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„Stefan Rohrer – Drift“ in den Jakobshallen der Galerie Scheffel, Bad Homburg

25.05.202213:44 UhrKunst & Kultur
Bild: „Stefan Rohrer – Drift“ in den Jakobshallen der Galerie Scheffel, Bad Homburg
Stefan Rohrer, „Entzwei 2“, 2022 (© Archiv Galerie Scheffel, Bad Homburg, und Künstler)
Stefan Rohrer, „Entzwei 2“, 2022 (© Archiv Galerie Scheffel, Bad Homburg, und Künstler)

(openPR) Die neue Ausstellung in den Jakobshallen der Galerie Scheffel vereint rund 30 der unverwechselbaren plastischen Werke und Papierarbeiten von Stefan Rohrer. Bei der Eröffnung im Beisein des Künstlers würdigte Prof. Dr. Beate Reifenscheid, Direktorin des Ludwig Museum Koblenz, in ihrer Einführungsrede das Werk des Stuttgarter Bildhauers, das nicht nur Kunstkenner begeistert. Zu sehen ist die Ausstellung „Stefan Rohrer – Drift“ in den Jakobshallen neben dem Bad Homburger Schloss bis zum 10. September 2022.

Stefan Rohrer versteht seine raumgreifenden Boden- und Wandplastiken als „dreidimensionale Comiczeichnungen“. Kühne Schwünge, ausdrucksstarke Farben und hintergründiger Humor rund um den Mythos Automobil sind sein Markenzeichen. Während das Ausgangsmaterial für seine großen frei stehenden Werke ausrangierte Autos und Motorroller sind, entwickelt er seine plastischen Wandarbeiten aus Modellautos. Mit handwerklicher Präzision und Finesse verfremdet er die Grundform der Fahrzeuge, zerlegt, dehnt, streckt, verformt und erweitert er sie zu eigenständigen künstlerischen Objekten, die in eleganten Pirouetten oder schwindelnden Strudeln beide Seiten automobiler Geschwindigkeit zugleich veranschaulichen: Temporausch und Kontrollverlust.

„[Meine] Arbeiten vereinen Bewegung und Erstarrung, Realität und Täuschung, Spiel und Ernst“, führt Rohrer aus. Wie in einem einzigen Moment eingefroren, zeichnen seine Werke Bewegungsabläufe im Raum nach und fassen sie in ein Bild zum Stillstand gekommener Dynamik. Sie strahlen Leichtigkeit und Unbeschwertheit aus und doch schwingt die Gefahr am Rande der Katastrophe immer mit. So erzählen sie ambivalente Geschichten, deren Ausgang der Fantasie und Erfahrungswelt der Betrachtenden überlassen ist.

Mit Bedacht wählt Rohrer stets Fahrzeugmodelle, die Kultstatus erlangt haben – sei es in der Rennfahrerei oder als Personenwagen. Mal verweist er auf die Geschichte des Motorsports oder auf die Rolle schnittiger Karossen in bekannten Filmen, mal dreht sich – im wahrsten Sinne des Wortes – alles um das Individualgefährt. Ob Luxuscoupé oder Blechkiste, ob Statussymbol oder Statement gegen das Establishment: Stefan Rohrer spielt mit der Bedeutung des Autos als Identifikationsobjekt, als privater Rückzugsort im öffentlichen Raum und als Inbegriff von Freiheit, Unabhängigkeit und Abenteuer. Mit einem Augenzwinkern spiegelt er in seinen Skulpturen unsere persönlichen Erinnerungen, Träume und auch Vorbehalte in Verbindung mit dem fahrbaren Untersatz. 

