openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Ozonschutz unter Druck: Industriechemikalien verzögern Erholung der Ozonschicht

16.04.202611:11 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: Ozonschutz unter Druck: Industriechemikalien verzögern Erholung der Ozonschicht

(openPR) Ozonabbauende Chemikalien wie Tetrachlorkohlenstoff (CCl₄) oder bestimmte Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs) werden zwar nicht mehr in Kühlschränken und Schaumstoffen eingesetzt – in industriellen Prozessen dienen sie jedoch weiterhin als Ausgangsstoffe für moderne Kältemittel und Kunststoffe. Bisher blieben diese sogenannten Feedstock-Chemikalien unter dem Radar internationaler Abkommen, weil die produzierten Mengen und Leckraten deutlich unterschätzt wurden.
Empa Forschende konnten nun gemeinsam mit internationalen Forschungsgruppen anhand globaler Messungen zeigen, dass bei der Produktion und Weiterverarbeitung dieser Stoffe jeweils rund drei bis vier Prozent aus Leckagen in die Atmosphäre gelangen. Zudem wurden sie in den vergangenen Jahrzehnten deutlich häufiger eingesetzt. In einer in «Nature Communications» publizierten Studie berechneten sie nun, dass sich die Ozonschicht dadurch um rund sieben Jahre später erholen dürfte als bislang angenommen – sofern die Emissionen nicht reduziert werden. «Diese Stoffe sind nicht nur ozonabbauend, sondern auch stark klima-schädlich. Weniger Emissionen würden gleichzeitig der Ozonschicht und dem Klima helfen», sagt Stefan Reimann, Atmosphärenforscher an der Empa und Hauptautor der Studie.

Messungen zeigen höhere Emissionen

Als das Montreal‑Protokoll in den 1980er‑Jahren ausgehandelt und später verschärft wurde, führte dies zu einem weltweiten Verbot ozonabbauender Stoffe in Alltagsprodukten. Ausgenommen davon waren jedoch Feedstock-Chemikalien. Denn die Industrie ging damals davon aus, dass nur rund 0,5 Prozent der produzier-ten Mengen in die Atmosphäre entweichen und dass diese Stoffe langfristig weniger genutzt würden. «Diese Einschätzung stimmt aber schon länger nicht mehr», sagt Reimann. «Feedstock‑Chemikalien werden heute bei der Produktion, beim Transport sowie bei der Weiterverarbeitung in erhöhtem Mass freigesetzt und die derzeit produzierten Mengen sind deutlich grösser als man vor 30 Jahren annahm.»
Diese neuen Erkenntnisse stützen sich auf globale atmosphärische Messungen aus internationalen Netzwer-ken wie das «Advanced Global Atmospheric Gases Experiment» (AGAGE), zu denen auch die Em-pa‑Messstation auf dem Jungfraujoch gehört. Da viele ozonabbauende Stoffe Jahrzehnte in der Atmosphäre verbleiben, lassen sich aus ihren Konzentrationen Rückschlüsse auf globale Emissionen ziehen. «Wir messen die Konzentrationen dieser Stoffe in der Atmosphäre. Anhand ihrer Lebensdauer können wir berechnen, wie stark sie eigentlich abnehmen müssten. Tun sie das nicht, muss es weiterhin Emissionen geben», erklärt Mar-tin Vollmer, Empa-Forscher und Mitautor der Studie.
Der Vergleich dieser Messungen mit den von den einzelnen Staaten offiziell gemeldeten Produktionszahlen zeigt: Heute gelangen durchschnittlich drei bis vier Prozent der produzierten Feedstock‑Mengen in die Atmosphäre – ein Vielfaches der ursprünglich angenommenen Werte. Für den besonders ozonschädlichen Tetrachlorkohlenstoff liegen die Emissionsraten sogar über vier Prozent.

