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„Bio-Produkte sind nicht per se besser“

02.08.201709:45 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: „Bio-Produkte sind nicht per se besser“
Prof. Dr. Heiner Schanz. Foto: Patrick Seeger
Prof. Dr. Heiner Schanz. Foto: Patrick Seeger

(openPR) Erdbeeren im Dezember, Tomaten aus Holland: Wie sich der Einzelne in Deutschland ernährt, bestimmt Schätzungen zufolge etwa ein Drittel seines ökologischen Fußabdrucks. Die Auswirkungen des Konsums sind dort ein drängendes Thema, wo sie sich multiplizieren: in den Städten. Doch kann eine Stadt überhaupt Einfluss auf die Ernährung nehmen und damit nachhaltiger werden?



Nachhaltigkeit spielt eine zentrale Rolle in den Leitbildern vieler deutscher Städte und Gemeinden. Um die Emission von Kohlenstoffdioxid (CO2) zu reduzieren, treiben sie bisher vor allem Maßnahmen in der Energieversorgung und im Verkehr voran. Das Projekt „Kommunale Ernährungssysteme als Schlüssel zu einer umfassend-integrativen Nachhaltigkeits-Governance“ (KERNiG) geht einen Schritt weiter. Die Verbundpartnerinnen und -partner untersuchen in den Städten Leutkirch im Allgäu und Waldkirch im Breisgau, wie sich Ernährungssysteme kommunalpolitisch beeinflussen und verändern lassen. Sonja Seidel hat mit Heiner Schanz, Leiter der Professur für Environmental Governance an der Universität Freiburg und Sprecher von KERNiG, über die Situation in den Projektstädten und über die Merkmale einer nachhaltigen Ernährungsweise gesprochen.

Herr Schanz, woran liegt es, dass bisher kaum eine Stadt die Ernährung ihrer Bürgerinnen und Bürger unter die Lupe nimmt?

Heiner Schanz: Zum einen hat es damit zu tun, dass Ernährung Privatsache ist. Jeder möchte selbst entscheiden können, was bei ihm auf den Teller kommt. Zum anderen ist Ernährung und der Vertrieb von Lebensmitteln ein sehr komplexes Thema: Ein durchschnittlicher Supermarkt bringt es auf 12.000 Produkte. Davon sind 9.000 Lebensmittel, die vielfach Zeitlichkeiten wie zum Beispiel Haltbarkeit, Saisonalität und Verfügbarkeit unterliegen. Außerdem gibt es überhaupt keine Datengrundlage; wir wissen nicht, wie viel eigentlich in einer Stadt gegessen wird, was konsumiert wird und woher das Essen kommt. Bei den Themen Energie und Mobilität ist es viel einfacher, Zahlen zu erheben. All diese Punkte führen dazu, dass man die Ernährung zwar als wichtig erkannt hat, aber nicht aktiv angeht.

Wenn sich also keiner in seine Ernährungsweise reinreden lassen will, wo setzt dann das Projekt KERNiG an?

Wir setzen an der Vielfalt an ernährungsbezogenen Aktivitäten und Beziehungen in den Gemeinden an. Die Lebensmittelmärkte sind zwar global, international und regional ausgerichtet, aber tatsächlich sind es die Akteurinnen und Akteure vor Ort, die die städtische Ernährung prägen. Die Stadt Leutkirch beispielsweise hat 23.000 Einwohner. Vor Ort beschäftigen sich derzeit 400 Akteure von der Stadtverwaltung über Unternehmen, Vereine und Initiativen bis zu einzelnen Bürgerinnen und Bürgern mit der Produktion, Verarbeitung, Ver- und Entsorgung von Lebensmitteln – vielfach ohne überhaupt voneinander zu wissen. Wir versuchen deshalb zunächst zu verstehen, wie die einzelnen Akteure vernetzt sind und was passieren würde, wenn man sie durch gemeinsame Aktivitäten oder ein gemeinsames Leitbild systematisch zusammenbringt. Im Kern geht es darum, ob sich Ernährung von kommunalpolitischer Seite über die Aktivierung von Netzwerken gezielt gestalten lässt.

Wie beziehen Sie die einzelnen Akteure mit ein?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung des Projektes; die beiden Städte sind ja gleichberechtigte Projektpartner, insofern haben wir es prinzipiell mit über 45.000 Projektbeteiligten zu tun. In einem ersten Schritt haben wir daher mit Expertenrunden gearbeitet, in denen von den Stadtverwaltungen benannte Multiplikatoren – vielfach Unternehmen aus der Branche und Bürgerinitiativen – zu Wort kamen. Außerdem haben wir offene Bürgerforen veranstaltet, weil wir niemanden ausschließen wollten, sondern weil jeder die Möglichkeit haben sollte, mitzudenken und mitzuarbeiten. Auf Grundlage der Ergebnisse aus den Diskussionen erarbeiten die Kommunen derzeit konkrete Maßnahmen, die in der nächsten Projektphase umgesetzt und von den Forschungspartnern begleitet werden.

Müssen die Bürger von Waldkirch und Leutkirch nun alle im Bioladen einkaufen?

Nicht notwendigerweise. Bio-Produkte sind nicht per se besser als konventionelle – auch wenn das in der öffentlichen Diskussion häufig unterstellt wird. Im Hinblick auf die Nachhaltigkeit sollte man viel stärker weg vom einzelnen Produkt hin zu den Ernährungsgewohnheiten kommen. Dann wird auch schnell deutlich, dass scheinbar „bessere“ Alternativen wie die vegane Ernährung in der Gesamtschau nicht zwangsläufig besser abschneiden. Denn Ersatzprodukte wie pflanzliche Öle, Fette und Soja können in den benötigten Mengen und mit der erforderlichen ganzjährigen Versorgungssicherheit nicht regional hergestellt werden, das hat natürlich Auswirkungen auf die Umwelt. Würde sich eine ganze Stadt oder gar die ganze Bundesrepublik rein vegan ernähren, hätten wir sicher ein nachhaltiges Problem.

Was kann der Einzelne also tun?

Selber kochen und sich regelmäßig – einschließlich des Einkaufs – auch Zeit dafür zu nehmen befördert das Verständnis für die komplexen Zusammenhänge. Wie, wo, wann etwas produziert und verarbeitet wird – das ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Ernährung, aber eben nur ein Aspekt des Problems. Die andere Frage ist, wie sich die Auswirkungen individueller Ernährungsgewohnheiten in Gesellschaften multiplizieren, also wie viel produziert und verarbeitet werden muss, damit alle über das gesamte Jahr hinweg gesund satt werden. Studien zeigen, dass eine gemischte Ernährung, das heißt, mit gemäßigtem Fleisch- und Genussmittelkonsum sowie mit saisonalen und regionalen Produkten, ein größeres Reduktionspotential des ökologischen Fußabdrucks hat als beispielsweise der ausschließliche Konsum von biologischen Lebensmitteln. Konkret heißt das auch: möglichst wenig Essen wegschmeißen.

Quelle: Universität Freiburg

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