(openPR) „Wie konnten die damals nur so blauäugig sein“, reibt sich Franzi verwundert die Augen, als sie 2035 im Fach Vermögensmanagement der 9. Klasse der Realschule die Phase des E-Geld-Booms durchnahmen, die bis 2028 nur knapp 8 Jahre dauerte und wie so oft in einer globalen Finanzkrise endete. Die Lehrerin erwidert: „Ja, Franzi – aber es hatte ja auch ein Gutes. Nachdem die Männer es damals auf globaler Ebene so richtig verbockt hatten, durften endlich mehr Frauen ran, was ab 2030 weltweit zur Beendigung des Patriarchats geführt hat.“ Franzis Gesicht hellte sich auf. Doch was war passiert?
Ausgangslage
Ein Plattformkonzern mit einer global beherrschenden Marktstellung und knapp 3 Milliarden Nutzern hatte 2020 eine neue Währungseinheit geschaffen, elektronisches Geld oder E-Geld genannt. Dieses E-Geld basierte einerseits auf einer neuen, schnelleren Blockchain-Variante und andererseits auf einem Währungskorb, der sich nach der Zusammensetzung der Sonderziehungsrechte des IWF ausgerichtet hatte. Gemeinsam mit 100 Partnern, im Nachhinein handelte es sich um Junior-Partner, wurde eine zunächst unabhängige Organisation geschaffen, über die die Infrastruktur zur Abwicklung der Transaktionen auf globaler Ebene errichtet wurde. Darüber hinaus zahlte jeder der Partner 10 Millionen US-Dollar in einen Reservefonds ein, der somit zum Start ein Volumen von 1 Milliarde US-Dollar hatte. Um der neuen Währungseinheit Stabilität zu suggerieren, wurde das Kapital verzinslich in Staatsanleihen entsprechend der Gewichtung im Währungskorb investiert. Die Politik wurde geködert, indem der Plattformkonzern betonte, dass die Einführung des E-Geldes Geldtransfers in Entwicklungsländer vereinfachen und rund 1,7 Milliarden Menschen ohne Konto Zugang zum bargeldlosen Zahlungsverkehr ermöglichen würde. Die Politik schnappte zu. Dies war die Ausgangslage.
Bonusprogramme befeuern erste Boomphase
Die erste Phase des Booms erfolgte gleich zum Start, was daran lag, dass der marktbeherrschende Plattformkonzern mit zahlreichen Händlern lukrative Bonusprogramme aushandelte. Im Austausch gegen vergünstigte Werbekampagnen auf der Plattform war dies für beide Seiten ein gutes Geschäft, gab es doch keine Kontrollen, wer welchen Preis für welche Werbung auf der Plattform zahlen musste – es herrschte ja Vertragsfreiheit. Die Einführung der neuen Währung war dadurch ein voller Erfolg: über eine benutzerfreundliche App installierten sich gleich zum Start 500 Millionen Nutzer eine elektronische Geldbörse auf dem Handy und tauschten alleine im ersten Jahr global im Schnitt umgerechnet 1.000 USD je Nutzer in die neue E-Geld-Währungseinheit um. Derjenige, der es nicht tat, musste es sich leisten können, da er von all den lukrativen Bonusprogrammen ausgeschlossen war. Der größte Renner waren dabei vergünstigte Urlaubsreisen, bei denen sämtliche Zahlungen weltweit in der neuen E-Geld-Währungseinheit erfolgten, was zu deren Akzeptanz in der Bevölkerung und im Handel beitrug. Einfach mit dem Handy.
Reservefonds – das Tor zur Hölle
Doch was passierte mit dem Kapital, das in die neue E-Geld-Währungseinheit floss? Es wurde in besagtem Reservefonds in Staatsanleihen angelegt. Zunächst wurden Staatsanleihen gekauft, die einen Durchschnittszins von 2 Prozent abwarfen. So häuften sich nach dem ersten Jahr umgerechnet 5 Milliarden USD Zinsen an. Der Zins gehörte dabei nicht etwa den E-Geld-Inhabern. Er floss unmittelbar und direkt an die unabhängige Organisation, also in die Taschen der 100 Partner. Doch der Boom ging weiter und die neue E-Geld-Währungseinheit wurde ein globaler Renner. Nach 5 Jahren flossen weltweit umgerechnet 60 Billionen USD in die neue Währungseinheit und der unabhängigen Organisation flossen daraus jährlich 1,2 Billionen USD Zinsen einfach so ins offene Schnäbelchen, während die Konsumenten beglückt von Bonusprogrammen freiwillig auf eine Verzinsung ihrer E-Geld-Währungseinheiten verzichteten.