In den Jakobshallen visualisiert die eigens für die Ausstellung entworfene Arbeit mit dem anspielungsreichen Titel „Entzwei 2“ das typisch schaukelnde Fahrverhalten einer „Ente“, eines Citroën 2CV. In hohem Bogen spuckt sie beim abrupten Halt ihr Innenleben durch den aus Kotflügeln und Motorhaube geformten und in die Länge gezogenen Entenschnabel aus: Lenkrad und Sitze werden durch die Fliehkraft nach oben katapultiert. Und auch Scheinwerfer, Vorderräder und Motor des mit abgehobenem Hinterteil im Schwung erstarrten Gefährts folgen der weiten Kurve der Bewegungslinie. Ebenfalls in Originalgröße schlingt sich eine hellblaue Vespa („Vespa azzurro chiaro“) um eine durch die Wucht des Aufpralls gebogene Straßenlaterne, während es einen rot-weißen Motorroller der Marke „Jawa“ aus der Kurve geworfen zu haben scheint: Er schleudert sein Vorderrad in einer schleifenförmigen Drehung des langgedehnten Trittbretts hoch hinaus, während sein Hinterrad die Betrachtenden zeitlich zurückversetzt in den Moment der Bodenhaftung.

Bei der Wandarbeit „Cobra 7“ sieht man förmlich vor Augen, wie der britische Sportwagen AC Cobra im rasanten Drift die Rennstreckenabsperrung touchiert und sich daraufhin strudelnd um die eigene Achse dreht. Der „Mustang“ im Kleinformat dagegen kommt von der Fahrbahn ab und wirbelt seine Teile in alle Richtungen. In „Power Flower (Käfer)“ schießen Lenkrad und Sitz bei einem plötzlichen Stillstand des VW-Käfers aus seinem Dach, das sich unversehens zu üppigen Blütenblättern formt. Wurde hier beim spielerischen Driften im heckangetriebenen Fahrzeug ein Unfall provoziert? Der Querstand des Käfers deutet dies an. Wie die genannten Beispiele, erzählen in der Ausstellung zahlreiche weitere Plastiken Geschichten vom Rausch der Geschwindigkeit und von der Gefahr am Rande der Katastrophe.

Rohrer hat sich vorrangig als Bildhauer einen Namen gemacht, doch seine großformatigen Zeichnungen in Altöl und Bleistift auf Papier bilden eine eigenständige Werkgruppe in seinem Schaffen. Die Bilder seiner „Ölfleck“-Serie zeigen alte, ölverschmierte Getriebe, Vergaser oder Kraftstoffpumpen, deren noch angeschlossene Kabel- und Schlauchreste wie Tentakel in fließender Bewegung im Wasser zu schweben scheinen. Die Autoteile wirken dadurch beinahe wie menschliche oder tierische Organe – oder aber wie driftendes Treibgut, das mit verbrauchtem Schmieröl die Meere verunreinigt.

Stefan Rohrer, 1968 in Göppingen geboren, legte die Meisterprüfung als Steinmetz ab bevor er Bildhauerei an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle an der Saale (1998-1999) und anschließend an der Staatlichen Akademie der Künste Stuttgart (1999-2006) studierte. Seine unverwechselbaren Arbeiten wurden im In- und Ausland in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert. Darüber hinaus sind sie vielerorts im öffentlichen Raum anzutreffen und gehören zum Bestand von Museen und namhaften Privatsammlungen. Rohrer ist Träger des Lothar Fischer Preises, war wiederholt bei der Skulpturenbiennale Blickachsen und 2014 bei der Busan Biennale in Südkorea vertreten.

Nun zeigt Stefan Rohrer, der 2016 bereits an der Eröffnungsausstellung der Jakobshallen beteiligt war, seine erste Soloausstellung in den Räumen der ehemaligen Jakobskirche: Großformatige Boden- und Wandarbeiten ebenso wie kleine Modelle und Beispiele seiner charakteristischen „Ölfleck“-Zeichnungen treten in einen räumlich-dynamischen Dialog miteinander, der auch die Erfahrung des ehemals sakralen Raums als Ort der Selbstbegegnung mit einbindet.

Die Ausstellung ist mittwochs bis freitags von 14 bis 19 Uhr und samstags von 11 bis 15 Uhr geöffnet (Jakobshallen, Dorotheenstraße 5, 61348 Bad Homburg v.d.Höhe, www.galerie-scheffel.de).

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