(openPR) „Ein voller Bauch studiert nicht gern" – oder die eigenwillige Schwerpunktsetzung der Bildungsverwaltung
Prall gefüllt scheint die Schultüte des Bildungssenats für das neue Schuljahr: Das Schulraumprogramm, kostenloses Mittagessen, freie Fahrt mit der BVG finden sich darin und außerdem 50.000 Euro.
50.000 Euro?! Für 900 Schulen und 400.000 Schüler*innen? Was könnte die Senatsbildungsverwaltung damit vorhaben?
Mit 50.000 Euro kann z.B. eine Lehrkraft für ein halbes Jahr bezahlt werden oder 2.500 Schulbücher angeschafft werden – für jede Schule also etwa drei Bücher. Oder die Bildungsverwaltung könnte jeder Schule 20 Päckchen Tafelkreide spendieren - für den Fall, dass die Umsetzung des Digitalpakts sich verzögert.
Das möchte aber auch die Senatsbildungsverwaltung nicht. Auch sie möchte die Digitalisierung von Schule und die kompetente Mediennutzung vorantreiben - mit 50.000 Euro. Mit diesem Geld möchte sie eine Software entwickeln, nicht selbst, das Medienforum soll diese Aufgabe übernehmen. Und nicht irgendeine Software soll entwickelt werden, sondern eine, die alle Berliner Schulen nutzen können, um ihre Medien, also z.B. ihre Buchbestände, aber auch ebooks und Tablets Schüler*innen und Lehrer*innen zugänglich zu machen und an diese auszuleihen – so, wie das auch in öffentlichen Bibliotheken möglich ist.
Im März, bei einer Fachtagung der LINKEN im Abgeordnetenhaus zum Thema Schulbibliotheken wurde diese Absicht öffentlich geäußert und jetzt auf Nachfrage von der Senatskanzlei bestätigt.
Die Idee ist prima, denn Berlins Schulen benötigen dringend Unterstützung bei der Verwaltung ihrer Medien, sowohl, um den Dauerschwund zu verringern (schon dadurch lassen sich locker weit mehr als 50.000 Euro sparen), aber vorallem sind Medienzentren ein unerlässlicher Beitrag zur Entwicklung von Lese-, Informations- und Medienkompetenz. Mit entsprechender Software und dem Fachpersonal, das diese bedienen kann, würden auch die ohnehin nicht ausreichend vorhandenen Lehrer*innen von dieser Zusatzaufgabe befreit.
Das sieht auch die regierende Koalition so, hat sie doch am Anfang der Regierungszeit beschlossen: "Bestand und Betrieb von Schulbibliotheken werden durch ausreichende Finanzierung und ein tragbares Personalkonzept abgesichert und erweitert sowie die Einrichtung einer gemeinsamen IT-Lösung gefördert." (Koalitionsvereinbarung Berlin 2016)
Und dieses Vorhaben will der Senat nun mit 50.000 Euro umsetzen?
Es ist nach den Erfahrungen mit eGoverment löblich, dass nicht gleich zweistellige Millionenbeträgen eingeplant werden. Aber 50.000 Euro? Damit lässt sich kaum eine Software für alle Berliner Schulen entwickeln, geschweige denn, diese nachhaltig nutzen, wie der Koalitionsvertrag es vorsieht. Denn wie es dort richtig steht, benötigen Schulen neben der Software das entsprechende Fachpersonal, das bei der Medienauswahl unterstützt, die Medien pflegt und ausleiht – wie in den öffentlichen Bibliotheken.
Für Berliner Kinder und Jugendliche gilt die Schulpflicht. Daraus erwächst der Auftrag der Schule „alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln." (Schulgesetz von Berlin § 1).
Und hier zeigt sich, wie löchrig die Schultüte des Senats ist: Kostenlose BVG-Fahrten und ein Mittagessen tragen zur Hauptaufgabe von Schule: Bildung zu ermöglichen, nur begrenzt bei. Was ist körperliche Nahrung ohne geistige Nahrung? Wozu kostenfrei in die Schule fahren, wenn es dort nur öde Klassenräume gibt und keine inspirierenden Bibliothekslandschaften?
Dort, wo es um Bildung geht, hat die Schultüte große Löcher: Erzieher*innenstellen, die nicht nur für das Mittagessen, sondern dringend im Hort und in den Schulbibliotheken benötigt werden, werden gekürzt; Lehrer*innen fehlen; ein Konzept für die Umsetzung des Digitalpakts ist nicht bekannt; der Aufbau von Schulbibliotheken und Medienzentren, die dringend auch für die Umsetzung des Digitalpakts benötigt werden, bleiben auch weiterhin vollständig dem freiwilligen bürgerschaftlichen Engagement überlassen – so der aktuelle Stand.
Die Haushaltsverhandlungen sind fast am Ende, der Finanzsenator hat seine Vorschläge in die Ministerien weiter gegeben, nach den Sommerferien tagen die Ausschüsse, am 8. August der BILDUNGSausschuss. Und wir hoffen, dass er seinem Name alle Ehre macht – und sich für zukunftsorientierte Bildungskonzepte einsetzt. 50.000 Euro reichen dafür nicht.
Jana Haase | Ute Heller
Das Medienkonzept der AGSBB finden Sie hier: https://medienbausteine.agsbb.de/wp-content/uploads/2019/05/ie-Schulbibliothek-im-Medienkonzept_Handreichung-der-AGSBB..pdf













