(openPR) „Anderssein ist eine Superkraft“: Pop- Sänger Elijah spricht offen über seinen Autismus
Mittwoch, 08. Juli 2020 - 18:07 Uhr
Profi-Boxer wäre er beinahe geworden, aber sein Durchhaltevermögen kann er auch anderswo einsetzen: in der Musikbranche. Der Mannheimer Steven Elijah Neuhaus schreibt Songs für Stars beim Sony-Musikverlag und steuert als Solo-Sänger Elijah den großen Plattenvertrag an. Als Asperger-Autist und Legastheniker, der einiges einstecken musste, will er mit seiner Musik Mut machen.
Der Gegner wittert die Angst sofort: Wer dem Blick ausweicht, zeigt Schwäche. Also muss man den Menschen immer direkt in die Augen sehen. Das hat Steven Elijah Neuhaus beim Kickboxen gelernt, und es hilft ihm auch als Asperger-Autist, der sich als Kind vor näheren Kontakten fürchtete und nicht berührt werden wollte.
Heute sitzt er entspannt im Café und packt alle Geräusche wie in einer Bibliothek in Fächer: links die Barmusik, rechts das Gewusel auf der Straße. Sein Smartphone bleibt ausgeschaltet, nicht einmal die Krankenwagen- Sirene unterbricht ihn in seinem eloquenten Redefluss. „Ich konnte mich immer gut artikulieren und habe den Vorteil, dass man mir den Autismus nicht so anmerkt“, sagt Neuhaus.
Nur die getönte Brille, die seine blendempfindlichen Augen schützt, weist auf seine Sehbehinderung hin. Aber Sonnenbrillen tragen ja viele Künstler. „Ja, wie Heino oder Xavier Naidoo“, sagt der 30-Jährige und lacht. „Andere verdecken damit vielleicht ihre Alkohol-Exzesse. Dann fallen die Augenringe nicht so auf.“
Der Mannheimer hat sich entschieden, nichts zu verbergen und offen über seine Asperger-Veranlagung zu sprechen. „Dann bin ich halt 'Der Autist', wenn die Leute so über mich reden“, sagt er. „Ich habe nur etwas zu verlieren, wenn ich es verberge und vielleicht irgendwann einen Absturz habe. Wie soll ich das dann erklären?“ Die Leute könnten mutmaßen, er habe ein Drogenproblem, wenn er eine Panikattacke oder einen „Autisten- Lockdown“ bekommt, bei dem er sich von allen Reizen abschotten muss. Deshalb erzählt er von seiner Unangepasstheit nicht nur in seiner Autobiografie „Anderssein ist eine Superkraft“, an der er gerade schreibt, sondern auch in seinen Liedtexten.
„Meine direkte Art zu sagen, was ich denke, brachte mir mehr Kummer statt Geschenke.“
Ein starkes Parfüm, eine schrille Farbe oder die Eigenart eines Menschen konnten ihm als Kind schon zu viel sein und ihn aggressiv reagieren lassen. „Du hast eine Scheiß-Frisur“, sagt er damals zu seiner Oma und schickt sie weg. „Ich habe keine Lust mehr. Du gehst jetzt.“ Aufgewachsen in Worms, Offstein und Horchheim, erinnert er sich an einen Spaziergang mit dem Kindergarten, als er sich wegen der Reizüberflutung auf den Boden wirft: Lärm, Durst, die vielen Kinder, die fehlende Mutter. „Die Erzieherin hat mir eine geknallt.“ Auch ein Lehrer habe ihn blau geschlagen, gewürgt und immer wieder vor der Klasse für dumm erklärt, weil er bis zur fünften Klasse aufgrund seiner Legasthenie weder lesen noch schreiben konnte. Aus dem Schulchor fliegt er raus, weil er früh in den Stimmbruch kommt und total schief singt. „Nur beim Malen und Schauspielern in der Theaterklasse konnte ich mich zeigen. Die Bühne war meine Welt, da konnte ich mich abschotten“, sagt Neuhaus. „Durch die Scheinwerfer sehe ich das Publikum kaum, aber spüre es.“
Jahrelang ist Steven Elijah Neuhaus zur Psychotherapie gegangen, hat systemische Beratung ausprobiert, Sprachgestaltung, Ergotherapie, neurolinguistische Programmierung, Meditation und sogar Hypnose. Dadurch übt er sich im Fokussieren und baut seine Motorik aus. Im Autisten-Training lernt er, Mimiken zu erkennen und hat keine Scheu nachzufragen, wie etwas gemeint ist. Seine alleinerziehende Mutter sucht immer weiter nach Hilfen für ihn und kommt auf die Idee, ihn zum Kampfsport zu schicken, wo er Stress abbauen kann, erst beim Aikido, dann beim Kickboxen und Boxen.
