, als biologisch begründet werden können. Ein Meilenstein in der Erforschung des konstitutiven Wechselspiels von Geist (Psyche) und Körper (Soma).
In der modernen Psychotherapie, so Schulte-Markwort, habe vor allem die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), also die Messung des zerebralen Blutfluss- oder Glucosemetabolismus (BOLD-Effekt) im Ruhezustand zum Verständnis der anatomischen Korrelate psychopathologischer Phänomene und kognitiver Störungen beigetragen. Durch die Stimulation der Gehirnareale vor allem im präfrontalen und orbitofrontalen Kortex werden neuronale Netze (re-)aktiviert, die wiederum einen Dialog von Synapse und Zellkern mittels Neurotransmitter (Dopamin) in Gang setzen und neue Synapsen entstehen lassen. Klinisch repliziert sind in diesem Kontext Studien zu Hirnaktivitätsveränderungen während der Therapie psychischer Krankheiten. Schulte-Markwort nennt als Beispiel eines probaten psychotherapeutischen Einsatzes von fMRT die sensitive Symptomprovokation bei der isolierten Spinnenphobie. Bei der Konfrontation des Phobikers mit entsprechenden Bild- oder Videosequenzen belegt die Bildgebung eine abnorme Hirnaktivität. Nach einer erfolgreich eingeleiteten kognitiven Verhaltenstherapie bessern sich die Symptome, die Kontrollbilder zeigen eine deutlich verminderte Aktivität im limbischen System. Ähnliches gelte für das Phänomen der sozialen Phobie.
Die klinisch-therapeutische Bildgebung stößt freilich dann an ihre Grenzen, wenn psychische Störungsbilder phänotypisch komplexer sind und nicht standardisiert unter Laborbedingungen überprüft werden können. „Bei der Zwangsstörung konnte bisher kein eindeutiges anatomisches Korrelat nachgewiesen werden“, so Schulte-Markwort. Noch gebe es zu wenige Interventionsstudien mit Monitoring, um weiterreichende Erkenntnisse über Grenzen und Möglichkeiten des Therapieeinsatzes zu erhalten: „Auch unsere Pilotstudie am UKE muss erst noch durch weitere unabhängige Forschungsgruppen bestätigt werden. Derzeit gibt es allerdings einen richtigen Hipe in der Bildgebung. Vor dieser bedingungslosen Euphorie muss ich warnen, denn bei allen Fortschritten sollten wir immer bedenken, dass es sich vornehmlich um Hypothesen und Konstrukte handelt, um komplexeste mathematisch-physikalische Operationen, die vom menschlichen Gehirn keine 1:1-Aufnahme, kein Foto, sondern nur ein Bild sichtbar machen. Wir wissen noch nicht, warum es im Gehirn aufblinkt, wir wissen nur, wo es aufleuchtet. Die Suche nach dem letzten Teilchen im menschlichen Körper wird nicht gelingen“, drückt Schulte-Markwort im Rahmen des Goslarer Wissenschaftskollegs deutlich auf die Euphoriebremse.
Bei aller inzwischen gewonnenen Erkenntnis im Koordinatensystem von Neuro-Imaging und Psychotherapie darf man zum heutigen Stand der Forschung dennoch von einem ersten Etappensieg sprechen, wenn es darum geht, die unterschiedlichen Therapiemodelle von Psychotherapie wissenschaftlich zu evaluieren und auf ihre Effizienz hin zu befragen. Das erhöht freilich den Druck auf die Psychotherapie, die irgendwann einmal in der Verantwortung stehen dürfte, bei jeder einzelnen Störung ihren Nutzwert nachzuweisen. Prof.Schulte-Markwort dazu abschließend: „Soweit ist die Wissenschaft noch nicht. Wir können heute nicht sagen, dass diese oder eine andere Therapiemethode die effizientere ist. Das mag in einigen Jahren der Fall sein. Nun muss es uns vor allem darum gehen, die Art der Wirkung von Therapie besser verstehen zu lernen und die neuropathologischen Fundstellen von Funktionsstörungen im Gehirn zu verorten, also ihre Abweichungen vom Normwert abzubilden und den Hinweisen auf die Selbstregulationskräfte von Aktivität in bestimmten Hirnregionen nachzugehen. Die bildgebenden Verfahren leisten dazu einen wichtigen Beitrag, weil mit ihrer Hilfe psychosoziales Verhalten auf neurobiologische Ursachen hin befragt werden und damit eine entsprechend spezifische Behandlung initiiert werden kann. Die Kartierung des menschlichen Gehirns wird weiter voranschreiten müssen, um die kausale Verbindung von neurobiologischen und psychologischen Prozessen im menschlichen Körper noch besser verstehen zu können“.
Ein Bild von der emotionalen Verfasstheit des Menschen zu bekommen, das ist ein Anliegen der therapeutischen Methode Psychodrama. Es möchte in der szenisch-handelnden Aktion Emotionen freisetzen, Alternativangebote im sozialen Verhalten und der zwischenmenschlichen Begegnung ermöglichen. Das Psychodrama geht auf seinen Begründer Jacob L. Moreno (1889-1974) zurück. Dessen ressourcen- und handlungsorientierte Lebensphilosophie mit dem darin zentral verankerten Kreativitäts- und Spontaneitätspotenzial ist heute in der ganzen Welt etabliert und bildete die zweite thematische Klammer des Goslarer Symposiums rund um das Thema „Bildgebung“.