Diese Entwicklung führte jedoch auf der anderen Seite zu einem Händlersterben. Derjenige der nicht mitmachte, war auf der Verliererseite. Die Folge war, dass sich die oligopolistischen Strukturen ausgehend von dem Plattformkonzern global zunehmend auch auf den Handel übertrugen. Ein geringerer Wettbewerb führte zu einer höheren Preisfestsetzungsmacht der verbliebenen Marktakteure. Was die Konsumenten ursprünglich über die Bonusprogramme gespart hatten, kam nun wie ein Bumerang zurück, nachdem der Markt mehr oder weniger aufgeteilt war.
Giftiger Köder
Und auch der Köder, mit dem der Plattformkonzern Bedenken bei der Politik ausräumte, entpuppte sich als giftig. Denn den Service von günstigen Geldtransfers konnte nur nutzen, wer auch ein Konto bei dem Plattformkonzern unterhielt - eine elektronische Geldbörse auf dem Handy reichte dafür nicht aus. So wurden die Ärmsten der Armen gezwungen, wenn sie denn am bargeldlosen Zahlungsverkehr teilnehmen wollten, nicht nur auf Zinsen zu verzichten, sondern mussten diesen Service auch noch mit ihren Daten bezahlen. Dies verschaffte dem Plattformkonzern in diesen Regionen eine unglaubliche Macht.
Konkurrenz mit Staaten
Auf der Ebene des Reservefonds kam es zu ersten Engpässen. Durch die wiederbelebten Anleihekaufprogramme der Zentralbanken, um die Konjunktur in den eigenen Volkswirtschaften zu stützen, kam es zu einem Run auf verzinsliche Staatsanleihen. Deutsche Staatsanleihen gab es am Sekundärmarkt längst keine mehr. Letztendlich waren sich die Partner in dem Reservefonds einig, dass man das Geld ja nicht 1:1 nach dem Kapitalschlüssel des Währungskorbs in Staatstitel anlegen musste, sondern auf höherverzinsliche Titel ausweichen konnte. Man trug ja selbst kein Risiko, sondern profitierte ja ausschließlich von den Zinsen. Dies hatte zur Folge, dass in dem Reservefonds plötzlich auch risikobehaftete Unternehmensanleihen und Schwellenländeranleihen auftauchten. Es gab ja keine Kontrolle und die Organisation argumentierte verkürzt, indem sie darauf hinwies, dass man ja schließlich Kunden auf der ganzen Welt habe und es eben keine qualitativ hochwertigen Papiere am Markt mehr gäbe.
Erste Einschläge blieben folgenlos
2026 kam es dann zu einem ersten Einschlag, als durch die Pleite eines global tätigen Handelsunternehmens, das sich erfolglos gegen die Marktmacht der neuen Währung stemmte, plötzlich ein Prozent des Geldes des Reservefonds, die in betroffenen Anleihen investiert waren, weg war. Denn der Zusammenbruch eines global tätigen Konzerns hatte auch den Zusammenbruch einer ganzen Lieferkette zur Folge. Dennoch war diese Entwicklung ein Game Changer. Denn parallel dazu hatte der Plattformkonzern längst Gefallen an der neuen Machtposition im Finanzsektor gefunden und von den ursprünglich 100 Partnern bereits 76 aufgekauft, wodurch man in der „unabhängigen“ Organisation über eine qualifizierte Mehrheit verfügte. So war dann auch die Insolvenz des globalen Handelsunternehmens für die unabhängige Organisation ein weiterer Glücksfall, konnte er sich doch als mächtigster Gläubiger große Teile des globalen Handelskonzerns und dessen Lieferkette sichern, was zu einer weiteren Festigung der Marktmacht führte.
Wenn eine Pleite zum Glücksfall wird
Von diesem „Glücksfall“ berauscht, wurde der Reservefonds weiter kräftig in Richtung Unternehmensanleihen umstrukturiert, um dort als Gläubiger Druck zu machen, wo es noch Lücken im Konzernportfolio gab. Da das neue E-Geld bei den Konsumenten bedingt durch die Einfachheit der Transaktionen und der Bonusprogramm ein hohes Vertrauen genoss, fand diese Umstrukturierung kaum Beachtung. Für den Reservefonds war es ein Spiel ohne Risiko.