„Schau nicht zurück, immer weiter.“
Aggressivität wandelt er beim Kampfsport in Logik um und geht taktisch vor. Mit der für Asperger-Autisten typischen Detailverliebtheit studiert er die Kämpfe von Vorbildern wie Muhammad Ali oder lässt sich von Filmen wie „Rocky“ inspirieren. „Ich hatte gute Nehmer-Qualitäten“, sagt Neuhaus. „Ich konnte es aushalten, geschlagen zu werden, ohne umzufallen. Dadurch hab’ ich den Gegner ermüdet.“ Mit seinem Ruf als „zornige Weißrübe“, der seinen Trainer aus dem Ring boxt und K.O. schlägt, glauben die Talent-Förderer: „Du wirst mal ein richtig Großer!“ Deutscher Meister und Vize-Weltmeister wird er im Kickboxen und bekommt mit 17 Jahren einen Profi-Vertrag im Boxen angeboten, als er schwer an einer Magen-Darm-Entzündung erkrankt und den Anschluss verliert. Aber was soll er beruflich sonst tun mit Sehbehinderung und Rechtschreibschwäche? Seine Ausbildung zum Physiotherapeuten bricht er ab, weil er mit der Nähe zu den Leuten nicht umgehen kann. Stattdessen will er eine andere, neue Passion ausbauen, die Musik.
„Ich träume groß, lasse jeden Zweifel los, singe los.“
Keiner hätte gedacht, dass ausgerechnet er, der keine Noten lesen kann, einmal Berufsmusiker werden würde. Doch in seiner Krise beginnt er, Gedichte zu schreiben, die zu Rap-Texten werden. Seine Mutter bringt ihn dazu, Gesangsunterricht zu nehmen. 2009 gründet er die Band Soul-On im Stil der Söhne Mannheims, die als Vorband von Max Giesinger vor über 4500 Leuten in Kirchheim-Bolanden rockt. Von 2012 bis 2016 studiert er Tontechnik und Musikproduktion an der Akademie Deutsche Pop in Köln, wo er auch seine heutige Freundin und Mutter seines kleinen Sohns kennenlernt. Schritt für Schritt schafft er es innerhalb von zehn Jahren von einer Garagenband bis zu einem Vertrag mit Sony ATV Music Publishing als Autor, der Lieder für andere Künstler schreibt und mit dem Erfolgs- Produzenten Ivo Moring zusammenarbeitet. In einer Session für Mark Forster oder Roland Kaiser war der Mannheimer etwa mit dabei. „Ob der Song genommen wird, weiß ich noch nicht“, aber zumindest knüpft er in dem Job ein Netzwerk. Unterstützt wird er von Berater Willy Ehmann, der aus Heidelberg stammt und während seiner Zeit als Sony-Manager Musiker wie Bushido, Alanis Morissette und Joe Cocker unter Vertrag nahm. „Vielleicht sieht er in mir den sportlichen Ehrgeiz, meine Art, nicht locker zu lassen“, sagt Neuhaus. „Mich kann nichts K.O. schlagen, auch nicht die Musikindustrie. Denn man kassiert 99 Prozent Absagen.“
Auch da kommt ihm seine Detailverliebtheit als Asperger zugute, der sich 15 Stunden an den Computer setzen kann, um Auftritte zu organisieren und E-Mails zu beantworten. Mit einem Darlehen und Crowdfunding finanziert er „Federleicht“, seine erste EP (Extended Player) als Solo- Künstler mit vier Songs. Mit dem Dancepop-Track als Visitenkarte schafft er es vor zwei Jahren in die Charts und fährt um die 700.000 Streams ein. „Mein Startschuss zum neuen Projekt“, sagt Neuhaus. „Aber ,Federleicht' ist mir fast zu wenig intellektuell. Ich will als Liedermacher starke Texte, die motivieren oder mit denen sich die Leute identifizieren. In die Herbert- Grönemeyer-Richtung oder – wenn ich ganz groß denke – in die Falco- Richtung. Alles sträubt sich in mir, sinnlose Popmusik zu schreiben.“
Als Singer-Songwriter unter dem Namen „Elijah“ strebt er jetzt einen Plattenvertrag an. Doch die Corona-Krise macht ihm gerade einen Strich durch die Rechnung, weil die Clubs geschlossen sind, dort, wo er sich als Newcomer präsentieren könnte. Irgendwann will er es aber schaffen und in einer der großen Arenen inmitten von Tausenden von Leuten am Piano sitzen und singen. „Ich glaube, dass ich das im Leben brauche“, sagt der 30- Jährige. „Beim Profi-Boxen hätte ich mich ja auch nicht für den kleinen Weg entschieden.“
Zur Sache: Autismus-Spektrum-Störung
Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben aufgrund ihrer neuronalen Struktur eine andere Art, Informationen zu verarbeiten. Sie können sich von Sinneseindrücken überwältigt fühlen. Kinder fallen dadurch auf, dass ihnen die soziale Interaktion schwer fällt, sie auf die Gefühle anderer nicht angemessen reagieren und wenig Mimik und Gestik einsetzen. Dadurch wirken sie gefühlskalt, ohne es zu sein. Meist sind sie stark auf Bezugspersonen und Interessensgebiete fixiert und wiederholen Verhaltensmuster. Mit Veränderungen von Routinen tun sie sich meist schwer, neigen zu Phobien und Schlafstörungen. Bei Asperger-Autisten sind Intelligenz und Sprachfähigkeit meist altersgemäß ausgebildet, daher fällt die Diagnose etwas später. Manche Autisten haben Inselbegabungen mit erstaunlichen Gedächtnisleistungen oder Talenten. Man geht davon aus, dass Autismus genetisch bedingt und unterschiedlich ausgeprägt ist – daher spricht man von „Spektrum“.