Morenos Schülerin und langjährige Mitarbeiterin Dr. Grete Anna Leutz, Gründerin und Leiterin des Moreno-Instituts in Überlingen am Bodensee, zählt zu den renommiertesten Psychodramatikern und genießt als Fachärztin für psychotherapeutische Medizin internationales Renommee. Als „Weltreisende in Sachen Psychodrama und Soziometrie“ ist ihre Fachkompetenz weltweit gefragt. Auf dem Weg nach St. Petersburg macht sie in Goslar Station, um der psychodramatisch arbeitenden Netzwerkeinrichtung Mansfeld-Löbbecke-Stiftung von 1833 (MLS) einen Informationsbesuch abzustatten und anschließend dem Wissenschaftskolleg im Bildungshaus Zeppelin das Psychodrama als ein „Bildgebungsverfahren der etwas anderen Art“ vorzustellen. Sie trifft hier auf ein fachkundiges Publikum.
Denn die Mansfeld-Löbbecke-Stiftung zählt Psychodrama und Soziometrie zu den Säulen ihrer sich an den Ressourcen der betreuten Kinder und Jugendlichen orientierenden therapeutischen Angebotsvielfalt. Dem Psychodrama wird eine erlebnisaktivierende Dimension zugeschrieben, während andere Therapieformen wie etwa die Tiefenpsychologie eher diskursiv-reflexiven Charakter haben. Die Moreno-Schülerin macht gleich zu Beginn ihres szenisches Vortrags deutlich, dass die psychodramatisch orientierte Arbeit ohne Bühne, Spiel und Rollen(tausch), ohne szenische Aktion nicht auskommt. Psychodrama definiert sich schließlich als handelndes Erleben (griech.: drama=Handlung) der eigenen inneren Welt (griech.: psyche=Seele). Es ermögliche „im Ausspielen von individuellen Lebensszenen“, so die ehemalige Mitarbeiterin am Züricher C.G. Jung-Institut, „das emotionale Wiedererleben- oder Neuerleben von subjektiv erlebter Wirklichkeit“. Die so entstehenden Bilder der Seele seien therapeutisch verwertbar, weil im Wechsel der Rollen Alternativ-Bilder- und Angebote sichtbar werden, die anderes Handeln und Verhalten möglich machen.
Psychodrama ist Handlung. Also schnappt sich die erfahrene Psychotherapeutin einige ebenfalls psychodramakundige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einer Braunschweiger Wohngruppe der MLS, um mit ihnen gemeinsam auf der Bühne eine konfliktbeladene Szene aus dem Wohngruppenalltag mit einer jungen Borderline-Klientin realitätsnah im Hier und Jetzt zu spielen. Durch die einfühlende Regie der Psychodramaleiterin, durch Rollentausch und Rollenzuweisung, durch Psychodrama-Techniken wie Doppeln, Hilfs-Iche und Selbstgespräch kehrt Dr. Grete Anna Leutz mit wenigen Kunstgriffen bei der Protagonistin (in diesem Fall die emotional belastete Betreuerin) das Innere nach außen, macht so Ängste und Sehnsüchte sichtbar und gewinnt ein Bild davon, wie es um die Erwartungshaltungen zwischen Klient und Betreuerin bestellt ist.
Das supervisorisch inspirierte Bühnengeschehen zeigt eindrucksvoll, dass Psychodrama in erster Linie eine emotionale prozessorientierte Beratung, Begleitung und therapeutisch-diagnostische Intervention ist, die psychische (und soziale) Phänomene vergegenständlicht und im Bühnengeschehen sichtbar und handelnd erlebbar gestaltet. Das wechselseitige Erleben der Rollen ermöglicht eine emotionale Stärkung sowohl beim Protagonisten (Betreuerin) als auch beim Antagonisten (Klientin). Das Psychodrama stellt dafür ein Instrumentarium zur Verfügung, mit dessen Hilfe neue Sichtweisen, Lösungswege, Wegmarkierungen, aber auch der Zugewinn an Selbstwert und Gestaltungswillen initiiert werden.
Es ist damit ein durch und durch humanistisches „Bildgebungsverfahren“, das ohne eine rechenintensive Auswertung von Messdaten auskommt und jenseits neurofunktioneller Abbildung in vivo ein dynamisches Bild vom Menschen zeigt, wie er aus seiner seelischen Innenwelt heraustritt und emotionale Freiheit und kreative Aktivität dazugewinnt.
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Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik
Ärztlicher Leiter: Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort
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20246 Hamburg
www.uke.de
Dr. med. Grete Anna Leutz
c/o Moreno-Institut für Psychodrama, Soziometrie und Gruppenpsychotherapie GmbH
Uhlandstraße 8
88662 Überlingen/Bodensee
www.morenoinstitut-ueberlingen.de