Warum die Nutzung zunimmt

Die Emissionen steigen jedoch nicht nur wegen höherer Verluste bei der Produktion, sondern auch weil die Nutzung von Feedstock‑Chemikalien insgesamt zunimmt – seit dem Jahr 2000 um rund 160 Prozent. Ein Teil der Feedstocks wurde zunächst zur Herstellung von Hydrofluorkohlenwasserstoffen (HFKWs) genutzt, die nach dem Verbot der FCKWs als Ersatz für Kältemittel eingeführt wurden. Da sich diese Ersatzstoffe später als starke Treibhausgase erwiesen, werden sie heute im Rahmen des sogenannten Kigali Amendments schritt-weise ersetzt. An ihre Stelle treten zunehmend Hydrofluorolefine (HFOs), die das Klima zwar wenig beeinflus-sen, bei deren Herstellung aber erneut stark ozonabbauende Feedstock‑Chemikalien eingesetzt werden.
Hinzu kommt ein stark wachsender Einsatz in der Polymerindustrie – etwa für die Herstellung von Fluorpolymeren wie Teflon (PTFE) oder Polyvinylidenfluorid (PVDF), einem wichtigen Material in Lithium‑Ionen‑Batterien von Elektroautos. «Die Feedstock‑Mengen nehmen nicht ab, sondern wachsen zumindest in den kommenden Jahren weiter», sagt Reimann.

Ozonschicht und Klima sind betroffen

Auf Basis dieser Entwicklungen berechnete das internationale Forschungsteam verschiedene Zukunftsszenarien. Verglichen wurden dabei etwa die ursprünglich angenommenen, sehr niedrigen Emissionsraten mit den heute gemessenen Werten aus der Nutzung von Feedstock‑Chemikalien. Als Referenz dient die etablierte Kenngrösse aus dem Jahr 1980, als der globale Ozonabbau erstmals deutlich beobachtet wurde. Bislang ging man davon aus, dass dieser ursprüngliche Zustand der Ozonschicht um das Jahr 2066 wieder erreicht wird. Die neuen Berechnungen zeigen jedoch: Bleiben die Feedstock‑Emissionen auf dem heutigen Niveau, verschiebt sich dieser Zeitpunkt um rund sieben Jahre. Die stratosphärische Ozonschicht würde sich demnach erst um das Jahr 2073 vollständig erholen. Die Unsicherheitsspanne dieser Abschätzung reicht von sechs bis elf Jahren.
Die freigesetzten Feedstock Chemikalien schädigen aber nicht nur die Ozonschicht, sondern wirken auch als starke Treibhausgase. Wenn sich nichts ändert, erreichen die zusätzlichen klimaschädigenden Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts rund 300 Millionen Tonnen CO₂‑Äquivalente pro Jahr – vergleichbar mit den aktuel-len jährlichen CO₂‑Emissionen eines Landes wie England oder Frankreich. Eine Reduktion dieser Emissionen hätte daher einen doppelten Nutzen.
Ob diese Emissionen künftig durch verbindliche Emissionsgrenzwerte oder eine gezielte Begrenzung besonders problematischer Stoffe gesenkt werden, ist laut Stefan Reimann letztlich eine politische Entscheidung. Auch wenn das Montreal Protokoll weiterhin als einer der grössten Erfolge der internationalen Umweltpolitik gilt, sollte es aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse regelmässig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. «Das Montreal‑Protokoll war erfolgreich, weil Wissenschaft, Politik und Industrie eng zusammengearbeitet haben. Eine solche Zusammenarbeit ist auch heute wieder entscheidend, um neue Herausforderungen anzugehen», sagt Reimann.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Stefan Reimann
Air Pollution / Environmental Technology
Tel. +41 58 765 46 38
E-Mail

Dr. Martin Vollmer
Air Pollution / Environmental Technology
Tel. +41 58 765 42 42
E-Mail

Originalpublikation:
S Reimann, L M Western, M J Lickley, D Sherry, J S Daniel, L Kuijpers, S A Montzka, M Rigby, G J M Velders, M K Vollmer, L Emmenegger, Q Liang, S Park, S Solomon: Continuing Industrial Emissions Are Delaying the Recovery of the Stratospheric Ozone Layer; Nature Communications (2026); doi: 10.1038/s41467-026-70533-w

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 1309442
 50

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Ozonschutz unter Druck: Industriechemikalien verzögern Erholung der Ozonschicht“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von idw - Informationsdienst Wissenschaft