Weitere Machtkonzentration
Im Jahr 2027 war die vormals unabhängige Organisation komplett in den Plattformkonzern integriert, der dadurch seine globale Marktmacht weiter ausbaute und bei Gläubigerversammlungen regelmäßig als dominanter Player am Verhandlungstisch saß – nicht nur bei Unternehmen, sondern auch bei Staaten, was dem Konzern auch entsprechenden politischen Einfluss sicherte.
Währungskursschwankungen
Durch die neue Preisfestsetzungsmacht in oligopolistischen Märkten waren die Bonusprogramme, die zuvor noch Wechselkursschwankungen abgefedert hatten, längst Geschichte. Dadurch kamen Währungsschwankungen an den Devisenmärkten nun direkt bei den Konsumenten und im Handel an, der darauf mit flexiblen Preisen reagierte und somit die Währungsrisiken an den Devisenmärkten 1:1 auf die Konsumenten übertrug. Dadurch kam es zu ersten Unmutsäußerungen von Verbraucherschutzverbänden, die aber angesichts der Marktmacht des Plattformkonzerns schnell verpufften.
Schock nach Datenpanne
Im Jahr 2028 kam dann der Schock: durch eine Datenpanne drangen Hacker in die Systeme des Plattformkonzerns und damit auch in die einverleibte Organisation, die für die Infrastruktur des E-Geldes verantwortlich war, ein. Es gelang ihnen die Blockchain mittels zu einem neuronalen Netz zusammengeschalteten Quantencomputern zu kopieren und nach ihrem Belieben zu manipulieren, um so die Konten von tausenden Usern zu plündern. Die Folge: Innerhalb kürzester Zeit wollten alle ihr E-Geldkonto sichern, in dem sie es in ihre ursprüngliche Heimatwährung zurücktauschen wollten. Dieser Run führte jedoch zu einem ersten Kursverfall der E-Geld-Währungseinheit und der Gegenwert entsprach nicht mehr dem des Währungskorbs. Diesem Run wollte der Plattformkonzern begegnen, indem er vorschnell ein Tilgungsversprechen aussprach. Dabei wurde der Reservefonds in kürzester Zeit liquidiert, was jedoch durch den Panikverkauf der Anleihen bei den betroffenen Emittenten zu einem kräftigen Renditeanstieg und einem entsprechenden Kursverlust in dem Reservefonds führte. Es war wie bei einem Schneeballsystem: den Letzten beißen die Hunde – denn es war klar, dass das Volumen des Reservefonds geschwächt von Firmenpleiten und Kursrückgängen bei weitem nicht zur Bedienung sämtlicher Ansprüche ausreichte.
Erster E-Geld-Run der Weltgeschichte
Der Run auf das E-Geld verschärfte sich und das Vertrauen war komplett verloren. Das Internet brach unter der Last der Anfragen zusammen und Händler akzeptierten die E-Geld-Währungseinheit ohnehin längst nicht mehr. Parallel dazu waren dem Renditeanstieg an den Finanzmärkten die ohnehin schwache Weltkonjunktur 2028 nicht gewachsen und führte reihenweise zu Firmenpleiten und auch Staaten mussten Sparprogramme ins Leben rufen, um der erhöhten Zinslast zu trotzen. Was ursprünglich für den Plattformkonzern und die vormals unabhängige Organisation eine Gelddruckmaschine war, hatte sich zu einer globalen Geldvernichtungsmaschinerie entwickelt. Dies alles mündete 2028 in einer globalen Initiative der Staatengemeinschaft in einer Zerschlagung des Plattformkonzerns. Viel zu spät, wie es sich im Nachhinein herausstellte. Nachdem deswegen zahlreiche männliche Entscheider ihre Ämter räumen mussten, kamen ab 2030 mehr Frauen in der Weltpolitik in Machtpositionen. Insbesondere durch eine strukturelle Reform des US-Senats wurde hier eine diversere Besetzung ermöglicht, was sich als Segen für dieses wichtige Entscheidungsgremium herausstellte, was weltweit zahlreiche Nachahmer fand.
Und die Moral von der Geschicht?
So fällt Franzi am Ende des Unterrichtsblocks die Beantwortung der Frage der Lehrerin, nach der Moral von der Geschicht, auch leicht: „Marktbeherrschenden Plattformkonzernen traut man nicht.“ Unter den Schülern ist der Reim
„Politiker sind besonders hohl,
flirten sie mit einem Oligopol,
die Ordnungspolitik muss es kapieren,
es möglichst frühzeitig zu regulieren.“
mittlerweile ein geflügeltes Wort. Eine Erkenntnis, für die 2028 ein hoher Preis bezahlt wurde.
Thomas Wüst, Geschäftsführer valorvest Vermögensverwaltung