Bild: Zukunftsweisende Forschung auf der Hannover MesseBild: Zukunftsweisende Forschung auf der Hannover Messe
Zukunftsweisende Forschung auf der Hannover Messe
Auf der Hannover Messe vom 20. bis 24. April 2026 zeigt die Universität Stuttgart Projekte mit hohem Anwendungspotenzial für die Industrie. Forschende stellen ein biorobotisches Assistenzsystem und einen interaktiven Demonstrator einer Offshore Power-to-X-Plattform vor. Das Startup Collectu zeigt seine KI-basierte Datenauswertung für Unternehmen und die studentische Kleinsatellitengruppe KSat ihre aktuellen Raumfahrtprojekte. Als internationale Leitmesse für industrielle Transformation bietet die Hannover Messe eine wichtige Plattform für Koo…
Bild: Vom Winde verweht Bild: Vom Winde verweht
Vom Winde verweht
Für die Studie wurde das etablierte Regionalmodell namens COSMO6.0 CLM weiterentwickelt und mit einem erweitertem Windpark-Modul kombiniert, das gegenüber früheren Versionen eine größere Anpassungsfähigkeit bietet. Zum ersten Mal können in einem Modell unterschiedliche Turbinentypen und Rotorgrößen sowie zeitlich abgestufte Inbetriebnahmen einzelner Windparks abgebildet werden. Parallel wurde untersucht, wie die räumliche Anordnung der Anlagenfelder die simulierte Gesamtproduktion von Strom beeinflusst. Größere Turbinen verändern sowohl Wind…

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Warum reines, sauberes Wasser ohne Chlor  so wichtig istBild: Warum reines, sauberes Wasser ohne Chlor  so wichtig ist
Warum reines, sauberes Wasser ohne Chlor so wichtig ist
… Alachlor sind bis ins Grundwasser vorgedrungen. Viele Pestizide sind schädlich und stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen.Industriechemikalien - Viele Industriechemikalien können ein erhöhtes Krebsrisiko zur Folge haben. Einige dieser Industriechemikalien, welche heutzutage die Reinheit und Sicherheit unseres …
SuboLab übernimmt Wackenhut Chemikalien
SuboLab übernimmt Wackenhut Chemikalien
… Subota. „Auf diese Weise verbinden wir Kompetenz mit Flexibilität und Geschwindigkeit.“ SuboLab setze Maßstäbe als Zulieferer in den Bereichen Fein- und Industriechemikalien, Laborgeräte und Laborausstattungen, sowie Arbeitsschutz und biete darüber hinaus mit seinem Online-Shop komfortable Lösungen an. Hauptkundenstamm der jungen Firma sind Laboratorien, …
Bild: Umweltbewusst – Die Online Druckerei Flyerpara.deBild: Umweltbewusst – Die Online Druckerei Flyerpara.de
Umweltbewusst – Die Online Druckerei Flyerpara.de
… produziert. Beim herkömmlichen Offsetdruck wird Alkohol (Isopropanol) eingesetzt. Diese organische Verbindung trägt zum bodennahen Sommersmog und zum Treibhauseffekt bei und schädigt die Ozonschicht. Weiterhin steigt durch die Verwendung von Alkohol die Belastung am Arbeitsplatz, die Gesundheit wird gefährdet und die Brand- und Explosionsgefahr wird …
Bild: Ozonloch über der Nordhalbkugel wächstBild: Ozonloch über der Nordhalbkugel wächst
Ozonloch über der Nordhalbkugel wächst
… Nordhalbkugel. Am Anfang wird eine 40-prozentige Abnahme in den Jahren 1977 bis 1984 über der Antarktis gemessen. In der Folgezeit wird das Gebiet, über dem die stratosphärische Ozonschicht - am stärksten im Spätwinter und im Frühjahr - ausgedünnt ist, immer größer und durchlässiger für die UV-Strahlung. Die Ozonschicht liegt in einer Höhe zwischen 20 …
Bild: Neues RAL Gütezeichen - Sichere Entsorgung von Treibmitteln unterstützt den KlimaschutzBild: Neues RAL Gütezeichen - Sichere Entsorgung von Treibmitteln unterstützt den Klimaschutz
Neues RAL Gütezeichen - Sichere Entsorgung von Treibmitteln unterstützt den Klimaschutz
Sankt Augustin, 15. Februar 2011 – Treibmittel für Polymerschäume wie FCKW zählen zu den Hauptursachen für den Abbau der Ozonschicht. Die sichere Entsorgung dieser Stoffe ist deshalb ein wichtiger Beitrag für den Klimaschutz. Das neue RAL Gütezeichen Rückproduktion von ODS-geschäumten Produkten legt für das Recycling hohe Anforderungen fest, die über …
Der Spezialist für Zinkoxid
Der Spezialist für Zinkoxid
… Kautschuk-, Glas-, Keramik-, Farben-, Pharma- und Kosmetikindustrie. Die zur BrüggemannGruppe gehörende Gesellschaft BrüggemannChemical hat sich auf die Herstellung von Industriechemikalien und Kunststoffadditiven spezialisiert. Die Industriechemikalien bilden den älteren der beiden Unternehmensbereiche und gliedern sich in drei Produktgruppen: Klassische …
Frühlingssonne genießen – UV-Index beachten!
Frühlingssonne genießen – UV-Index beachten!
… warme Temperaturen. Mit dem langersehnten Sonnenschein steigt auch die UV-Strahlung wieder an. Diese kann gerade jetzt ungewöhnlich hoch sein. Der Grund: Häufig ist die Ozonschicht im Frühling unbeständig und führt so zu hohen UV-Belastungen. Um Hautkrebs vorzubeugen, ist UV-Schutz im Frühjahr besonders wichtig. „Unterschätzen Sie nicht die Intensität …
Bild: Bakterien und Chemikalien im WasserBild: Bakterien und Chemikalien im Wasser
Bakterien und Chemikalien im Wasser
… Chlor wird den meisten kommunalen Wasserversorgungsanlagen hinzugefügt und führt zu Arterienverkalkung, Zerstörung des Proteins im Körper, Hautirritationen und Nebenhöhlenproblemen.Industriechemikalien - Viele Industriechemikalien können ein erhöhtes Krebsrisiko zur Folge haben. Einige dieser Industriechemikalien, welche heutzutage die Reinheit und Sicherheit …
Bild: RIWA-Rijn - Jahresbericht 2022: Wasserqualität des Rheins verfehlt die ZieleBild: RIWA-Rijn - Jahresbericht 2022: Wasserqualität des Rheins verfehlt die Ziele
RIWA-Rijn - Jahresbericht 2022: Wasserqualität des Rheins verfehlt die Ziele
… von Stoffen in Konzentrationen nachgewiesen, die über den Zielwerten des European River Memorandum (ERM) liegen, z. B. gibt es mehr Industriechemikalien und Arzneimittelrückstände im Rheinwasser, was von den Trinkwasserversorgern zunehmende Aufbereitungsaufwand erfordert. RIWA-Rijn sieht einen steigenden Bedarf nach Trinkwasser in den Niederlanden. …
Bild: Weltkonferenz zur Rettung der Ozonschicht: Ziehl-Abegg-Experten zur Energieeinsparung bei KlimaanlagenBild: Weltkonferenz zur Rettung der Ozonschicht: Ziehl-Abegg-Experten zur Energieeinsparung bei Klimaanlagen
Weltkonferenz zur Rettung der Ozonschicht: Ziehl-Abegg-Experten zur Energieeinsparung bei Klimaanlagen
Bei der Weltkonferenz zum Schutz der Ozonschicht in Indonesien hat der Waldenburger Steffen Sinn Möglichkeiten zur Energieeinsparung bei Kälte- und Klimaanlagen aufgezeigt. Sinn hat bei dem internationalen Treffen in seiner Funktion als Vertriebsleiter Asien der Künzelsauer Ziehl-Abegg AG gesprochen. Seit Montag, 21. November, findet noch bis Freitag, …
Sie lesen gerade: Ozonschutz unter Druck: Industriechemikalien verzögern Erholung der Ozonschicht